100 Jahre Ellenfeldstadion Teil 2

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Vom - Borussia-Sportplatz - zum Erinnerungsort
 
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Ellenfeld-Ehrenmal ca. 1930   – Quelle: as 58-3
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Eintracht Frankfurt 1938 im Ellenfeld
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Kap 3 - 1952 - Titelblatt
Aufbau - Ausbau - Neues Leben
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Spielszene in der 1. Bundesliga
 
Einen Eindruck von den damaligen Verhältnissen vermittelt die Berichterstattung über das größte Spiel, das in den zwanziger Jahren im Ellenfeld-Stadion stattfindet. Am ­
9. März 1924 trifft Borussia im Kampf um die Süddeutsche Meisterschaft vor 12.000 Zuschauern auf die SpVgg Fürth. Das Fachblatt „Fußball“ druckt im Anschluss an diese Begegnung zwei lange Reportagen aus Neunkirchen ab. Die Texte erscheinen unter Pseudonym.

In einer der Reportagen, überschrieben mit „Wie ich es sah“, heißt es: „Neunkirchen. Bucklige Straßen. Rauchgeschwärzte Häuser. Sogar den Menschen, die dieses Fleckchen Erde bewohnen, drückt die Industrie, die Arbeit in Grube und Hütte, ihren typischen Stempel auf. Und wie an Arbeitstagen unübersehbare Massen Werktätiger vom Werk sich bahnwärts schlängeln, so strömen heute am Sonntag endlose Reihen stadt- und bergwärts. Der Borussiaplatz auf luftiger Höhe ist ihr Ziel.“

Die zweite Reportage beginnt im Zentrum von Neunkirchen, am Hotel Halberg, unweit des heutigen Corona-Hochhauses: „Typen von den Bergmannsdörfern der Umgegend strebten mit langen Schritten, die einen stundenlangen Marsch kennzeichnen, dem Hüttenberg zu. Dann war auf einmal die ganze Brücke voll von einem dichten Menschenschwarm, der auf einen zukam: Ein Zug war angekommen. „Hoscht doi Kaart schun?“ Aha, Pfälzer. Ein radelnder Bekannter bremste vor mir, er kam von oben. „Es sind schon mindestens 3000 Leute auf dem Platz und futtern Worschtwerk.“ [sic!] Da wurde es Zeit für mich, denn ich hatte noch nicht gegessen. ¾ Stunde vor Spielbeginn kam ich auf den obern Markt und stieß auf die große Heerstraße. Ein gewaltiger Magnet schien alles, was auf dem Pflaster war, Fußgänger, Radler, Autos, Straßenbahnen zwischen den Häusermauern durch unentrinnbar in Eiltempo nach der Scheib zu ziehen. Dort standen bereits in allen Straßen endlose Reihen von Autos, sogar Lastwagen, die von 25–30 Gästen in cumulo gemietet waren, und immer noch knatterten neue Fahrzeuge durch die Hohl heran. Einer hat sie gezählt: es waren 106 Motorwagen. Am Platztor natürlich mörderisches Gedränge […]. Plötzlich wurde ich emporgehoben, 4 m weiter getragen, 2mal um meine Achse gedreht und einem halbtoten Kartenkontrolleur gegen den Bauch geschleudert. […] Ich blickte rundum. Die hochaufsteigenden Terrassen verschwanden unter 10 000 Menschenleibern. Regungslos standen die dunkeln Menschenmauern da und wie in Menschenleibern verwurzelt ragten die Pfeiler der großen Tribüne hinauf in das Dunkel des mächtigen Daches.“

Am 16. Dezember 1928 schildert die „Saarbrücker Zeitung“ in blumigen Worten ein zweifelhaftes Spektakel auf dem „Borussia-Sportplatz“. „Den Bewohnern des oberen, westlichen Stadtteiles bot sich heute Morgen ein schaurig schönes Feuerwerk dar. Die etwa 100 Meter lange Tribüne mit Umkleiden der Gesellschaft „Borussia“ auf dem Borussia-Sportplatz in dem Ellenfeld ging gegen halb 8 Uhr plötzlich in Flammen auf. Von einer kleinen Flamme in der Mitte des Holzbaues wurde der ganze Bau im Augen­blick vom Feuer erfasst. In weitem Umkreis wurde der frisch gefallene Schnee purpurrot erleuchtet.“

Nach der Feuersbrunst tritt die Tribünengesellschaft wieder auf den Plan. Sie errichtet eine neue Tribüne mit 700 Sitzplätzen, angeblich, weil die Brandversicherung an einen Neubau geknüpft ist. Die Tribüne ist ein Massivbau, der neben Umkleiden und Geschäftsräumen auch das „Borussia-Heim“ beherbergt. Die Baukosten übersteigen bei weitem die vom Versicherer Gerling ausgezahlte Entschädigungssumme und können über Eintrittsgelder nicht refinanziert werden. Schließlich überträgt die Tribünengesellschaft ihr Bauwerk an die Borussia – inklusive einer Schuldenlast von 270.000 Francs.

Im Frühjahr 1932 steht Borussia Neunkirchen vor dem Bankrott. Es ist der jüdische Kaufmann Alfons Herzberger, der dem Klub einen Vergleich mit seinen Gläubigern ermöglicht. Herzberger besitzt in Neunkirchen das Kaufhaus Joseph Levy Wwe., das nach der Rückgliederung des Saargebiets an das Deutsche Reich im März 1935 „arisiert“ wird, während Herzberger flüchten muss. 

1952
1952 veröffentlicht Borussia Neunkirchen eine Denkschrift mit dem Titel „Ellenfeld-Stadion – Aufbau, Ausbau, Neues Leben“. Sie markiert den Beginn eines über ein Jahrzehnt andauernden Ausbaus des früheren „Borussia-Sportplatzes“ zum Stadion für die Bundesliga. Auf dem Titelblatt der Denkschrift ist eine Zeichnung von Albrecht Menzel zu sehen. Sie zeigt das Ellenfeld-Stadion mit einer am Hang zur Schloss-Brauerei hin aufsteigenden Tribüne für 9.000 Zuschauer. Die Zeichnung folgt Entwürfen des Neunkircher Architekten Felix Schaan.
Schaan, nach dessen Plänen unter anderem das Corona-Hochhaus in Neunkirchen erbaut worden ist, wird Anfang 1952 von der Borussia kontaktiert. Der Architekt hat einen Bezug zum Verein. Sein Bruder Josef hat in den zwanziger Jahren in der ersten Mannschaft der Borussia gespielt, er selbst ist Vereinsmitglied. Borussia bittet Schaan, schnellstens Pläne für einen Ausbau der Spielstätte zu erarbeiten. Denn am 20. April 1952 soll in Neunkirchen ein Fußball-Länderspiel zwischen dem Saarland und Frankreich B stattfinden.
Das Saarland beschreitet in der Nachkriegszeit einen politischen Sonderweg. Seit 1947 existiert ein von Deutschland unabhängiger Saarstaat mit Bindung an Frankreich. International tritt das Saarland mit Beginn der fünfziger Jahre vor allem im Sport in Erscheinung. Höhepunkte sind die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Helsinki und die Qualifikationsrunde für die Fußball-WM 1954, in der das Saarland auf Deutschland trifft. Um als Sportnation erfolgreich sein zu können, muss das Saarland in Sportstätten investieren. Im Dezember 1949 wirbt Kultusminister Emil Strauss bei seinen Ministerkollegen darum, den 1. FC Saarbrücken beim Bau des Ludwigspark-Stadions zu unterstützen. Das Saarland benötige eine nach den international gültigen Regeln erbaute sportliche Kampfstätte, argumentiert Straus. 1952 übernimmt das Land die Finanzierung des Ludwigsparks komplett, auch der Kieselhumes in Saarbrücken wird mit öffentlichen Mitteln erweitert. Da will die Borussia nicht im Abseits stehen. Mit der Vergabe eines Länderspiels nach Neunkirchen erhält der Verein die erhoffte Vorlage.

Über die Stadt Neunkirchen beantragt die Borussia am 27. Februar 1952 für den Ausbau des Ellenfeld-Stadions einen Zuschuss in Höhe von 44 Millionen Francs. Zur Begründung heißt es: „Da wir als die zweitgrößte saarländische Stadt und auf Grund der Tatsache, dass Neunkirchen als eine Fußballstadt bekannt ist, neben größeren Vereinswettspielen auch Anspruch darauf erheben können, dass Neunkirchen in der Zukunft mit der Durchführung von Länderspielen berücksichtigt wird, ist es notwendig, dass unser Spielfeld in seinen Ausmaßen den internationalen Bestimmungen entspricht und das Fassungsvermögen auf die Möglichkeit der Unterbringung von 25.000 bis 30.000 Zuschauer erweitert wird.“
Das Ellenfeld-Stadion ist im Februar 1952 noch immer ein beschauliches Erdstadion mit 14.000 Zuschauerplätzen. Im Auftrag des Vereins erarbeitet der Architekt Schaan Pläne, bei deren Umsetzung sich das Fassungsvermögen des Stadions verdoppeln würde. Aber die ehrgeizigen Pläne werden niemals realisiert. Auch das Länderspiel findet nicht in Neunkirchen statt. Dafür werden neue Stehränge entlang des Spielfeldes aufgeschüttet und befestigt. Darüber hinaus ist es das Vorhaben, am Übergang zum Heusnersweiher eine Sporthalle zu errichten, das die Bemühungen um eine Erweiterung des Ellenfeld-Stadions in den folgen-den Jahren bestimmt.

Über Jahrzehnte ist das Stadion in Richtung Stadt durch eine Reihe von Trauerweiden begrenzt worden. Nun will die Borussia mit dem Stadion einen städtebaulichen Akzent setzen. Bereits am 23. Februar 1952 legt Architekt Schaan einen Teilbebauungsplan für den wüsten Heusnersweiher vor dem Ellenfeld-Stadion vor. Dem Bebauungsplan zufolge soll die Sporthalle zur Dominante eines Stadtplatzes mit weitläufiger Grünfläche und flankierender Wohnbebauung werden. Erst ein Jahr später stimmt der Bauausschuss der Stadt dafür, auf dem Heusnerweiher ein Stadtbad zu errichten.
Im ersten Entwurf der Sporthalle zeichnet Schaan einen quaderförmigen Baukörper, den er an der Längsseite mit einem Laubengang, langen Sprossenfenstern und einem Walmdach versieht. In der Mitte des Baus befindet sich der ebenerdige Haupteingang des Stadions, über dem Schaan als Vordach einen Balkon platziert. Eine große Uhr an der linken Fassade verdeutlicht den Anspruch, das Ellenfeld-Stadion zum Fixpunkt der Bebauung des Heusnersweihers zu machen.
Obwohl es zwischen dem Architekten und der Borussia zu Auseinandersetzungen um die Zahlung des Honorars kommt, entwickelt sich eine Jahre währende Zusammenarbeit. Schaan überarbeitet die Entwürfe für die Halle immer wieder grundlegend. Im Dezember 1954 zeichnet der Architekt ein Schaubild, auf dem kein biederes Walmdach mehr zu finden ist. Vielmehr schließt Schaan mit dem Neuentwurf der Sporthalle an das Neue Bauen der Nachkriegsmoderne an.
Der Architekt öffnet den Hallenbau zum Innenraum des Stadions durch eine Glasfassade und versieht ihn mit einem geschwungenen Dach. Vermutlich will Schaan mit der Sporthalle in Korrespondenz treten mit der spektakulären Architektur des Neunkircher Stadtbades. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre rückt Schaans Hallenentwurf in den Mittelpunkt der Außendarstellung des Vereins. Er ziert das Titelblatt der Festschrift zum 50-jährigen Vereinsjubiläum, der Vereinsnachrichten und ist sogar auf einem Ölgemälde zu sehen. Auf dem Titel der Vereinspublikationen steht die Sporthalle für das gesamte Ellenfeld-Stadion, das in einer Neunkircher Dreieinigkeit mit Schloss-Brauerei und Neunkircher Eisenwerk gezeigt wird. Doch der prominente Hallenentwurf wird niemals realisiert.
Nach Abschluss des ersten Bauabschnittes, der die Ränge und Räumlichkeiten unter der geplanten Sporthalle umfasst, fehlt es über Jahre an einer Finanzierung für den eigentlichen Hallenbau. Noch im Februar 1958 lehnt die Sportplanungskommission einen Bauzuschuss ab. So wird erst der dritte Entwurf von Architekt Schaan in die Tat umgesetzt. Neben der öffentlichen Hand beteiligt sich das Neunkircher Eisenwerk an der Baufinanzierung.

Am 13. November 1960 weiht Borussia Neunkirchen die Sporthalle ein. Sie gilt als „Krönung des Ellenfeld-Stadions“ und avanciert sogar zum Postkartenmotiv. Der Ausbau des Stadions ist aber längst nicht abgeschlossen. Borussia entwickelt sich in dieser Zeit zu einer Spitzenmannschaft und nimmt bis 1963 in jedem Jahr an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft teil. Weil das Ellenfeld-Stadion zu klein ist, muss der Klub regelmäßig nach Saarbrücken ausweichen. Deshalb werden im Hintergrund wiederholt Pläne für eine Erweiterung geschmiedet, aber vorerst nicht umgesetzt.

Mehr zu dem Thema bietet der umfangreiche Text-Bildband von Tobias Fuchs und Jens Kelm: „100 Jahre Ellenfeld-Stadion – Vom Borussia-Sportplatz zum Erinnerungsort“, der im Buchhandel für 24,90 € erhältlich ist, ISBN 978-3-938381-59-5.
Die übrigen Fotos stammen aus dem Vereinsarchiv Borussia Neunkirchen
 
Tobias Fuchs
Fortsetzung Folgt

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