Daniel Strohm und Söhne Teil 3

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Neunkirchen 1867–1997 – Chronik eines Familienbetriebes
 
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Werbeanzeige ca. 1915
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Zweisprachige Anzeige nach dem 1. Weltkrieg
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Friedrich Wilhelm Strohm 1930
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Betriebsgelände in der Irrgartenstraße 1924
Nach Erklärung des Kriegszustandes am 31.07.1914 wurde die vollziehende Gewalt im ganzen Reichsgebiet auf die Militärbefehlshaber übertragen, deren Anordnungen und Aufträgen die Zivil- und Gemeindebehörden Folge zu leisten hatten. Die Hüttenwerke im Saargebiet waren infolge der Lieferunterbrechung  von Koks aus dem Ruhrgebiet und von lothringischem Eisenerz sowie durch den Dienstantritt der Militärpflichtigen gezwungen, den Betrieb in den ersten Kriegsmonaten fast vollständig einzustellen. Mit der Umstellung auf die Kriegswirtschaft kam es zur Einstellung der Privatlieferungen zugunsten von Heeres- und Marineaufträgen. Als Organe eines am 01.11.1916 beim Kriegsministerium neu eingerichteten Kriegsamtes wurden den stellvertretenden Generalkommandos Kriegsamtsstellen (KAST) angegliedert und später auch unterstellt. Ihre Aufgaben bestanden u.a. in der Produktionsförderung bei der Beschaffung von Waffen und Munition, in der Sicherstellung der Arbeitskräfte für staatliche und private Kriegsbetriebe sowie in der Entscheidung über die Anerkennung  kriegswichtiger Betriebe. Für das Saargebiet war die Kriegsamtstelle Saarbrücken zuständig, wo der Generaldirektor des Neunkircher Eisenwerkes, Theodor Müller, die 1. Abteilung leitete.
Die Gewerbeaufsichtsbeamten vor Ort ermittelten in Zusammenarbeit mit der KAST die für die Kriegsproduktion in Frage kommenden Betriebe, deren technische Überprüfung dann von der Technischen Bezirksdienststelle (Tebedienst) durchgeführt wurde. Wenn die anschließende Begutachtung dann zur Anerkennung als „kriegswichtig” führte, war der  Fortbestand eines von der Weiterversorgung mit Kohle und Rohstoffen und der Zuweisung militärfreier Arbeitskräfte abhängigen Betriebes gesichert. Die kriegswichtigen Staats- und Privatbetriebe wurden vom Kriegsamt über die KAST zentral gesteuert, Art und Umfang der Kriegsproduktion wurden vorgegeben und kontrolliert.
Ebenso wie im Neunkircher Eisenwerk waren die Beschäftigten der Firma Strohm Anfang August 1914 zum Militärdienst einberufen worden, was zur vorübergehenden Stilllegung des Betriebes führte. Friedrich Strohm wurde zur II. Marinedivision nach Wilhelmshaven und sein Bruder Adolf  zum Fußartillerie-Regiment 8 nach Metz eingezogen. Zeitgleich mit der Wiederinbetriebnahme des Eisenwerkes Ende 1914 wurde auch die Eisenwarenfabrik Strohm als „kriegswichtig” eingestuft und unter der Führung des 69-jährigen Daniel mit der Herstellung von Granaten beauftragt.
Zu diesem Zweck wurde ein Elektrostahlofen in der Irrgartenstraße errichtet, wo bis zum Kriegsende im November 1918 Stahlgussgranaten für die schweren Haubitzen und Mörser der Artillerie im Kaliber von 15 und 21 cm bei einem Einzelgewicht von 40 bzw. 120 kg gegossen wurden. Nach der Weiterverarbeitung  in der Dreherei wurden die Geschosse mittels Pferdefuhrwerk zum Güterbahnhof transportiert und von dort per Bahn an die Munitionsfabriken nach Karlsruhe geliefert. Des weiteren wurden in größerem Umfang auch Marineaufträge der
U-Bootwerft Blohm & Voss in Hamburg unter Vermittlung und Mitwirkung des damals dort u.k. (unabkömmlich) gestellten Friedrich Strohm angenommen. Den Schwerpunkt bildete hierbei die Bearbeitung überlanger Drehteile wie z.B. von Schraubenwellen und Pleueln zur U-Boot-Ausrüstung.
Die Granatenherstellung erfolgte in enger Abstimmung mit dem Eisenwerk, wo ein 12-Tonnen-Thomasstahl-Elektroofen in Betrieb genommen wurde, der täglich 400 – 450 Granaten erzeugte, die dann in den daran angeschlossenen Drehereien von 400 Arbeitern bis zum Endprodukt weiterbearbeitet wurden. 1917 war der Bau einer Transport­seilbahn zwischen dem Eisenwerk und der Firma Strohm geplant worden, der jedoch bis zum Kriegsende nicht mehr zur Ausführung gelangte. Im März 1915 waren Friedrich und Adolf Strohm auf Reklamation der Hüttenbetriebe Stumm u.k. gestellt und zur Ablösung ihres Vaters in der Betriebsführung vom Militärdienst nach Neunkirchen beurlaubt worden. Als Friedrich dann ein Jahr später, von April 1916 bis zum Ende des Krieges, als Drehermeister und Werkstattleiter zur Marinewerft Blohm & Voss abgeordnet worden war, führte Adolf  den Betrieb alleine weiter. Sein jüngerer Bruder legte am 18.12.1918 die Meisterprüfung im Schlosserhandwerk vor der Handwerkskammer in Hamburg ab und kehrte anschließend nach Neunkirchen zurück.
Nach dem Ersten Weltkrieg war das Saargebiet vom Deutschen Reich abgetrennt und für die Dauer von 15 Jahren unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt worden. Die französische Besatzungsmacht betrieb die Gruben und Hütten in eigener Regie als Reparationsleistung und bevorzugte bei der Auftragsvergabe eigene Landsleute bzw. ihnen nahestehende Kreise, die den Anschluss des Saargebietes an Frankreich anstrebten, oder den Status Quo erhalten wollten.
Da der Strohm’sche „Rüstungsbetrieb” diese Kriterien nicht erfüllte, verlor er die Grube König  sowie die Hüttenwerke Stumm als seine wichtigsten Auftraggeber und konnte nicht mehr an die Vorkriegsentwicklung anknüpfen. Ab Januar 1919 betrieben Adolf, der seinem Vater als Innungs-Obermeister und Vorsitzender des Prüfungsausschusses gefolgt war und sein Bruder Friedrich wieder gemeinsam die mechanische Werkstätte und Gießerei und nahmen im November des ­selben Jahres auch die Herdfabrikation ­wieder auf. Französischer Boykott und mangelnde Nachfrage aus dem Privatsektor in Verbindung mit der inflationären Wirtschaftslage führten 1921 zunächst zur Einstellung der Produktion von Koch- und Hotelherden und 1924 zur endgültigen Stilllegung des Betriebes.
Die Brüder erwarben mit dem Maschineninventar der Firma eine Teilhaberschaft an der Stahlbaufabrik Arnoth & Bäcker in Saarbrücken-Burbach und widmeten sich fortan unterschiedlichen Geschäften.
Das Firmengelände in der Irrgartenstraße wurde 1924 an die Baufirma Michel verpachtet, im folgenden Jahr an die Kfz-Firma John & Remy und 1935 an die Karosseriewerkstätte Wendler & Co., die dann von A. Mader übernommen wurde. Der Firmengründer, Daniel Strohm, verstarb am 22.09.1927 im Alter von 82 Jahren unter Anteilnahme weiterer Kreise der Bürgerschaft.
Friedrich Strohm errichtete am 10.01.1924 in der Synagogenstraße 5 eine Autohandlung, die er bis zum 31.05.1936 betrieb. Danach verlegte er seinen Wohnsitz nach Hamburg und nahm eine Tätigkeit als Werkmeister in seiner früheren Wirkungsstätte, der Schiffswerft Blohm & Voss auf, die sich, wie bereits im Ersten Weltkrieg, auf den U-Bootbau spezialisiert hatte. Ab dem 12.11.1942 betrieb er als Zulieferer der Werft zusätzlich eine Schlosserei in Hamburg-St.Georg, Im Kleinen Pulverteich 27, die am 29.07.1944, dem Tag seines 64. Geburtstages, infolge alliierter Luftangriffe total zerstört wurde.
Friedrich Wilhelm Strohm starb dann am 17.12.1947 während einer Besuchsreise nach Neunkirchen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof und wurde in Frankfurt bestattet, da Leichname damals zwischen den Besatzungszonen nicht überführt werden durften. Sein Sohn, Friedrich Adolf Daniel, hatte 1926 das Neunkircher Realgymnasium mit der Obersekunda-Reife verlassen, in den beiden folgenden Jahren eine Schlosserlehre mit Volontariat bei der Firma Arnoth & Bäcker als Voraussetzung zur Aufnahme eines Technikstudiums absolviert, sich jedoch dann 1929 zur Auswanderung nach Algerien entschlossen. Adolf Strohm errichtete 1924 ein Wohn- und Geschäftshaus in der neuen Geßbachstraße, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 7-9, wo er ab Januar 1925 bis zu seinem Renteneintritt 1939 einen Großhandel für Maschinenindustrie-Bedarf betrieb. Zu dem Sortiment gehörten Maschinen, Armaturen, Transmissionen sowie Artikel für den Fabrikbedarf.
Adolf Carl Strohm starb am 22.08.1945, nachdem er die Firma bereits 1939 an seine 1906 geborene, mit dem Schlossermeister Wagner verheiratete Tochter Sophie übergeben hatte. Diese führte das Geschäft unter dem Namen Adolf Strohm GmbH als Groß- und Einzelhandel für Industriebedarfsartikel nach dem Zweiten Weltkrieg in Neunkirchen weiter und erwarb die Vertretung der Firma Kugel-Fischer in Schweinfurt hinzu.
Zwischenzeitlich war Max Wagner nach beendeter Ausbildung als Industriekaufmann in die Firma eingetreten und hat den Handelsbetrieb am 01.01.1990 von seiner Mutter übernommen.
Max Wagner trat am 31.01.1997 nach Erreichen des 65. Lebensjahres in den Ruhestand und gab zeitgleich den Betrieb mangels eines Nachfolgers auf, womit die 130-jährige Geschichte von Daniel Strohm & Söhne in Neunkirchen ihr Ende gefunden hat.

Ende
Ein Bericht von Wilhelm Strohm

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