Eine ehemalige Bilsenkrautanpflanzung Teil 2

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Heil- und Zauberzwecke im Binsental bei Neunkirchen-Heinitz

 

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Rekonstruktionsversuch der villa rustica
am Freidelbrunnen. Modell von Martin Wolff,
Foto Günter Debold.


 
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Kännelkohle, Flöz Tauentzien,
Geologisches Museum der Saarbergwerke AG

 
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Die alte Jugendstilhalle,
die Gasmaschinenzentrale in Heinitz

 
Auch Kännelkohlebergbau wurde betrieben
In einem Hügelgrab der Hallstattzeit (750 bis 450 v. Chr.) bei Rubenheim (Nähe Reinheim) fand man eine durchbohrte Perle aus Kännelkohle. Durch Sporenanalysen(1),(2) konnte die Herkunft des Rohmaterials, aus dem die Perle gefertigt wurde, nachgewiesen werden: Es stammt aus der Kännelkohlenbank des Flözes Tauentzien (oder Tauenzien), das am Riedberg bei Heinitz an der Tagesoberfläche ausstreicht. Ein bergbaulicher Betrieb auf Kännelkohle am Riedberg muss also für die Zeit vom 6. bis 4. Jahrhundert vor Chr. angenommen werden. Seine Produktion ist wissenschaftlich begründet. Auch die Römer bauten im 3. Jahrhundert nach Chr. die Kännelkohle ab, wie die Ringe aus Kännelkohle der Ursula von Roden beweisen und die  G.Weisgerber (3) mit seinen Untersuchungen ebenfaslls dem Flöz Tauentzien auf dem Riedberg zuordnet.
Alle bisher gefundenen Schmuckstücke aus Kännelkohle sind sehr sorgfältig poliert. Das zu bearbeitende Material durfte daher auf keinen Fall durch die Witterung im Boden beeinflusst und der petrografische Aufbau der Kohle angegriffen sein. Da die oberen Meter einer Lagerstätte immer der Verwitterung ausgesetzt sind, muß das Material aus einiger Teufe stammen, also in einiger Teufe abgebaut worden sein. Ein derartiger Betrieb muß im Rahmen gewisser bergmännischer Regeln ablaufen.
Ein bergbaulicher Betrieb in einiger Teufe war sicherlich mit menschlichen Mühen und in der Regel auch mit Verletzungen verbunden. Es liegt nahe, daß bei der Behandlung von verletzten Bergleuten sowohl bei den Kelten als auch bei den Römern Heilkräuter eingesetzt wurden. Schließlich war nach dem damaligen Kenntnisstand der Gebrauch der Heilkräuter das gängige Heilmittel.

Das Bilsenkraut als Heilkraut
Das Bilsenkraut war bereits 2000 v. Chr. in China bekannt. Darüber hinaus ist es in der Tontafelbibliothek von Ninive (4, S.27) erwähnt. Bei den neolithischen Pfahlbauten bei Robenhausen (Schweiz) hat man erhebliche Mengen von Bilsenkrautsamen gefunden. Auch aus der Bronze- und Hallstattzeit sind Funde bekannt und den Kelten war der Gebrauch über die Verwendung als Heilkraut hinaus als Zaubermittel vertraut. Bei Ausgrabungen des römischen Neuß (Novaesium) aus dem 1. Jahrhundert nach Chr. glaubt man die Apotheke eines römischen Militärlagerlazaretts erkannt zu haben. Man fand neben anderen Heilpflanzen auch größere Mengen von verkohltem und unverkohltem Bilsenkrautsamen. Die Römer haben gezielt in Gärten Bilsenkraut gezüchtet und heilkundlich verwertet. So sammelte der Leibarzt des Kaisers Claudius, Scribonius Largus (1. Jahrhundert n. Chr.), entsprechende Rezepte aus aller Welt (4, S. 32). Im Mittelalter wird in  den Hexenprozess-Akten Bilsenkraut als Bestandteil der Hexensalben genannt (5, S. 738). Bei Shakespeares „Hamlet“ stirbt der König an Bilsenkraut. Das Bilsenkraut war natürlich eher Heilkraut als Todesdroge. Es sollte Schmerzen und Krämpfe lindern und bei Asthma und Keuchhusten wirken. Der päpstliche Leibarzt Castore Durante (1529 bis 1590) beschreibt das Bilsenkraut und seine Wirkung. Im Heilkräutergarten des Bischofs von Eichstätt Johann Konrad von Gemmingen war das Bilsenkraut vertreten. Ob das Bilsenkraut allgemein in den Klostergärten gezüchtet wurde, ist nicht sicher, aber zu vermuten, denn in vielen Kräuterbüchern wird es bei Erkältungskrankheiten und für eine ganze Reihe anderer Beschwerden empfohlen. Das Bilsenkraut gehörte als fester Bestandteil zur keltischen und römischen Heilkunde. Als Zusatz  beim Bierbrauen war es sehr lange gebräuchlich. Jedenfalls war die Heilpflanze weit verbreitet und mehrere Ortsnamen- Bildungen hängen damit zusammen. In Bilzingsleben in Thüringen nördlich von Weimar wurde erst kürzlich ein 400.000 Jahre alter Siedlungsplatz nachgewiesen(6). In diesem uralten Siedlungsgebiet spielte das Bilsenkraut offensichtlich eine große Rolle. Nach Wellen(4) waren in der Gegend von Orten, die ihren Namen dem Bilsenkraut verdanken, meist größere Anpflanzungen von Bilsenkraut. Eine ganze Reihe von Ortschaften sind auf diese Pflanze zurückzuführen: Bilsdorf (Saarland), Bilsen (Schleswig – Holstein), Bilsenerbrücke (Niedersachsen), Pilsenmühle (Bayern), Pilsheim (Bayern) und Pilsmühle (Bayern). In Belgien gibt es Bilsen und Münsterbilsen bei Lüttich. Wegen des umfangreichen Gebrauchs war es üblich diese Pflanze zu kultivieren. Eine Züchtung des Bilsenkrautes insbesondere als Heilpflanze im Bilsenwiesental ist analog zu anderen Orten nicht von der Hand zu weisen und ist neben einem Bergbaubetrieb auf Kännelkohle, der sicherlich für seine Verletzten Heilmittel braucht, wahrscheinlich.

Kännelkohlebergbau durch den Herren der Villa Rustica am Freidelbrunnen
Schon A.Kolling(7) dachte an eine mögliche bergbauliche Produktion von Kännelkohle auf dem Riedberg durch den Gallo-Römer, dem Herren der Villa Rustica am Freidelbrunnen. Eine Reihe Gründe sprechen für diese Vermutung. Zunächst ist die hier bewirtschaftete Fläche von rund 1,7 qkm wesentlich kleiner als die vom römischen Agrarschriftsteller Varro angegebene durchschnittliche Fläche von 2,158 qkm ähnlicher Betriebe(8). Dazu ist das Gelände auf dem Buntsandstein wenig fruchtbar. Ein großer Waldanteil verringert die landwirtschaftliche Nutzfläche des Gesamtbetriebes zusätzlich. Neben dem Herrensitz sind noch 7 weitere Kleingehöfte, zwei Heiligtümer und zwei Friedhöfe gefunden worden. Die Bevölkerungszahl war demnach erstaunlich hoch. Das Herrenhaus war mit einer Fußbodenheizung (Hypokaustum) und einer umfangreichen Badeanlage ausgestattet(9). Zwei große Brunnenstuben versorgten Haus und Bäder mit Wasser. Die Mauern waren laut Schröter aus gut behauenem  hellen Sandstein in der Art einer Reticulat -Mauer zusammengefügt. Diese Mauerart findet man nur selten und dann nur bei bedeutenden Gebäuden. Der „raumgreifende Herrensitz“, so Kolling, schaute mit seinem Portikus herrschaftlich in das Tal hinab. In den Trümmern des Hauses, die sich über 1/2 Morgen erstreckten, fand man eine interessante Kollektion von Eisenobjekten. Neben Stellmacherwerkzeugen und Geräten für die Landwirtschaft fand man Werkzeuge zur Eisenbearbeitung und verschiedene Arten von Bohrern und Meißeln. Sicherlich waren die Leute mit dem Graben von Eisenerz, vielleicht auch auf dem Riedberg, beschäftigt. Eisensteinflöze treten auch hier an der Oberfläche aus. Der Zeitabschnitt in dem ein Teil dieser Eisensteinflöze abgebaut wurde, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Warum sollten diese Männer nicht auch die Kännelkohle zusammen mit der restlichen Steinkohle des Flözes Tauentzien abgebaut haben? Es ist schwer einzusehen, dass aus dem etwa 1,5 m mächtigen Flöz Tauentzien lediglich die 10 bis 20 cm Kännelkohle herausgeholt und die übrigen Kohlen einfach stehen blieben. Eine hohe Wahrscheinlichkeit spricht  für einen regelrechten Bergbaubetrieb, der geplant und systematisch durchgeführt wurde. Aus ältester Erfahrung wußten wohl auch die Gallo-Römer, daß  bei den Arbeiten in der Grube  Verletzungen vorkommen. Die Römer hatten bekanntlich großen Wert auf Körperpflege in ihren ausgedehnten Badeanlagen gelegt. Zahlreiche Heilkräuter fanden dabei im großen Umfang Verwendung. Eine bewusste und planmäßige Züchtung des Bilsenkrautes zur Pflege der Verletzungen der Bergleute hatte daher sicherlich einen Platz im Bereich ihres Betriebes. Der umfangreiche gallo-römische Betrieb in Spiesen, gesteuert von den Herren  der Villa Rustica am Freidelbrunnen war sicherlich nicht unbedeutend.
Das Modell des großzügigen Hauses (gebaut vom Spieser Heimatforscher Wolff) ist im Heimatmuseum in Spiesen  neben anderen Erinnerungsstücken aus der gallo-römischen Zeit zu besichtigen. Kännelkohle in der Form von Schnitzereien und zahlreichen Fotos sind im Heimatmuseum Heinitz (in der Schule) neben weiteren Angaben zu dem frühesten Steinkohlebergbau in Deutschland  zu betrachten. Die Bedeutung der gallo-römischen Siedlung bei Spiesen mit ihren sieben Gehöften und der Villa Rustica am Freidelbrunnen wird sicherlich auch durch den Anschluß an die Altstraße Trier – Straßburg durch das Verbindungsstück Bildstock – Furpach(11) unterstrichen. Die Kuphal – Karte der Rheinprovinz von 1801 bis 1820 zeigt dies deutlich. Die Bilsenkrautpflanzung in der Bilsenwies und der Abbau der Kännelkohle auf dem Riedberg haben also in nicht geringem Umfang für die Entwicklung der Region und unserer Dörfer beigetragen. Die alte Jugenstilhalle, die Gasmaschinenzentrale in Heinitz, erinnert noch als sehenswertes Bauwerk an den Bergbau und seine harte Arbeit. Der Grubenbahnhof davor, von dem einst der allererste Zug des Saarlandes abgefahren ist, wurde von der Stadt Neunkirchen mit Schutt abgedeckt. Es wäre sinnvoll und sicherlich zu empfehlen diesen Schuttplatz jetzt zu rekultivieren und einen gepflegten Heilkräuter – Garten anzulegen und  die Mitte des Dorfes wieder zum Blühen zu bringen.
Ende des 2. und letztes Teils
Brigitte und Herbert Müller

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