Heiligenwald, ein Bergmannsdorf Teil 1

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Siedlungsgeschichte der Bergmannskolonie Heiligenwald   
 
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Ausschnitt aus der sogenannten Tranchotkarte
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Die „Illinger Grube“ auf dem „Hemel“
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Konzessionsbereich Illingen,

östlich der Erkershöhe

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Bergschule in der Trierer Straße,
Saarbrücken – 1950
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Schlafhaus 2 am südlischen Rand
des Gewerbegebietes
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Hausordnung Schlafhaus
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Schlafhaus Riehm Weiherstraß
 
Heiligenwald ein Ortsteil der Großgemeinde Schiffweiler repräsentiert in vielfacher Weise die Geschichte des Saarbergbaus:

• Vom heiligen Mann im dunklen Forst zum „Kohlen“-Wald
• Vom Einsiedler zur Bergmannskolonie
• Von den fürstlichen Pingenfeldern zur Rußhütte
• Von der „Grube“ zum preußischen Bergwerk
• Vom „brennenden Stein“ zum Koks, Teer, Gas, Farben und Arzneien
• Vom Mittel zum Heizen und zum Schmelzen von Eisen
• Von der Stroh-Kate zum Bergmanns-Prämienhaus
• Von der Bergmanns-Wohnung zum Dorf Heiligenwald

Das heutige Dorf Heiligenwald, seit der Gebiets- und Verwaltungsreform 1974 Gemeindebezirk der Reform-Gemeinde Schiffweiler, beging im letzten Jahr seinen 225sten Geburtstag.
Der Name des Dorfes leitet sich ab von dem Namen der Flur „Helgenwald“, einem Taleinschnitt zwischen Bildstock und Landsweiler. Die Bezeichnungen Großer und Kleiner Helgenwald werden erstmals in der so genannten Tranchotkarte von 1818 erwähnt. Bei der Tranchotkarte handelt es sich um ein Blatt einer topografischen Aufnahme der rheinischen Gebiete, die zur napoleonischen Zeit durch französische Ingenieurgeografen unter Oberst Tranchot (1803 – 1813) begonnen und durch preußische Offiziere unter Generalmajor Freiherr von Müffling (1816 – 1820) fortgeführt wurde (Maßstab 1 : 25 000).

Der Begriff „Helge“ entstammt dem Althochdeutschen und bezeichnet eine Erhöhung oder einen Hang (siehe auch die Bezeichnung Hallige für eine Erhöhung über einem flachen Wasser im Meer). Heiligenwald bedeutet also „ein Waldhang“.

Erste Anfänge einer Besiedlung gehen auf das Jahr 1790 zurück – also auf die Zeit der Fürsten von Nassau-Saarbrücken und Ottweiler – ab der sich im Bereich der „Flitsch“, der heutigen Pestalozzistraße, erste Zuwanderer in primitiven Lehm- und Holzkaten niedergelassen hatten.  Sie hatten sich vorzugsweise als Besenbinder, Korbmacher oder Köhler (einst Ausdruck für Kohlenschürfer) betätigt.

Bereits im 15. Jahrhundert haben die Bewohner der umliegenden Ansiedlungen die „brennenden Steine“ entdeckt, die den Bauern der Umgebung als Brennmaterial dienten.
Die Herrschaft Illingen, deren Gebiet bis in den nordöstlichen Teil des heuten Heiligenwald reichte, ließ 1754 im waldreichen Gebiet des Hemel eine erste Kohlengrube, 3500 m von Illingen entfernt, anlegen. Die Kohlen wurden zum Brennen des Kalkes für die Düngung der Felder und für die Schmiedefeuer an die Bewohner der Herrschaft geliefert..

Noch heute zeigen hunderte von „mannstiefen“ Löchern (Pingen) im nordwestlichen Walddistrikt zwischen der L 296 und L 129 Spuren dieser Tätigkeit. Die Kohlenlöcher – hunderte an der Zahl – sind bleibende Zeugen der Kohlenzeit. Sie liegen am nordöstlichen Rande des Saarkohlenwaldes am Ausgehenden eines mächtigen Steinkohle-Lagers, dem Saarkohlebecken, das in Jahrmillionen entstanden ist. Erst Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau Saarbrücken beendete 1754 mit der Verstaatlichung der Gruben die „planlose Schürferei“. Damit schuf er die Voraussetzung für eine systematische wirtschaftliche und technisch rationelle Kohlenförderung.

Zur gleichen Zeit existierte bereits wenige hundert Meter weiter westlich am „Kallenberg“ (Kohlenberg) eine kleindörfliche Ansiedlung aus primitiven Katenbauten. Diese hatten sich um die dort im Kerpen’schen Wald im Jahr 1754, also zur Zeit der Fürsten von Nassau-Saarbrücken und von Ottweiler, entstandene Rußhütten geschart.

Die Erbauer und Eigentümer der Rußhütte beim heutigen Heiligenwald waren die Herren von Kerpern zu Illingen. Die Anlage war an einem Hang unterhalb des Kallenberges errichtet worden. Als Rohstoff diente die auf der Grube Illingen am Kallenberg übertägig abgebaute Kohle.
Die Hütte produzierte Ruß, der sich beim Verbrennen der „schwarzen Steine“ unter gedrosselter Luftzufuhr bildete. Der fetthaltige Ruß wurde zu einem wichtigen Handelsobjekt. Er eignete sich vorzüglich zur Herstellung von Schmierfett für die Gespannwagen und als Grundstoff zur Herstellung von Abdichtmaterial z.B. im Schiffsbau und für die Farbenherstellung. Darüber hinaus wurde er in den Bauerndörfern der Saarregion als Tünche zum Schwärzen der Fußsockel in den Wohnstuben und der Hausfront verwendet. Die übrig gebliebene Prasche wurde als „Cokes“ bezeichnet.

Die Rußproduktion in den Rußfabriken, - im Saarbereich gab es drei solcher Fabriken in Malstatt, in St. Ingbert und in Heiligenwald – schaffte bereits wichtige Erkenntnisse über das Produkt Kohle und ihre Derivate bis hin zur Kohlechemie.

Nach Besetzung der Saarregion durch das französische Revolutionsheer im Jahre 1793 wurden die Herren von Kerpen enteignet und die Rußhütte an einen Franzosen verpachtet. Die französischen Bergingenieure Duhamel, Beaunier und Calmelet erhielten von Napoleon den Auftrag zur systematischen Erforschung der Lagerstätten im Saarkohlengebirge. Das Ergebnis wurde in einem Atlas mit 66 Kartenblättern zusammengefasst und ist unter dem Namen Beaunier-Atlas bekannt. Sie erhielten auch den Auftrag, erstmals die Steiger-Ausbildung für die mittlere Führungsebene zu institutionalisieren.
Im Jahr 1814 wurde der preußische Staat Eigentümer sämtlicher Gruben an der Saar und auch der Rußhütte, die bis 1850 weitergeführt und dann geschlossen wurde. Nach Etablierung des Saarbrücker Bergamtes durch die Preußen im Jahr 1816 stand die Gründung einer Steiger-Schule erneut auf der Agenda.

Im Umkreis der Rußfabrik hatte sich eine kleindörfliche Ansiedlung von zunächst  etwa 25 Familien gebildet. In den etwa einhundert Jahren ihrer Existenz haben in den Heiligenwalder Rußhütten zahlreiche Generationen als Rußbrenner, Bergleute, Holzhauer, Handwerker und Tagelöhner Arbeit und Brot gefunden. In den Standesamtsunterlagen der damaligen Mairie Uchtelfangen, zu der Illingen in der Franzosenzeit gehörte, konnten Angehörige der  Familien Noß, Zentz, Resch, Klär, Kleer, Breuer, Breyer, Weber, Schmidt, Hoffmann, Flesch, Spaniol und Mathis mit Wohnsitz „auf der Rußhütte“ nachgewiesen werden.  

Einhundert Jahre nach der Gründung wanderte die dortigen Bewohner in den wenige hundert Meter östlich auf den Fluren Maibrunnerfeld und Hinnerbrunnen (aus hinter dem Brunnen gebildeter Ausdruck) ein und gründeten dort mit einzelnen Bewohnern einen eigenen Siedlungsbereich. Sie bildeten zusammen mit den genannten Besenbindern, Korbmachern und Köhlern die Kernbevölkerung des Dorfes, das sich zwischen zwei bewaldeten Hängen, dem „großen Helgenwald“ im Süden und dem „kleinen Helgenwald“ im Norden – so die Flurnamen – ausbreitete.

Mit der Entdeckung der Kohlenflöze und der Kartierung ihrer genauen Lage zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch französische Ingenieure, die unter dem Titel „Atlas des Concessions du Terrain Houiller de la Sarre par Beaunier et Calmelet“ veröffentlicht wurden, wurde die Grundlage gelegt für die weitere Erforschung und Ausbeutung der Lager. Auf Geheiß Napoleon sollten mit der Gründung der „École pratique des mines“  in Geislautern qualifizierte Bergingenieure ausgebildet werden.
Sie stellten fest, das Departement de la Sarre sei verglichen mit anderen französischen Departements „eines der reichsten in Bezug auf die genannten Produkte“. Sie stellten weiter fest: „Die Lagerstätten der Kohle verlaufe in Form einer Ellipse von Südwest nach Nordost – von Sarrelibre (Saarlouis) bis zum Dorf Oberbetschbach“.

Im Jahr 1816 begann an der Saar – jetzt unter den Preußen – mit den Gründungen von Bergwerken die eigentliche fruchtbare Kohlenzeit, die am 30. 06. 2012 mit der letzten Kohlenförderung auf dem bis dahin noch einzig tätigen Bergwerk Duhamel in Ensdorf endete. Das Saarbrücker Bergamt wurde etabliert und die erste Steigerschule gegründet, der es zunächst allerdings an Schülern mangelte. In den folgenden Jahren entstanden die ersten saarländischen Bergwerke, insgesamt 20 Förderanlagen zwischen Velsen und Frankenholz, darunter auch die Gruben Reden und Itzenplitz.

Die preußischen Staatsgruben an der Saar entwickelten sich um die 1830er Jahre zu mächtigen Industrieanlagen. Das technische Knowhow, das die Preußen an die Saar mitgebracht hatten, der Übergang vom tagesnahen Abbau zur Schachtförderung mit entsprechender Wasserhaltung und Bewetterung und die neu geschaffenen Möglichkeiten der Verfrachtung über Schienen- und Wasserwege, hatten die Voraussetzung für eine erhebliche Produktionssteigerung geschaffen.

Mit der Gründung der Bergwerke Reden (1847) und Itzenplitz (1854) war ein großer Bedarf an Arbeitern entstanden. Die aus den näher gelegenen Ortschaften, das waren etwa die Dörfer im Umkreis von maximal 10 – 15 km, kamen täglich zu Fuß zur Schicht. Sie wurden wegen ihrer genagelten Schuhe als „Harfießer“ (nicht fießler !!) bezeichnet.
Das dünn besiedelte Umfeld der beiden Gruben konnte den Bedarf aber bei weitem nicht decken. Daher versuchten „Einwerber“ in den nördlichen Landgemeinden und darüber hinaus im östlichen Deutschland bis nach Böhmen junge Bauernsöhne für die Arbeit auf den Gruben zu gewinnen. Im Nahbereich hatten die Einwerber großen Erfolg in den nördlich gelegenen Bauerndörfern – zum Beispiel im Raum Marpingen, Alsweiler, nach Theley bis hinauf nach Sotzweiler.

Das Problem: Wie bekam man diese Neubergleute zum Arbeitsort? Da es in diesen Jahren noch keine öffentlichen Verkehrsmittel zwischen den nördlichen Bauerndörfern und der Grube gab, musste der Weg,  je nach Ortschaft bis zu 25 – 30 km, jeweils am Wochenanfang und am Wochenende (damals noch bei 6-Tage-Woche) vom Heimatdorf zur Grube und zurück zu Fuß zurückgelegt werden, montags mit sauberer Wäsche und Verpflegung hin und samstags mit schmutziger Wäsche heim. Daraus entstand der Begriff „Ranzenmänner“.
Während der Arbeitswoche brachte man sie in so genannten Schlafhäusern am Grubenstandort unter oder sie suchten sich als „Quartiermann“ eine Unterkunft in einem Privathaushalt.
 
Ein Bericht von Dr. Horst Wilhelm

Fortsetzung folgt

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