100 Jahre Ellenfeldstadion Teil 1

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Vom – Borussia-Sportplatz – zum Erinnerungsort
 
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Vereinswimpel der Borussia bei Sammlern
hoch im Wert
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Anfänge im Ellenfeld  – Quelle: as 351-3
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Postkarte Ellenfeldstadion 1913
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Mannschaft aus London im Ellenfeld
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MTK Budapest siegt im Ellenfeld
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Die alte Tribüne
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Die neue Tribüne
 
Die Geschichte des Ellenfeld-Stadions beginnt mit einem Eklat.

Im Herbst 1911 ist Albrecht Menzel von Borussia Neunkirchen zu Besuch bei seinem Schulfreund Otto Schmidt, dem Direktor der Neunkircher Schloss-Brauerei. Menzel, einer von drei Schriftführern des aufstrebenden Sportvereins, will eine Unterschrift von Schmidt. Es geht um den Pachtvertrag für ein Gelände in einem schmalen Tal unweit der Brauerei: das Ellenfeld. Dort soll der „Borussia-Sportplatz“ entstehen, doch Schmidt will das Ellenfeld weiterhin als Viehweide nutzen. Menzel versucht den Freund, der ein eifriger Sportler ist, für das Vorhaben der Borussia zu begeistern. Er breitet den Bau- und Lageplan vor ihm aus. Doch Otto Schmidt bleibt hart. „Ich brauche eine Weide in nächster Nähe. Das Wagwiesental ist zu abgelegen. Das Ellenfeld kann ich also nicht abgegeben.“ Menzel ist nicht der Erste, der sich in dieser Sache an Schmidt versucht. Auch er droht an der Sturheit des Brauereidirektors zu scheitern. Menzel gerät aus der Fassung, er reißt die Pläne an sich, eilt davon und brüllt, schon halb aus der Tür: „Mit unserer Freundschaft ist es aus, ein für alle Mal!“ Da hört er plötzlich: „Halt, halt, halt!“ Schmidt gibt Menzel die ersehnte Unterschrift. Er fragt: „Willst du sonst noch was?“

Als Albrecht Menzel diese Geschichte aufschreibt, im Jahr 1974, spielt Borussia Neunkirchen um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Das Neunkircher Eisenwerk verzeichnet einen Rekordumsatz. Und das Ellenfeld-Stadion steht so da, wie wir es heute kennen. Das heutige Ellenfeld-Stadion ist 1964 für die Bundesliga gebaut worden, und wenn ich den „Mythos Ellenfeld“ anspreche, denken hier im Raum sicher viele an überfüllte Ränge, an Punktspiele gegen den Hamburger SV oder Bayern München und an Fußballer wie Willi Ertz, Elmar May oder Günter Kuntz. Es dürften aber auch viele an ein Neunkirchen denken, das es nicht mehr gibt, an die „Stadt der Kohle und des Eisens.“ Das Ellenfeld-Stadion ist ein Erinnerungsort in einer Region, die sich in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt hat. Mein Eindruck ist, dass sich die Menschen an diesem Ort mit der Vergangenheit auseinandersetzen, ohne ein Museum zu besuchen oder im Geschichtsbuch zu blättern. Wer ins Ellen­feld-Stadion geht, erinnert sich an das, was einmal war. Oder er wird sich bewusst, dass er etwas verpasst hat.
Ich will versuchen, Ihnen die Geschichte des Ellenfeld-Stadions zu erzählen. Die Geschichte eines Stadions, das 100 Jahre alt und damit das älteste Stadion im Saar-Lor-Lux-Raum ist. Albrecht Menzel wird uns ein wichtiger Gewährsmann sein, denn vieles, was wir über das Ellenfeld-Stadion wissen, hat er der Nachwelt überliefert. Auch die folgende Episode, mit der wir unsere Zeitreise beginnen wollen, vor etwas mehr als 100 Jahren.

1912
Tausende sind am 8. Oktober 1911 auf den Beinen. Borussia Neunkirchen veranstaltet an diesem Tag ein Schaufliegen im Ellenfeld. Der Flugpionier Bruno Werntgen aus Köln-Merheim soll in dem schmalen Tal seine Maschine starten und Neunkirchen überfliegen, um auf den im Bau befindlichen „Borussia-Sportplatz“ aufmerksam zu machen. Am frühen Nachmittag beginnt das mit Spannung erwartete Spektakel. Etwa 20.000 Schaulustige besetzen das Tal und die umliegenden Höhen. Die Bergkapelle der Grube König spielt auf, den Triumphmarsch aus „Aida“ von Giuseppe Verdi. Doch der Start missglückt. Werntgen versucht es ein zweites, ein drittes Mal. Ohne Erfolg. Enttäuscht ziehen die Massen von dannen. Erst zwei Tage später, diesmal in Wellesweiler, hebt Werntgen ab.
Borussia Neunkirchen entwickelt sich in dieser Zeit zum größten Fußballklub im Saarrevier. Mit dem Bau eines vereinseigenen Sportplatzes festigt der Verein seine Vormachtstellung in der Region. Das Schaufliegen im Ellenfeld dient der weiträumigen Bekanntmachung des Bauvorhabens. Der „Borussia-Sportplatz“ soll, so steht es wenige Wochen vor Eröffnung in der „Neunkircher Volkszeitung“, „ein Sportzentrum für die ganze Neunkircher Umgebung werden, Saarbrücken nicht ausgeschlossen“. Am 5. November 1911 hat Borussia mit Otto Schmidt einen Pachtvertrag abgeschlossen und sich ein Vorkaufsrecht ins Grundbuch eintragen lassen.
In dem Kassenbericht für das Geschäftsjahr 1911/12 schlägt die Platzanlage mit genau  17.209,54 Mark zu Buche. Hinzu kommt eine zu verzinsende Anleihe in Höhe von 6.000 Mark. Macht in der Summe nicht weniger als 23.209,54 Mark. Zum Vergleich: Die Einnahmen aus Wettspielen und Mitgliedsbeiträgen belaufen sich auf 5.661,54 Mark. Teuer sind vor allem die Erdarbeiten im Ellenfeld. In einer Quelle ist von 30.000 Kubikmetern bewegter Erdmasse die Rede. Auf einem rechteckigen Grundriss entsteht im Ellenfeld ein sich in die Landschaft einpassendes Erdstadion mit Rasenplatz und Zuschauerplätzen an den Längsseiten. Die meisten Zuschauer fassen die in den Hang gegrabenen Terrassen im Schatten der Schloss-Brauerei.

Gegenüber erhebt sich eine künstliche Böschung. Vor dem Sportplatzbau spielte die Borussia einen Steinwurf entfernt im Friedrichspark auf dem zugeschütteten Heusnersweiher.
Das erste Fußballspiel im Ellenfeld wird am 7. April 1912, dem Ostersonntag, ausgetragen. Gegner ist die Fußballmannschaft des 6. Königlich-Sächsischen Infanterieregiments Nr. 105 aus Straßburg, dem auch der spätere NS-Sportführer Hans von Tschammer und Osten angehört. Neunkirchen gewinnt die Partie mit 6:3. Doch es vergehen noch Monate bis zur offiziellen Einweihung des „Borussia-Sportplatzes.“

Am 14. Juli 1912, in der Zeit der Olympischen Spiele von Stockholm, veranstaltet Borussia Neunkirchen mit einigem Aufwand „Nationale Olympische Wettkämpfe“ auf dem neuen Gelände. Die Wettkämpfe stehen unter dem Protektorat von Constanz von Baltz, dem Regierungspräsidenten des Bezirks Trier, zu dem Neunkirchen damals gehört. Daneben gibt es einen Ehrenausschuss mit rund 50 Mitgliedern. Ihm gehören Amtsträger wie Neunkirchens Bürgermeister Hermann Ludwig und eine Reihe lokaler Honoratioren an, unter ihnen ein Kaufmann namens Herzberger, bei dem es sich um Alfons Herzberger handeln dürfte.
An den „Nationalen Olympischen Wettkämpfen“ in Neunkirchen beteiligen sich 22 Sportvereine aus dem weiteren Umkreis und darüber hinaus, etwa der VfB Breslau, Pfeil Kassel, der Akademische Sport-Club aus Münster und der Kölner Ballspielklub, aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg der 1. FC Köln hervorgehen wird.
Mit den „Nationalen Olympischen Wettkämpfen“ unterstreicht die Borussia, dass es dem Klub beim Sportplatzbau nicht nur um die Förderung des Fußballs gegangen ist. Sportbegeisterte beschränken sich in dieser Zeit selten auf eine einzige Sportart, und der „Borussia-Sportplatz“ soll eine Werbefläche für die bürgerliche Sportbewegung im Allgemeinen sein.

Das zeigt das Beispiel von Arthur Goedicke. Goedicke nimmt als Athlet an den Wettkämpfen zur Einweihung des Ellenfeld-Stadions teil. Er ist zugleich Mitglied der ersten Fußballmannschaft, gemeinsam mit seinem Bruder Karl. Die Goedickes sind dabei, als die Borussia im Jahr 1912 als erster Klub aus dem Saarrevier in die höchste Liga aufsteigt. Im Nachlass von Arthur Goedicke finden sich neben Bildern von Fußballspielen auch etliche von Leichtathletikveranstaltungen im Ellenfeld.

1920
Nach dem Ersten Weltkrieg erlebt der Fußball in Deutschland einen ungekannten Aufschwung. Er entwickelt sich zum Zuschauersport. Das ist auch im Saargebiet nicht anders, das nach dem Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennt ist. Menschenmassen bestimmen zunehmend die Wahrnehmung des Spiels, in den zeitgenössischen Sportzeitungen treten neben Bilder vom Spielgeschehen solche überfüllter Ränge.

Am 14. Juli 1920 erscheint die allererste Ausgabe des „Kicker“. Ausführlich wird darin über die „Tournee“ des MTK Budapest berichtet, dessen Mannschaft in diesen Tagen in der Schweiz, in Deutschland und auch im Saargebiet unterwegs ist. „All diejenigen, welche den M.T.K. auf seiner Tournee haben spielen sehen“, hebt der „Kicker“ an, „werden begriffen haben, dass es zurzeit keinen kontinentalen Verein gibt, der der Spielstärke der englischen Ligavereine so nahe kommt wie der diesjährige ungarische Meister.“ Für die Klubs des europäischen Festlandes sind die Mannschaften aus England, dem Mutterland des Fußballs, zur damaligen Zeit der Maßstab.

Zufällig am selben Tag, an dem der „Kicker“ auf den Markt kommt, gastiert MTK Budapest auf dem „Borussia-Sportplatz“ in Neunkirchen. Obwohl das Spiel an einem Mittwochabend stattfindet, drängen vor dem Anpfiff so viele Menschen zum Ellenfeld wie noch nie. 10.000 Zuschauer bedeuten einen Rekordbesuch. Kaum sind fünf Minuten gespielt, da fällt das erste Tor. Borussia liegt in Führung. Im Spielbericht, den die „Neunkircher Zeitung“ zwei Tage später druckt, wird die Reaktion des Publikums ausführlicher beschrieben als das Tor selbst:
„Unendlicher Jubel und Händeklatschen überwogten die 10000-köpfige Menge, die den Platz einschloss, und setzten sich fort in den vielen, vielen Hunderten, die die umliegenden Höhen und Mauern des Platzes besetzt hielten.“ Am Ende unterliegt Neunkirchen dem MTK Budapest zwar mit 2:3, trotzdem gilt dieses Ergebnis als Sensation.

Fünfstellige Zuschauerzahlen geben den Anstoß zu einem Ausbau des „Borussia-Sportplatzes“. Auf der heutigen Gegengerade entsteht 1921 eine imposante Holztribüne, deren Baukosten im Jahr 1930 auf 200.000 Mark beziffert werden. Glaubt man den historischen Quellen, handelt es sich bei dem überdachten Bau um die größte Tribüne in einem Umkreis von 100 Kilometern. Bau-herrin und Eigentümerin ist nicht die Borussia, sondern eine Tribünengesellschaft, die Zuschläge auf den Eintritt erhebt. Es ist ein Geschäft, das sich lohnt.

MTK Budapest ist nicht die einzige Mannschaft aus dem europäischen Ausland, die Anfang der zwanziger Jahre in Neunkirchen aufläuft und das Kosmopolitische des Fußballs dieser Zeit verdeutlicht. Regelmäßig reisen Klubs aus entfernteren Regionen der Weimarer Republik wie 1860 München zu Freundschaftsspielen ins Saargebiet, während Ligaspiele meist in einem kleinen Radius stattfinden. Trotzdem ziehen auch Begegnungen mit Nachbarn tausende Zuschauer an. Im Saargebiet mobilisiert in der ersten Hälfte der Zwanziger vor allem das Duell zwischen Borussia und Saar 05 die Massen. An den Spieltagen verkehren Sonderzüge zwischen der Großstadt Saarbrücken und Neunkirchen.

Das Neunkircher Publikum gilt in der Nachbarschaft als schwierig. 1922 erwähnt der Korrespondent des Münchner „Fußball“ einen „Hilferuf“ des FV Saarbrücken, heute: 1. FC Saarbrücken, an den Verband. Angesichts des „Neunkircher Fanatismus“ könne in der Hüttenstadt kein Spiel gewonnen werden, heißt es. Nach einer Partie gegen den TV Burbach beklagt sich in der viel gelesenen Sportzeitung sogar ein Neunkircher: „Ein großer Teil unseres Publikums ist immer noch so fadenscheinig wie im vorigen Spieljahr. Sie können einfach ihre Schn… (äbel) nicht halten. Sie könnten doch eigentlich endlich eingesehen haben, dass die elementaren Ausbrüche einer niederen Denkungsart den weiteren Spielverlauf nicht beeinflussen können, sondern dass sie vielmehr den eigenen Verein bei dem Gegner und den anderen auswärtigen Gästen herabsetzen.“
Tatsächlich entstammen die Zuschauer auf dem „Borussia-Sportplatz“ nicht allesamt der lokalen Bevölkerung. Vor allem bei großen Spielen begegnet man in Neunkirchen einem überregionalen Sportpublikum, das keine Kosten und Mühen scheut, um vor Ort zu sein. Das Sportpublikum kommt nicht nur aus dem Saargebiet, sondern auch aus angrenzenden Regionen wie Lothringen oder der Pfalz. Es ist dieses Publikum, das Neunkirchen an Spieltagen wie eine Großstadt erscheinen lässt und den „Borussia-Sportplatz“ zum Schauplatz der Modernisierung macht. Zu diesem Schauplatz gehören die Massen und die für sie bestimmten Reklametafeln im Stadion ebenso wie die im Umkreis parkenden Automobile, deren Anzahl in den Sportberichten regelmäßig vermerkt wird.
 

Ende des 1. Teil
– Fortsetzung folgt –

Tobias Fuchs

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