Vom Schwarzpulver bis zu Windbüchsen Teil 2

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Die Geschichte der Vorderlader- und Druckluftwaffen  
 
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Die Zeichnung zeigt die Rohrmündung der „Brunswick“
mit ihren zwei tiefen Zügen. Rechts die „gegurtete“ Kugel,
die sich mechanisch in die Züge preßte. Der Gürtel verrutschte aber oft und die Kugel ließ sich – auch wegen der Schmutzrückstände in den Rillen – nur schwer einrammen
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Vorderlader-Laufprofile, schematisch dargestellt. Läufe
mit keilförmigen (a) oder halbrunden (b) Zügen werden heute gar nicht mehr hergestellt. Repliken haben alle Balkenzüge (c). Deren Breite sowie Anzahl und Tiefe
sind verschieden
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Die „Brunswick“ Büchse: Länge: 1168 mm, ­Gewicht: 4,14 kg, Lauf: 762 mm, Kaliber: 17,88 mm, Züge: 2 links, Mechanismus: Perkussion, Ladesystem: Vorderlader, Mündungsgeschwindigkeit: 305 m/s, Visiere: Versuchsmuster.
Unten: Schloss und Klappenvisier einer Seitenschloss (engl. „sideaction“)-„Brunswick“. Wie das Datum auf dem Seitenblech zeigt, handelt es sich um eines der letzten Versuchsmodelle, die eine vereinfachte Kugel verschossen. Mit ihnen wurden nach dem Aufstand die loyalen Sikhregimenter ausgerüstet und auch heute findet man in Indien noch einige stark verzierte Exemplare
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Verschiedene Geschossführungen
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Pisten, Ansicht und Schnitt.
(k = Kugel, a = Ansatz für den Pistonschlüssel)
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Aptiertes französisches Militärgewehr.
Oben: Steinschloss (1829),
unten: Perkussionsinstrument (1841)
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Langgeschosse für Vorderladerwaffen in verschiedenen Kalibern. V.l.n.r.: Modifiziertes ­Lyman-Geschoss von der Firma „Pulver-Rohde“. Es hat eine besonders große Bodenhöhlung und wiegt daher nicht mehr als das ­nebenstehende .58er Geschoss italienischer Herkunft (30 Gramm). Zwei Revolvergeschosse im Kaliber .44, das neue „Wadcutter“-­Geschoss mit Expansionshöhlung
der Firme Haendler & Natermann, Kaliber .44
sowie ein Revolvergeschoss Kaliber .36
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Tabelle „Gewicht einer Blei-Rundkugel“
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Schlossteile mit Federn:
Funktionsteile der Schloss-Rückseite.
Oben links: Hauptfeder mit Befestigungszapfen Z1 und Z2. Oben rechts: Nur mit zwei Lagerwalzen W1 und W2, Ruhrast (rr) und Spannrast (sr). Der Vierkant V trägt den Hahn. Unten links: Studel mit Studelschraube. Unten Mitte: Stangenfeder mit Schraube. Unten rechts: Stange mit Schraube. Die Nase a1 tritt in die Rasten der Nuß. Der Abzug wirkt auf den abgewinkelten Schenkel a3
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Waffenteile aus Burg Freienstein-Schweiz
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Grafische Darstellung
der Waffereste Freienstein
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Deutsches Zündnadelgewehr 1849
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Patronen um 1900
 
Als später das Zündnadelgewehr des von Dreyse an die Soldaten ausgegeben wurde, waren Putzgeräte für jeweils eine bestimmte Anzahl an Gewehren vorgesehen.
Kugelpflaster um Rundkugeln einzuhüllen, waren seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Verwendet wurden Materialien wie Leinen, Leder und auch Hanffasern. Die bevorzugten Formen waren runde Flecken etwas größer als der Kugeldurchmesser. Heute könnte man einen Stoffstreifen von einer alten Jeanshose nehmen, ihn auf die Mündung legen, die Kugel darauf platzieren und sie mit einem Ladehammer o.ä. glatt in den Lauf pressen oder mit einem leichten Schlag geradeso eintreiben und dann mit einem scharfen Messer einfach den überstehenden Stoff an der Mündung vorbei abschneiden. Wenn alles richtig bemessen ist sorgt ein leicht angefeuchtetes Pflaster für eine gute Verbindung zwischen Kugel und Lauf bzw. in den Zügen und Feldern eines gezogenen Laufes. In der kleinen Gruppe, mit der ich oft zum Schießen ging, verwendeten einige Nivea-Creme zum Einfetten ihrer Kugelpflaster, das war etwas ungewöhnlich, aber da die Creme relativ viel Wasser enthält putzte das damit „getränkte“ Pflaster den Lauf und gleichzeitig hielt es den Pulverschmauch von der Brünierung der Mündung ab.
Die Abdrücke der Züge auf dem Schusspflaster kann man zur Bewertung der Kugelmaße heranziehen, meist fliegt es nur ein paar Schritte weit. Steinschlösser waren danach noch fast 150 Jahre in Gebrauch. Auch wenn Alexander John Forsyth sich schon experimentell und auch praktisch dem Perkussionsprinzip genähert hatte, er ließ es sich bereits 1807 patentieren. Wie so oft trugen auch hier viele Unbekannte zu Verbesserungen an der Zündmasse, am Träger und zur Gesamtarchitektur des Perkussionsschlosses bei, bis es so weit entwickelt war, wie wir es jetzt oben sehen, mit seinem Piston für das Zündhütchen in solch funktionaler Weise, nur an der Ladetechnik durch die Mündung hatte sich bisher noch nichts geändert. Dieses neue Schloss stellte das vollkommenste Resultat der 450 Jahre Vorderladergeschichte dar. Nach den Luntenschloss- und Steinschlosswaffen die in einigen Teilen der Welt auch heute noch genutzt werden, war gemessen an der gesamten Vorderlader­ära aber nach nur einem Vierteljahrhundert die Zeit der Perkussionswaffen eigentlich auch schon zu Ende.

Das deutsche Zündnadelgewehr von 1827 würde in einer Reihe ähnlicher Waffen anderer Länder das Ende der Schwarzpulverzeit markieren, andererseits waren dadurch Hinterladesysteme entstanden, die endgültig in eine neue Richtung wiesen.

Doch nur kurz zurück ins Jahr 1825 als Henri Gustave Delvigne, ein französischer Offizier als erster die Idee vertrat, dass jeder Soldat das Gewehr mit gezogenem Lauf beherrschen könnte, wenn man den Ladevorgang schematisierte. Er verkleinerte den Durchmesser der Pulverkammer (Pulversack) um ein geringes Maß. Dadurch bildete er einen überstehenden Rand auf dem die Kugel (runde Kugel) aufsetzte. Delvigne hatte die Kugel genau berechnet, so dass sie ganz leicht im Lauf hinunterging, dann musste sie mit einigen heftigen Stößen des Ladestocks bearbeitet werden, so dass sie sich dem Lauf bis in die Züge hinein annäherte. Der praktische Erfolg gab ihm in jeder Hinsicht Recht, sein System schoss genauer, weiter und besaß eine höhere Durchschlagskraft. Louis Étienne de Thouvenin baute nach 1840 einen Dorn in die Schwanzschraube, womit er dasselbe Ziel verfolgte und auch sein System war mit einem gezogenen Lauf sehr viel erfolgreicher als ein „normaler“ Lauf, doch die Reinigung der Pulverkammer war wegen des Dorns fast unmöglich und derselbe, im Feuer liegend, verglühte oft. Trotzdem war er mit einem Langgeschoss erfolgreich, aber die Leistungen von Thouvenin und Delvigne wurden 1849 durch Hauptmann Claude Etienne Minié noch überboten. Er entwickelte das nach ihm benannte Minie-Geschoss mit, das sich selbstständig unter dem Druck des Pulverbrands in die Laufzüge anschmiegte. Diese Geschosse wurden ohne Pflaster verwendet und saßen so genau, dass sie auch nicht aus dem Lauf herausrutschten. Schusspflaster waren ja schon seit dem 16. Jahrhundert bekannt und wurden oft von Jägern oder Vereinsschützen verwendet, ihre Waffen bezeichnete man daher auch als Pflasterbüchsen. Um das Laden und die Abdichtung zu verbessern wurden die Schusspflaster eingefettet. Manchmal diente zur Aufbewahrung der Pflaster ein Fach im Hinterschaft, später gebrauchte man dafür auch bei uns den englischen Ausdruck „Patchbox“.

Die Engländer hatten auf einem militärisch genutzten Gebiet in ihrem Land nahe der Küste ein streng bewachtes Versuchsgelände errichtet, um geheime Schusstests zu entwickeln und durchzuführen. Hier konnten sie mithilfe großer gusseiserner Zielscheiben an allen Arten von Handfeuerwaffen aus fast jeder Entfernung mit den unterschiedlichsten Geschossen und Pulverladungen experimentieren. Die Scheiben waren so strukturiert, dass alle Kugeln die trafen auch sichtbar stecken blieben, wodurch auch gleichzeitig Rückschlüsse auf andere Parameter möglich waren. Die dabei gesammelten Erfahrungen dienten ihnen, um nach einer bereits sehr modernen und durchdachten Ausbildung etwa um 1800 nacheinander zwei Erfolg versprechende Scharfschützenregimenter aufzubauen. ➥
Während deren Ausbildung und auch bei kriegerischen Einsätzen ergaben sich für die besonders dafür abgestellten Offiziere ganz spezielle Erkenntnisse, die sie bei späteren „Schulungen“ „gewöhnlicher“ Soldaten auch sehr erfolgreich anwenden konnten. Fast alle Nationen forderten ihr Militär ständig auf, nicht nur mit den anderen Völkern Schritt zu halten, sondern gleichzeitig auch Gelder einzusparen. Das gelang, indem die damit beauftragten Staatsbeamten die Hersteller anregten, bestimmte Waffenteile so zu konstruieren, dass sie leicht austauschbar waren oder eine Modernisierung durch neuartige Systeme möglich machten. So konnten in früherer Zeit schon Rüstungsteile, Lanzenspitzen, Schwert- und Säbel-Schneiden oder Griffe getauscht werden, wenn sie bei Gefechten gelitten hatten.

Ältere Feuerwaffen wurden auf ihre Eignung hin untersucht, wie man sie günstig modernisieren könnte. Nicht selten lag ungebrauchtes Kriegsmaterial in den Arsenalen. Es gibt daher auch Waffen, die vom Luntenschloss auf das Steinschloss und von diesem dann auf das Perkussionsschloss umgerüstet wurden. Auch die Geschossformen änderten sich mit der Zeit. Die Federn und Schlossteile hatten über 400 Jahre lang den Vorderladern genügt. Im Verlauf der industriellen Revolution wurden durch den Einsatz von Maschinen ganz andere Bedingungen geschaffen, so gelang es nach und nach bei ständig steigender Qualität, Teile mit immer größerer Präzision herzustellen. Die englische Führung ließ die Waffen der eigenen Leute modernisieren bzw. die alten Gewehre durch neue Büchsen ersetzen. Die abgelegten Vorderlader nutzte man ab und zu, um die noch älteren Waffen der Kolonialarmeen zu ersetzen. Nach dem Indienaufstand von 1857 kamen die Sikhs, die auf der Seite der Engländer gekämpft hatten, in den Besitz leistungsfähigerer Gewehre.
Gegen Ende der 1970er Jahre wurde irgendwo in Indien ein über 110 Jahre lang vergessenes Arsenal mit alten Vorderladern aus der Zeit der britischen Ostindien-Gesellschaft wiederentdeckt.

Einen Teil davon erwarb ein deutscher Händler und bot sie sehr günstig an. Ein damaliger Schützenbruder war an einer alten, originalen Waffe interessiert, um bei bestimmten Wettbewerben mitmachen zu können. Also fuhr er den weiten Weg zu einer Filiale des Händlers. Wieder zurück erzählte er, dass er ein Gewehr gekauft hätte, doch damit zu schießen würde er sich nicht trauen, die Laufwand der Mündung sei sehr dünn. Seit Beginn der Steinschloss-Ära gab es eine besondere, glattläufige Waffenform bei der sich der kurze hinten bei der kräftigen Pulverkammer normal beginnende, schwere Lauf nach vorne hin zu einer trichterförmigen Mündung aufblähte. Diese Waffen konnten auch in Extremsituationen noch sicher und relativ zügig mit Pulver und kleinen Bleikügelchen oder gehacktem Blei mit Nägeln oder Steinen geladen werden. Es handelt sich dabei um eine Waffe, die Tromblon, Blunderbuss oder auf Deutsch Donnerbüchse hieß mit der sich Reiter, Schiffsfahrer und Kutscher gegen „Bösewichte“ verteidigen konnten.

Dass der Bedarf an solchen Waffen schon früher vorhanden war, zeigt vielleicht auch ein Fund in den teilweise verkohlten Trümmern der Schweizer Burg Freienstein. Dort entdeckte man die Überreste zweier alter Verteidigungswaffen bestehend aus einem Kurzlauf und dem scheinbar abgesägten Rohr einer Langwaffe mit angeschweißtem Endstück und Befestigungsnase, einem Ring und einem Haken. Von Überresten einer Schäftung war nichts zu finden. Die oben gezeigte Grafik zeigt die Form eines Fundstücks.

Mit Absicht sind die hier vorgestellten Waffen nicht in militärische, jagdliche oder Schützenwaffen eingeordnet, auch wenn deren Ausarbeitung oft sehr unterschiedlich ist. Bis etwa zum Ende des 16. Jahrhunderts haben Söldner, Vereinsschützen und Offiziere sich bei kriegerischen Einsätzen mit der eigenen Waffenausrüstung einem Kriegsherren gegen Beute oder Geld verdingt, danach gab es nur noch reguläre Truppen. Zu gewissen Zeiten hatten auch ehemalige Soldaten als Wildschützen ihre alten Militärwaffen zur verbotenen Jagd benutzt.
Seit 1827 war in Sömmerda (Thüringen), Johann Nikolaus von Dreyse dabei, die Fertigstellung seiner Waffe mit einem völlig neuartigen Verschluss erfolgreich abzuschließen. Wie viele Bemühungen und Versuche insgesamt unternommen wurden einen Hinterlader zu entwickeln kann man kaum abschätzen, mit dem neuen Dreyse-System um 1836 war sicherlich diese Mauer überwunden. Das Dreyse-Gewehr von 1849 hatte noch weitere Nachfolger, wurde jedoch nach dem deutsch-französischen Krieg und der späteren Erfindung des raucharmen Pulvers endgültig durch das Mauser G98 (K98) ersetzt. Die Karikatur welche die seherischen Fähigkeiten des Zeichners belegte zeigt leider ebenso die traurige Wirklichkeit, doch der Fortschritt war auch hier nicht mehr aufzuhalten. Die Frage welche Patrone auf diesem Foto Schwarzpulver und welche rauchschwaches Pulver enthält ist jetzt eine Aufgabe für geübte Sammler.

 

Quellenangaben finden Sie im 1. Teil.
Ein Bericht von Dieter Schmidt
Ende Teil 2
Fortsetzung folgt


 
 

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