Die beiden Neunkircher Schlösser

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Ihre Umgebung und den Bewohnern
 
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Grundriss Kellergeschoss
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Der aufgemauerte Stumpf der Südwestturms,
rechts die Einfahrt zur Tiefgarage, links hinten die hölzerne Wasserleitung, mit der Wasser in den Schlossgraben geleitet wurde
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Rekonstruktionsversuch des Barockschlosses
durch Karl Schwingel 1951
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Schloßstraße 22 – ehemaliger Schlossmittelrisalit
mit original Mauerwerk und Holzsturz
über zugemauerter Tür
Quelle: Archiv Schwenk
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Gut erhaltener Teil der Mauer des ­Schlossgartens
im Bereich „Werner Eck“
Quelle: Archiv Schwenk
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Barockschloss Jägersberg
Rekonstruktionszeichnung von Dieter Heinz 
Archiv Schwenk
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Adolf Freiherr von Knigge (1752-1796)
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Das Haus Schloßstraße 22
(der frühere Mittelteil des Barockschlosses)
überragt noch heute die umliegenden Häuser
(Blick von der Scheib)
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Eingangsportal des Jägermeisterhauses
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Jägermeisterhaus 1911
damals ­evang. Pfarrhaus
Quelle: HVSN
 
Innerhalb des Historischen Vereins Stadt Neunkirchen befassten sich schon mehrere Referenten mit den Neunkircher Schlössern, ihrer Umgebung und den Bewohnern. Zuletzt hat Horst Schwenk im Februar 2011 in einem Vortrag seine Recherchen über die Geschichte der beiden Schlösser vorgetragen. Schon 2001 hatte Professor Dieter Heinz auf Initiative von Horst Schwenk vom  Historischen Verein Stadt Neunkirchen in Verbindung mit der Volkshochschule Neunkirchen und der Arbeitsgemeinschaft für Landeskunde im Historischen Verein für die Saargegend im großen Sitzungssaal des Rathauses einen Lichtbildervortrag  über die Neunkircher Schlösser gehalten. Nach seinen Ausführungen war das Jagdschloss Jägersberg eines der schönsten Barockschlösser in Europa. Man müsste Neunkirchen in einem Atemzug mit Schwetzingen oder Bruchsal nennen, so Dipl. Ing. Dieter Heinz. Prof. Heinz hatte bereits 1952 als junger Architekt und Kunsthistoriker eine zeichnerische Rekonstruktion des Neunkircher Barockschlosses Jägersberg versucht, da es keinerlei authentische Unterlagen (Pläne, Skizzen, Gemälde o.ä.) gibt. Dieses Schloss, von dessen Existenz fast nur noch historisch interessierte Bürger etwas wissen, aber auch das ältere Renaissanceschloss, wurde den Teilnehmern durch die Schilderungen von Prof. Heinz und die gezeigten Zeichnungen und Fotos sehr plastisch vor Augen geführt.

Das Renaissanceschloss (erbaut 1570 – 1585)
Das erste Schloss in Neunkirchen hatte Graf Johann IV. bereits in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts durch seinen Baumeister Christian Stromeyer am Westrand des heutigen Oberen Marktes als Jagdschloss bauen lassen. Dieses Renaissanceschloss lag in der Begrenzung der heutigen Rödelsgasse, der Irrgartenstraße und des Oberen Marktes. Der viereckig geschlossene Baukörper hatte die Ausmaße von 57 x 41 m.
Neunkirchen selbst war damals noch ein kleines völlig unbedeutendes Dorf. Die Umgebung zeichnete sich allerdings durch weite Wälder und großen Wildreichtum aus. Nach dem Vortrag von Prof. Heinz hat der Kunsthistoriker Dr. Walter Zimmermann das Gebäude schon mit folgenden Worten gelobt:“ Auch hier (wie in Ottweiler und Philippsborn) wurde ein Innenhof ringsum von Gebäudetrakten umschlossen, deren Ecken mit Rundtürmen besetzt waren. Während nämlich der rückwärtige Bau und die anschließenden Flügel in etwa zwei Drittel ihrer Ausdehnung zweigeschossig hoch geführt waren, blieb der Rest der Anlage eingeschossig und war mit einer Terrasse (Altan) abgedeckt, die der Hofgesellschaft Gelegenheit zum Lustwandeln bot. Demselben Zweck diente das kreuzförmig angelegte Lusthaus über der Eingangsdurchfahrt des Vorderbaues. Stromeyer eilt in der geöffneten Hufeisenform der Hauptsgebäude seiner Zeit weit voraus. Die Großzügigkeit und die Anmut der Erfindung sind in der damaligen Baukunst, soweit ich sehe, ohne Vergleich. Weder in Deutschland, noch in Frankreich, das zu dieser Zeit ein ausgebautes Schlossbauwesen aufweisen kann, ist mir eine Anlage begegnet, die als unmittelbares Vorbild angesprochen werden könnte“.

Vom Renaissanceschloss gibt es mehrere zeichnerische Darstellungen. Am treffendsten ist die älteste Zeichnung des Leutnants und Ingenieurs Johann Henrich Hoer aus dem Jahr 1617. Hoer stammt aus unserem Raum, er war der Enkel des Nikolaus Hoer, Meier zu Fürth im Ostertal. Hoer hatte diese Zeichnungen des Neunkircher Renaissanceschlosses und weiterer nassauischer Schlösser im Auftrag des Grafen Ludwig als Bestandsaufnahme angefertigt. Sie sind weitgehend authentisch, anders als andere Ansichten, die vereinfacht und ungenauer auf der Zeichnung von Hoer fußen.

Darüber hinaus sind aus der gleichen Quelle Grundrisszeichnungen der einzelnen Etagen des Schlosses  und zwei Inventarverzeichnisse aus den Jahren 1627 und 1728 erhalten geblieben.
Die Grundrisszeichnungen wurden auf Veranlassung von Horst Schwenk durch Klaus Lieblang auf der Grundlage der alten Pläne neu gezeichnet.

Nach der Grundrisszeichnung gab es im Kellergeschoss:
- 2 Weinkeller
- 1 Vorratsraum
- 2 Pferdeställe

Im Erdgeschoss gab es nach dem Inventarium über die nach dem Tode Friedrich Ludwig Graf zu Nassau-Saarbrücken Herr zu Ottweiler in dem Hochfürstlichen Schloss zu Neunkirchen gefundenen Mobilarschaft vom 8 July 1728 folgende Räume:
- Cabinet des Schlosssekretärts
- Die Schlossküche mit Fleichkammer, Küchenkammer und Brunnen
- 1 Brotkammer
- 1 kleinen Esssaal
- 2 Laquainengemächer
- 6 weitere Räume (vermutlich zur Benutzung durch das Personal
- 2 Toiletten (Secret)

Im Obergeschoss gab es:
- 1 Großen Esssaal mit einem Kamin, ausgestattet mit 3 ovalen Tafeln, 1 Mundschenkschrank und weiteren Möbeln
- 1 Silberkammer
- Gemächer für den Grafen, seine Gattin, seine Schwester
- 1 Kinderstube
- 1 Fräuleingemach und eine weitere Kammer
- 2 Garderoben mit Secret

Der bekannte Neunkircher Heimatforscher Bernhard Krajewski schreibt: „Obwohl ein reines Wohn- und Jagdschloss, haftete dem Bau noch der Wehrgedanke im Nachklang mittelalterlicher Burgen an. Der allseits geschlossene Bau mit runden Ecktürmen, Wassergraben und Zugbrücke vermittelt diesen Eindruck“. Diese eher burgförmige Bauweise hat sich auch heute noch im Volksmund bei Bezeichnungen wie Burgkeller oder Burgtheater erhalten.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloss leicht beschädigt, danach aber wieder instand gesetzt.

Als ca. 200 Jahre später das Barockschloss fertig gestellt worden war, wurde der südliche Teil des Renaissanceschlosses, durch diesen Bereich führt heute die Irrgartenstraße, abgerissen und der restliche Teil des Schlosses als Stallung benutzt. Das Abbruchmaterial nutzte man als Baumaterial für den Neubau. Der Abriss war notwendig, um einen alleeartigen Zugang zu der neugestalteten Parkanlage beim Barockschloss zu schaffen.
Auf den Grundmauern des Renaissanceschlosses stehen heute noch das Haus Burgkeller und einige Nebengebäude. Beim Bau des Burgtheaters 1950 wurden die Fundamente der Schlossküche, des linken Treppenturms und der Brunnenschacht freigelegt und vermessen, danach aber wieder überbaut.
Das Fundament des Südwestturms des Renaissanceschlosses wurde vor einigen Jahren beim Abriss alter Häuser in der Irrgartenstraße gefunden. Der Turm wurde durch einen privaten Sponsor 1999 bis zur Höhe von etwa 1 Meter über das Bürgersteigniveau wieder aufgebaut. Er befindet sich neben der Einfahrt zur dortigen Tiefgarage. Das Fundament des Südostturms befindet sich unter dem Eckschaufenster des früheren Schuhhauses Itt. Dieses Schloss ist zumindest in Neunkirchen noch allgemein bekannt, da von ihm die oben erwähnte authentische Zeichnung des Leutnants und Ingenieurs Henrich Hoer aus dem Jahre 1617 existiert.

Das Barockschloss Jägersberg (erbaut 1753 – 1765)
Fast 200 Jahre nach Baubeginn an dem Renaissanceschloss hielt der nun regierende Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1741 – 1768) das alte Schloss nicht mehr für repräsentativ genug und beauftragte seinen Baumeister Friedrich Joachim Stengel ein den gewachsenen Ansprüchen gemäßes Schloss in der Nähe des alten zu bauen. Neunkirchen war in der ersten Hälfte des 18. Jh. ein Dorf um die im Jahre 1727 noch einmal neu erbaute Kirche mit angrenzendem Kirchhof an der Ecke des heutigen Oberen Marktes/Heizengasse. Es war damals ein Bauerndorf mit etwa 60 Bauern, die Haus und Hof und neben den üblichen Haustüren meist 2 – 4 Pferde oder Ochsen als Zug- und Arbeitstiere besaßen. Sie waren Gemeindsleute, die alleine das Stimmrecht hatten, sofern in der Gemeinde überhaupt etwas mit zu bestimmen war. Daneben gab es noch, wie man aus einer Gemeinderechnung des Jahres 1785 entnehmen kann, rund 40 Hintersassen und Tagelöhner. Als solche galten alle Untertanen, die kein eigenes Haus besaßen und weniger als 2 Gulden Steuern bezahlten, aber auch die verheirateten, aber noch ohne eigenen Hausstand bei den Eltern wohnenden Söhne galten als Hintersassen . Außerdem waren 1785 noch 11 sogenannte Schutzjuden in Neunkirchen ansässig denen die Herrschaft per Schutzbrief unter besonderen Auflagen das Wohnrecht in der Gemeinde erlaubt hatte. Insgesamt hatte das Dorf schätzungsweise 900 Einwohner einschließlich der Haushalte auf den fürstlichen Besitzungen, insbesondere der Haushaltungen der Arbeiter auf dem Eisenwerk. Man lebte hauptsächlich von dem, was die heimische Scholle hergab, natürlich bei entsprechender Vorratshaltung. Was sonst noch gebraucht wurde, das besorgten fahrende Händler oder wurde auf den von Fürst Wilhelm Heinrich bewilligten Jahrmärkten besorgt, die auf dem Oberen Markt stattfanden. Die Märkte fanden am 3. Donnerstag im Mai und am 2. Dienstag im Oktober statt. Mit Datum vom 30. Mai 1788 wurde sogar noch ein dritter Jahrmarkt bewilligt und festgelegt auf den Ludwigstag, dem 25. August. Sollte dieser Tag ein Sonntag sein, so solle der Jahrmarkt am folgenden Dienstag stattfinden . Der Sonntag sollte also geheiligt bleiben.
Das neue Schloss wurde als Barockbau in der Tradition von Stengel geplant und gebaut. Die Arbeiten begannen 1753 und dauerten bis mindestens 1765, da aus diesem Jahr noch eine Handwerkerrechnung existiert. Die Baupläne, weitere Rechnungen oder sonstige Unterlagen über den Bau des Barockschlosses sind bisher nicht gefunden worden. Es kann vermutet werden, dass sie beim Brand des Saarbrücker Schlosses, wo damals ja die gesamte Verwaltung des Fürstentums angesiedelt war, vernichtet wurden. Man ist also ganz auf Beschreibungen damaliger Zeitgenossen und Besucher des Schlosses angewiesen, glücklicherweise gibt es wenigstens noch eine Karte mit dem Grundriss des Schlosses und der Umgebung. Das Neunkircher Schloss diente dem Saarbrücker Hof oft zu Jagdaufenthalten weshalb ihm Fürst Ludwig am 23.8.1777 offiziell den Namen „Jägersberg“ verlieh. Zwar ist der Baubeginn des Schlosses Jägersberg bekannt, der Zeitpunkt der Zerstörung ist jedoch nicht eindeutig zu bestimmen. Am 13.5.1793 musste Fürst Ludwig das Schloss eilig auf der Flucht vor einer „Horde Kommissars, von einem Detachement Gensd’armes begleitet“ der französischen Revolutionstruppen verlassen. Erbprinz Heinrich sprang in letzter Minute über eine Mauer, um sich zu den Preußen zu retten, die ihr Lager am Kuchenberg bei Wiebelskirchen aufgeschlagen hatten.
Im Gegensatz zum Saarbrücker Schloss, dem Schloss am Ludwigsberg in Saarbrücken, dem Schloss Karlsberg in Homburg und anderen Gebäuden ging das Neunkircher Schloss Jägersberg nicht in Flammen auf, sondern wurde von den Revolutionstruppen „nur“ geplündert und verwüstet. Nach der Flucht der Territorialherren aus ihren Ländern an der Saar, gingen ihre Besitzungen in französisches Staatseigentum über. In Neunkirchen war dies das Schlossgebäude mit allen dem Fürsten gehörenden Liegenschaften.
Das Barockschloss wollte der englische Adlige Lord Thornton 1802 erwerben und wieder restaurieren. Er konnte mit seinen Kaufabsichten jedoch nicht durchdringen und soll danach an der Loire das weltberühmte Schloss Chambord teilweise angemietet haben. Eigentümer der Ruine Jägersberg und eines Großteils des übrigen früheren nassauischen Besitzes in Neunkirchen wurde dann im Juli 1803 zum Preis von 11 000 Franken der in der napoleonischen Zeit aus Saargemünd als Maire nach Neunkirchen gekommene Franz Couturier, der das Amt des Bürgermeisters auch nach 1816 unter den Preußen in Neunkirchen behielt. Das Schloss zerfiel und wurde von der infolge der rasanten Industrialisierung rasch wachsenden Bevölkerung, die Wohnraum brauchte, als Steinbruch und Materialquelle benutzt und bis zum letzten Brett demontiert. Übrig blieben einige Mauerreste.
Lord Thornton bezeichnete 1802 in einem Brief an den Earl of Darlington das Neunkircher Stengel-Schloss als „eines der schönsten Bauwerke, das man sich vorstellen kann“. Nach seiner Beschreibung befand sich im Erdgeschoss ein kreisförmiger Zentralraum von 55 Fuß (ca. 30 Meter) Durchmesser, daneben zu beiden Seiten Räume von 36 Fuß und auf jeder Seite anschließend eine Galerie von 60 Fuß Länge und am Ende jeweils ein achteckiger Pavillon. Die Rückfront des Gebäudes war mit unzähligen Geweihen, Gehörnen und Keilerwaffen geschmückt. Ins Obergeschoss konnte er wohl nicht mehr kommen, weil vermutlich die Treppe schon von Materialsuchern abgebaut und abtransportiert war.
Auch Goethe, der Neunkirchen im Sommer 1770 einen Besuch für eine Nacht abstattete und dabei längere Zeit im Dunkeln einsam auf der Terrasse des Schlosses saß, schilderte seine Empfindungen bei diesem Besuch im 10. Buch von Dichtung und Wahrheit:
„Wir betraten bei tiefer Nacht die im Talgrunde liegenden Schmelzhütten und vergnügten uns an dem seltsamen Halbdunkel dieser Bretterhöhlen, die nur durch des glühenden Ofens geringe Öffnung kümmerlich erleuchtet werden. Das Geräusch des Wassers und der von ihm getriebenen Blasebälge, das fürchterliche Sausen und Pfeifen des Windstroms, der, in das geschmolzene Erz wütend, die Ohren betäubt und die Sinne verwirrt, trieb uns endlich hinweg, um in Neukirch einzukehren, das an den Berg hinauf gebaut ist.
Aber ungeachtet aller Mannigfaltigkeit und Unruhe des Tages konnte ich hier noch keine Rast finden. Ich überließ meinen Freund einem glücklichen Schlafe und suchte das höher gelegene Jagdschloss. Es blickt weit über Berg und Wälder hin, deren Umrisse nur an dem heitern Nachthimmel zu erkennen, deren Seiten und Tiefen aber meinem Blick undurchdringlich waren. So leer als einsam stand das wohlerhaltene Gebäude; kein Kastelan, kein Jäger war zu finden. Ich saß vor den großen Glastüren auf den Stufen, die um die ganze Terrasse hergehn. Hier, mitten im Gebirg, über einer waldbewachsenen finsteren Erde, die gegen den heitern Horizont einer Sommernacht nur noch finsterer erschien, das brennende Sternengewölbe über mir, saß ich an der verlassenen Stätte lange mit mir selbst und glaubte niemals eine solche Einsamkeit empfunden zu haben“.
Außerdem gibt es eine Beschreibung des Freiherrn von Knigge in seinem „Briefen auf einer Reise von Lothringen nach Niedersachsen“  in denen er etwa 1786 schrieb:..... „Das massive Gebäude ist in der Form eines halben Mondes gebaut, hat auf beyden Flügeln nur ein Erdgeschoß, dahingegen in der Mitte noch eine Etage aufgesetzt. Jeder Gegenstand, den man hier erblickt, hat Bezug zur Jagd...
Das Schloß ist von Aussen gänzlich bekleidet mit einer ungeheuren, daran festgenagelten Menge von Geweyhen der gejagten Hirsche. Der Hof bringt den Herbst hier zu, und dann ist von nichts wie von Jagd die Rede. Einige Zimmer aber sind verziert mit Tafeln, auf welchen man hinter Glas das Verzeichnis der in jedem Jahr parforce gejagten Hirsche sauber eingeschrieben sieht, nebst den genauen Nachrichten von den dabey vorgefallenen Umständen.
Mir gefiel unter anderem die Einrichtung eines Schlafzimmers, in welchem, dem Fenster gegenüber, ein erhöhter Alcoven angebracht ist. Die Rückwand dieses Alcovens besteht gänzlich aus einem großen Spiegel. Vor diesem steht dann das Bette so, dass der Fürst, wenn er in demselben liegt, die durch das Fenster in dem Spiegel sich darstellende Gegend wie ein einem Landschafts-Gemälde erblickt.“ Bei dem Barockschloss Jägersberg handelte es sich nach all diesen Erkenntnissen um ein sehr repräsentatives und prachtvolles Gebäude.
Zum exakten Standort des Schlosses werden in der Literatur zwei Ansichten vertreten. Während Heinz und auch Schwenk die Ansicht vertreten, der Mittelrisalit des Schlosses habe genau über dem Kellergewölbe des heutigen Anwesens Schloßstrasse 22 gestanden, auch ein Teil des aufsteigenden Mauerwerks dieses Gebäudes stamme noch vom Schloss, verlegt Reinhard Schneider den Standort auf Grund von Messungen des Leiters der Außenstelle Neunkirchen des Landesamtes für Kataster-, Vermessungs- und Kartenwesens, Hans Werner Dußing, den Standort ca. 9 – 11 m weiter nach Nordwesten und damit in den Hofbereich der heutigen Häuser der Schloßstrasse . Dußing selbst räumt aber ein, „dass letzte Gewissheit erst Sondierungen oder Grabungen bringen könnten“.
Nach Prof. Heinz existieren zwei Pläne auf denen die Lage und das Ausmaß des Barockschlosses und des Schlossparks sowie der Nebengebäude sehr deutlich werden:
1) der Nordheim – Plan von 1797
2) Plan der Hofgärtner Koellner

Auf den aufgeführten Plänen und Schilderungen aufbauend stellte Prof. Heinz 1952 weitere Nachforschungen und Messungen an, ebenso zuletzt auch Horst Schwenk. Danach lag das halbmondförmige Schloss auf einer Terrasse in Höhe der heutigen Schloßstraße und öffnete sich zum Park in Richtung auf die Hüttenanlage im Tal. Vom Schloss habe man über den abfallenden Park einen ungewöhnlichen Blick in die lodernden Flammen und das Funkensprühen der Eisenhütte gehabt.
Das Schloss hatte auf der Terrassenseite eine am gesamten Gebäude entlang laufende mehrstufige Treppe. Auf diesen Stufen, „die um die ganze Terrasse hergehn“, hatte Goethe 1770 „vor den großen Glastüren“ des Gebäudes gesessen, das er ausdrücklich als „wohlerhalten“ bezeichnete.
Man betrat von der heutigen Schloßstraße her im Mittelrisalit eine Vorhalle, in deren Mitte die prächtige, wohl von kostbarem Schmiedeeisen eingefasste Haupttreppe sich erhob. Auf beiden Seiten befanden sich Durchgänge zum Gartensaal, dessen große Glastüren auf die breite dem großen Parkteil zugewandte Terrasse führten. Im Obergeschoss mündete die Haupttreppe wiederum in einen Vorsaal, von dem man in den großen Festsaal gelangte, dessen große Balkontüren den herrlichen Blick über die Terrasse und den Schlosspark ins Tal bis zur Eisenhütte gewährten. Zu beiden Seiten des Mittelrisalits im Mittelbau befanden sich wohl lange Korridore an Zimmerfluchten entlang. Die Zahl der Fensterachse lässt sich nach den Bogenstellungen der Kellergewölbe mit Sicherheit auf fünf für den Mittelrisalit und je sechs für die Seitenteile des Mittelbaues ansetzen, so dass der Mittelbau alleine schon 17 Fensterachsen hatte. Daran schlossen sich links und rechts im Viertelkreis gebogene Flügel am Ende mit je einem Pavillon an.
Prof. Heinz konnte im Frühjahr 1952 die maßstäblich beachtliche Größe des Schlosses  feststellen. Der Mittelrisalit besaß danach eine Breite von 15,67 m, während der gesamte Mittelbau genau das Dreifache, also 47,00 m maß. Daran schlossen sich links und rechts die beiden Flügel an, so dass das Schloss die beachtliche Spannweite von 94,00 m hatte. Prof. Heinz wies darauf hin, wie bedeutend diese Ausdehnung des Neunkircher Barockschlosses im Vergleich zu anderen Bauten des nassau-saarbrücker Landes war, wenn man bedenkt, dass die große Hauptkirche des Landes, die evangelische Ludwigskirche in Saarbrücken in ihrer größten Achse nur rund 44,00 m hat.
Die Übertragung des Schlossgrundrisses in den Stadtplan ergab, dass drei Haupt-umfassungsmauern des Schlossmittelrisalits genau mit den Mauern des heutigen Hauses Schlossstraße 22 zusammenfallen. Der Keller dieses Gebäudes konnte mit großer Sicherheit als aus der Stengelzeit stammend bestimmt werden und auch aufsteigendes Mauerwerk dieses Hauses stammt zweifelsfrei aus dieser Zeit. Es kann also festgestellt werden, dass das Haus Schlossstraße 22 auf dem Kellergewölbe des Schlossmittelrisalits steht und auch die darüber noch erhalten gewesenen Mauerreste des Schlosses in den Bau des Hauses integriert wurden.
Auch der Keller des Anwesens Schlossstraße 20 ist Teil des alten Schlosskellers.
Das Haus Schlossstraße 22 liegt beinahe genau in der Mitte zwischen Seilergase und Kochgasse, während diese beiden Gassen nahezu rechtwinklig zur Schlossstraße verlaufen. Diese beiden Gassen liegen etwa im Bereich der beiden Seitenflügel des Schlosses, so dass in der weit gespannten U-Form der beiden Gassen und der zwischen ihnen liegenden Häuserzeilen der Schlossstraße (Nr. 18 – 24) der Grundriss des Barockschlosses noch leicht nachempfunden werden kann. Die Grundstücksgrenzen nach hinten bezeichnen noch heute deutlich den Abschluss der oberen Schlossterasse.
Nach Horst Schwenk hat das verschwundene Barockschloss noch heute eine auffällige Nachwirkung auf das Stadtbild. Er verweist dabei auf das weithin sichtbare Gebäude in der Schloßstraße, das sich wie ein behäbiger Klotz über die Häuserreihe erhebt.
Zum Gesamtensemble des Barockschlosses gehörte noch das Jägermeisterhaus. Etwa 1746 oder 1747, als die Pläne für das neue Schloss schon weit fortgeschritten waren, entstand auch der Plan, für den Jägermeister in der Nähe des Schlosses ein Haus zu bauen. Der Plan für das Haus stammt wie der Schlossplan von Friedrich Joachim Stengel. Das zweigeschossige Gebäude entstand ca. 200 m östlich des Schlosses auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Höhe des heutigen Rathauses. Es hatte einen quadratischen Grundriss, war fünfachsig und hatte ein Walmdach. Die Eingangstür in der Mittelachse war reich verziert und repräsentativ.
Es diente nach seiner Fertigstellung zu Jagdzeiten dem fürstlichen Oberforstmeister Georg Wilhelm von Maldiß (1705 – 1760)  und seinen Nachfolgern als Dienstsitz und Wohnung. Wer die Eigentümer in der nachnapoleonischen Zeit waren ist nicht bekannt. 1899 war es im Eigentum der kgl. preußischen Bergbehörde, die es bis 1921 an die evang. Kirchengemeinde als Pfarrerwohnung vermietete. Danach war es in der Völkerbundeszeit bis 1935 im Besitz der französischen Grubenverwaltung. Danach kam es städtisches Eigentum und wurde Sitz der Kreisleitung der NSDAP. 1945 wurde es durch alliierte Bomben stark beschädigt, die Ruine später leider abgerissen. Es war das einzige repräsentative Gebäude der Stadt, das aus der Fürstenzeit bis kurz vor Kriegsende unverändert erhalten geblieben war. 1955 wurde an dieser Stelle die neue Pauluskirche erbaut.
Nach allen  noch vorhandenen Unterlagen, den angestellten Nachforschungen und Vermessungen und unter Verwendung von Motiven, die an der Ruine des im 2. Weltkrieg zerstörten Stengelbaus des Jägermeisterhauses in der Nähe des Schlosses vorhanden waren, konnte Prof. Heinz an eine zeichnerische Rekonstruktion des Barockschlosses herangehen.
Er war sich bei seinen Arbeiten 1952 sicher, dass sich durch einige kleinere Grabungen der einstige Verlauf von Grundmauern leicht hätte feststellen lassen. Aus diesem Grunde hat er das Ergebnis seiner damaligen Arbeiten unmittelbar dem Landeskonservator zur Kenntnisnahme zugestellt. Weder auf diesen Hinweis, noch auf spätere Interventionen ist jedoch im Sinne von Nachforschungen bzw. von Erhaltung noch erhaltener Relikte etwas geschehen.
Nachdem nun in den letzten Jahren hinter dem Gebäude Schlossstraße 22, also auf dem Areal der vorherigen Schlossterrasse, auch noch der Bau eines mehrgeschossigen Wohnhauses genehmigt wurde, gab Prof. Heinz sein Bemühen auch im Hinblick auf sein Alter entnervt auf. Während seines Vortrages  ließ er seine Enttäuschung über das Verhalten des Landeskonservators in der Angelegenheit „Barockschloss Jägersberg in Neunkirchen“ deutlich erkennen.
Obwohl die beiden Schlösser sicher einmal fürstlichen Glanz nach Neunkirchen brachten, ist eine nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung der Stadt nicht mehr feststellbar. Schade eigentlich, dass solche repräsentativen Bauten aus dem Stadtbild gänzlich verschwunden sind und auch die wenigen noch erhaltenen Relikte nur durch private Initiativen erhalten (oder auch zerstört) werden.

Quellenverzeichnis:
1) Hessisches Hauptstaatsarchiv 101/Nr. 3011/2715
2) Krajewski Bernhard, Das Renaissance-Schloß am Oberen Markt und seine Darstellungen, in Neunkircher Hefte 3, hrsg. v. Verkehrsverein Neunkirchen-Saar
3) Stadtarchiv Neunkirchen, „Urkundenreproduktion“ Nr. B/157
4) Hoppstädter Kurt: Im Kleinstaat des 18. Jahrhunderts in: Wiebelskirchen – Ein Heimatbuch, Wiebelskirchen 1955, S. 94
5) Landesarchiv Saarbrücken, Bestand NSB Nr. 2776
6) „Geometrischer Grundriß des Tractus I des Neunkircher Bannes von Heinrich Nordheim, Landesarchiv Saarbrücken, Bestand Katasterkarten
7) Landesarchiv Saarbrücken, Bestand NSB Nr. 4350
8) Colonel Thomas Thornton, Eine Jagd- und Schlösser-Reise durch Lothringen, in die Saargegend und die Westpfalz im Jahr 1802, hrsg. v. Historischer Verein Stadt Neunkirchen, Neunkirchen, 2012
9) Adolf Freiherr von Knigge: Briefe auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben, Hannover 1793
10) Heinz, Dieter: Die Rekonstruktion des Neunkircher Barockschlosses, in: Festschrift für Karl Lohmeyer, Saarbrücken 1954, S. 176 - 186
11) Schneider, Reinhard: Ein saarländisches Sanssouci. Das untergegangene Neue Schloss in Neunkirchen, in: Stadtbuch 2005 (wie Anm. 6) S. 425 – 448
12) Es gibt bis heute im Bereich der ehemaligen nassauischen Oberämter Saarbrücken und Ottweiler zahlreiche Sagen über den „wilden Jäger Maltitz“.
 
Armin Schlicker

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