Vedder Pedder aus dem Theeltal

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Erzählung von seinem Schlafhausleben in Dechen
 
 
Schlafhaus Dechen, rechts neben dem Schornstein.
Davor die noch stehenden Reichs-Bahnhäuser,
heute Grubenstraße 25/27 und 29/31. Quelle: Zell
Vedder Pedder lässt sein Sterzchen auf der „Bromms brutscheln“. (Zeichnung: Walter Bernstein)
hvsn 03
Inspektionsgebäude Heinitz. Quelle: Nachlass A. Bild
Quelle:
Erinnerungsschrift zur Einweihung des neuen Schulhauses in Neunkirchen Heinitz, 12. Juli 1956, Hrsg.: Stadtverwaltung Neunkirchen.
Seite 32 – 34.
     
    Der Aufsatz stammt aus der Feder von Theo Schwinn; er wurde uns von Helmut Schinkel überlassen: Der genannte Bergmann mit dem Vornamen Peter gehörte zu den „Ranzenmännern“. So bezeichnete man die Bergleute, die während einer Arbeitswoche in einem Schlafhaus der Grube wohnten, und nur am Wochenende in ihre Heimatorte zurückkamen. In der Nacht von Sonntag auf Montag kehrten sie dann mit ihrem Ranzen, gefüllt mit Lebensmitteln für die nächste Woche, in ihr Schlafhaus zurück.

    Im Jahre 1899 kam ich aus der Schule. Bis zum Jahre 1902 half ich im bäuerlichen Betrieb meiner Eltern, weil ich keine passende Arbeit fand. Da kam eines Sonntagabends mein Pate zu Besuch und sagte: „Kannst diese Woche auf die Grube kommen, es werden wieder Leute angelegt“. So fuhr ich am folgenden Freitag nach Heinitz. Dort hatten sich vor der „Inspektion“ etwa 300 Arbeit­suchende eingefunden, von denen nur 50 angenommen wurden.
    Mein Pate hatte mich schon gleich in Empfang genommen und dem Holzplatzsteiger Schmidt vorgestellt, dabei sagte er: „Onkel Schang und ich hann schon alles geregelt, brauchst keen Angscht se han.“ – Sie stammten beide aus Nalbach. Alle Nalbacher und ihre Freunde arbeiteten in Dechen über Tage auf dem Holzplatz. So kam ich denn, nachdem alle Formalitäten ohne große Schwierigkeiten erledigt waren, nach Dechen auf den Holzplatz.
    Zehn Tage später machte ich die erste Schicht. Meine Mutter packte mir mein Bündel mit je zwei Arbeitshosen, -jacken und Schweißkitteln und den Ranzen mit einigen Pfund Kartoffeln, etwa 6 bis 12 Eiern, je einer Tüte mit Erbsen, Bohnen und Linsen, einem Knüppel Butter (ca. 1½ bis 2 Pfund) und einem ordentlichen Happen Rauchfleisch. Beide, das Bündel und der Ranzen, wurden über die Schulter gehängt, und dann gings zu Fuß bis zum Bahnhof Bubach und von dort aus mit dem Zug bis zur Grube. Die Fahrkarten wurden zu dieser Zeit noch im Zuge ausgegeben. Mancher Bergmann verstand es, dem Schaffner so geschickt auszuweichen, dass er das Fahrgeld dabei sparte. Mancher Schaffner dagegen erhob Fahrgeld, ohne Karten dafür auszugeben.
    In Dechen angekommen, wurde ich als „Überzähliger“ ins Schlafhaus 4 zu meinen Onkeln aufs Zimmer eingewiesen, d.h. ich hatte kein eigenes Bett und brauchte nicht wie die anderen monatlich zwei Mark zu bezahlen, sondern nur alle drei Monate. Ich schlief in den Betten derer, die gerade auf Nachtschicht waren. Am anderen Morgen um 6 Uhr begann die Arbeit. Die Bergleute unter Tag wärmten sich noch schnell ihren Kaffee, den sie schon am Abend vorher gekocht hatten. Wir tranken unseren Kaffee in einer Bude auf dem Holzplatz, in der wir um 8 Uhr eine kurze Pause verbrachten. In dieser Pause wurden auch die Kartoffeln geschält, die Erbsen eingeweicht, das Fleisch „übergemacht“ und an den Rand der „Bromms“ (großer Kohlenherd) gestellt. Gegen 11 Uhr huschte dann einer in die Bude und stellte das Essen bei, so dass wir um 12 Uhr essen konnten. Bis 13 Uhr konnten wir uns noch ein wenig ausruhen, und dann ging es wieder an die Arbeit bis 17.30 Uhr. Was vom Mittagessen übrig blieb, wurde mitgenommen und abends als „Sterzchen“ im Schlafhaus wieder gewärmt.
    Die vier Brommsen im Keller des Schlafhauses waren um diese Zeit meistens frei, weil die Bergleute ja schon um 14.30 aus der Grube ausfuhren und bis dahin ihr Essen schon alle gekocht hatten.
    Wenn aber Hochbetrieb an den Brommsen herrschte, kam es vor, dass lange Schlangen davor standen, und jeder Topf, auf den auch nur einige Augenblicke nicht aufgepasst wurde, zur Seite geschoben und ein anderer hingesetzt wurde.
    Den Abend vertrieben wir uns mit Kartenspiel, Spaziergängen in die nähere und weitere Umgebung, Besuch des Union-Theaters in Neunkirchen und froher Unterhaltung. Nach einer Woche fuhr ich zum ersten Mal nach Hause mit verschmutzten Kleidern und leerem Ranzen. Die Mutter musste dann am Sonntag waschen, damit die Kleider für Montag früh wieder in Ordnung waren.
    Bei der ersten Heimfahrt lernte ich Vedder Hannes vom Nachbardorf kennen, das mit zu unserer Pfarrei gehörte. Er erzählte mir: „Jetzt haben wir es doch schön, wir werden mit dem Zug fast bis vor die Haustüre gebracht (immerhin noch 6 km bis zum nächsten Bahnhof).
    Früher war das noch anders. Da mussten wir montags früh um ein Uhr schon losmarschieren. Wir aus dem „Tal“ trafen uns an unserer Schule, und dann ging es bei Wind und Wetter querfeldein über Dirmingen, Wustweiler, Illingen, den Galgenberg hinauf nach Merchweiler-Solch. Auf Steigerhaus wurde große Rast gemacht, die manchmal bis zum kommenden Nachmittage dauerte. Die Eifrigeren brachen bald wieder auf und wanderten über Bildstock nach Dechen. Sie waren meistens gegen 6 Uhr schon auf der Grube, andere kamen gerade rechtzeitig zum Schichtbeginn, der montags auf 8 Uhr verlegt war, und die letzten kamen oft erst dienstags zur Grube.
    Auf dem weiten Weg ging oft die Flasche mit dem Selbstgebrannten rund, damit besonders im Winter, die fast erfrorenen Glieder etwas aufgewärmt wurden.
    Durch diese Beschwernisse kam es, dass nicht jeder alle acht Tage diesen weiten Weg machte, manche gingen nur alle 14 Tage, andere alle drei Wochen und manche sogar nur alle fünf bis sechs Wochen nach Hause. Das waren ältere Junggesellen, die dann das verdiente Geld fast ganz für ihren Lebensunterhalt verbrauchten. Wir wohnten damals auch noch im alten Dechener Schlafhaus. Es wurde in den neunziger Jahren geräumt, weil es der Kokerei gehörte.
    Heute steht dort der Schlammbehälter. Von dem all habt ihr Jungen ja gar keine Ahnung. Seitdem die Bahn fährt (seit 15.5.1897), ist ja das Schaffen gehen auf die Grub een Plaisir.“

    Ich blieb bis zum Jahre 1908 im Schlafhaus. Dann wurde unsere Arbeitszeit verkürzt auf 8½ Stunden (bisher 11½), und ich konnte nun, wie die meisten Bergleute, täglich nach Hause fahren.
     
    Theo Schwinn

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