Ausgestorbene Zünfte und Berufe

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Die Bader, Barbiere, Scherer und Wundärzte
 
 
Holzschnitt aus Jost Amman (1539-1591):
Eigentliche Beschreibung aller Stände auf Erden hoher und niedriger, geistlicher und weltlicher, aller Künsten, Handwerken und Händeln...
(erstmals Frankfurt am Main 1568; auch bekannt als:
Das Ständebuch)
Barbier 1568
Drei Meisterschüler beim Perückenknüpfen
Ondulationsübungen am Übungskopf
Im ehemaligen Salon:
der Autor des Beitrages bei der Arbeit
Quellen
    • Aus die Welt;
      von Hans Markus Thomsen
    • Die medizinische Versorgung in früheren Jahrhunderten, aus Geschichte und Landschaft, von Hans Bläs bearbeitet von Günter Schwinn
     
    Welche Tätigkeiten wurden von den Badern, Barbieren sowie den Wundärzten im Mittelalter verrichtet. Im Mittelalter erhielten die zunftmäßig eingegliederten Bader gegen bestimmte Abgaben das Recht öffentliche Badestuben einzurichten und gewerbsmäßig zu betreiben.

    In den Badestuben spielte sich ein großer Teil des öffentlichen Lebens ab. Die Bäder wurden in geheizten Räumen genommen, einzeln oder in Gesellschaft. Später kamen auch Dampfschwitzbäder, Wasserbäder, Kräuterbäder und Mineralbäder auf, und wenn der ermattete Gast sich ausruhte, schnitt man eingewachsene Nägel aus, entfernte Hühneraugen, öffnete Abszesse, zog faule Zähne, setzte Schröpfköpfe oder nahm zur Anregung des Kreislaufs einen Aderlass vor. Die Bader bildeten seit 1400 eine eigene Innung. In den größeren und stark besuchten Badestuben ließ der Bader das ­Heizen der Bäder meist durch Badeknechte und Mägde besorgen und wählte unter den gelernten Badeknechten und ungelernten Helfern anstellige Burschen aus, denen er das Haarschneiden und Rasieren der Badegäste, das ebenfalls als „Scheren“ bezeichnet wurde, überließ. Nachdem das Rasieren ­ursprünglich nach einem Schwitzbad geschah lernte man mit der Zeit, das Erweichen der Barthaare durch den Seifenschaum. Auch das Schröpfen, das mit Vorliebe nach dem Schwitzbad vorgenommen wurde, ließ der Bader dann häufiger auch durch seine Helfer ausführen.
    So entstand allmählich eine Gruppe von Gehilfen des Baders, die als nicht zur Zunft gehörig kein Recht hatten, selbst eine Badestube zu betreiben, die aber alles ausführen durften, was nicht unbedingt an die Badestube gebunden war. Unter den beschäftigten Gehilfen gab es besonders Begabte welche neben dem Rasieren und Haarschneiden auch sonst mit den Messern gut umzugehen wussten. Sie schnitten Geschwüre auf, entfernten den grauen Star (?) und behoben Leistenbrüche. Bei den Badern selbst war der Umgang mit dem Messer, also auch das Rasieren im allgemeinen nicht üblich. Diese Tätigkeit nahm dort wo es in den Badestuben vereinzelt noch vor kam in dem Maße ab wie es bei den Ausübenden der neuen Zunft, den „Barbieren“ zunahm. Den Barbieren wurde mit der Zeit das „Curieren“ daher sich als Wundarzt zu betätigen, zugestanden. Um 1700 kam für sie die Bezeichnung Chirurg auf. Sie beherrschten nach damaligem Wissen und Können die niedere Chirurgie.
    In Kriegszeiten bildeten sich unter ihnen dann die Feldscherer oder Feldscher heraus.
    Immer deutlicher gliederten sich allmählich die Scherer ab von den Badeknechten und sonstigen Helfern des Baders. In erbittertem Kampfe mit Zünften und Obrigkeit eroberten sich die Scherer mühsam, aber zielbewusst ihre Rechte und gliederten sich verschiedenen Zünften, zum Teil den Badern an. Neben dem eigentlichen Schererhandwerk betrieben die Scherer aufs eifrigste die Wundbehandlung, die Versorgung von Knochenbrüchen, das Aderlassen usw., kurz es gelang den Scherern, allmählich die kleine Chirurgie zu ihrer Domäne zu machen und die Bader auf diesem Gebiete immer mehr zurückzudrängen. Man darf hierbei nicht vergessen, dass es zu jener Zeit nur wenig Ärzte gab, und muss sich an die Art der Heilkunde im Mittelalter erinnern. Die Errungenschaften der hippokratischen und galenischen Medizin (Galenus 131-201 = berühmtester Arzt der römischen Kaiserzeit - erste Erwähnung seiner Mittel) waren zum Teil in Vergessenheit geraten; die Zahl der medizinischen Ausbildungsstätten war gering, brauchbare Lehrbücher gab es wenig. Zwar
    haben die großen Meister der Medizin wie Ambroise Paré, Vesal(ius), Boerhaave u. a. die Heilkunde erheblich gefördert; ihr Schülerkreis war aber klein und damit ihre Wirkung auf die Gesamtheit der Ärzte nicht weitreichend und nachhaltig genug. Dazu kam, dass damals Sektionen nur ausnahmsweise vorgenommen wurden, so dass es sehr schwer war, sich durch anatomische Studien die Grundlagen der Medizin zu verschaffen. Auf einigen berühmten Universitäten konnte man im Mittelalter zwar Medizin studieren, aber das Studium beschränkte sich fast ausschließlich auf die innere Medizin, der Unterricht bestand hauptsächlich im Studium der Literatur. So wurden allerdings „gelehrte“, aber einseitige Ärzte herausgebildet. Alle technischen Dinge überließ der Arzt dem Scherer, Bader und dem Barbierer. Der Arzt bestimmte zwar oft unter genauer Berücksichtigung der Stellung der Gestirne, wann ein Aderlass auszuführen sei, wann und wie geschröpft werden müsse, aber die Ausführung war nicht seine Sache. All diese Dinge, ebenso wie die Behandlung von Knochenbrüchen u. a. m. galten - in manchen Landstrichen noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts - als freie Kunst, in der sich jeder betätigen konnte, der wollte. Das ist der Grund, warum neben, sich ärztlich betätigenden Barbierern, Badern und Scherern noch ein Heer von Scharlatanen durch die Lande zog um als Marktschreier, Zahnbrecher, Starstecher, Steinschneider usw. auf den Märkten seine Kunst anzubieten. Im Rahmen der Zünfte entwickelten sich die Scherer zielbewusst, sie versuchten eine strenge Auslese zu halten unter denen, die sich zur Aufnahme in die Zunft meldeten; im 18. Jahrhundert führten sie Prüfungen für ihre Gesellen ein; wer nicht bestand, durfte keine Chirurgie betreiben und sich nicht Chirurg und Wundarzt nennen. Auch eine Art Standesgericht entwickelten die Schererzünfte, sie hielten sehr auf ihren mühsam erworbenen guten Ruf. Bei dem Mangel an gelehrten Ärzten wurden die Scherer häufiger Stadt- und Spitalärzte, waren allerdings meist einem gelehrten, gelegentlich kontrollierenden Arzt unterstellt. Aus dem Kriegsfähnlein der Basler Chirurgeninnung.15. Jahrh. Historisches Museum Basel: Aufs engste verknüpft mit der Entwicklung des Schererstandes und dem Niedergang des Badergewerbes entwickelte sich das Feldschererwesen. Ursprünglich wurden im Mittelalter bei Kriegszügen alle Personen zu Hilfeleistungen bei Verwundeten und Kranken eingestellt, die sich auf Grund von Aufrufen gemeldet hatten. So kam es, dass ein Haufen unwissender und beutegieriger Gesellen die erste Wundversorgung bei den Verletzten im Kriege ausübte. Aber bald wurde es bei allen Heeren Europas Sitte, zur Versorgung der Verwundeten vorwiegend solche Personen heranzuziehen, die eine gewisse Vorbildung als Barbierer, Bader oder Scherer erlangt hatten. Sie wurden Feldscherer oder Feldscher genannt, eine Bezeichnung, die zum ersten Male im 14. Jahrhundert bei schweizerischen Heeren angewandt wurde. Zunächst waren also die Feldscherer, da sie mit Waffen ausgerüstet wurden, halb Landsknechte und halb Scherer und Barbierer. Sie waren schlecht bezahlt und rangierten hinter Trommlern und Pfeiffern. Dass die Feldscherer lange Zeit in primitiver, oft barbarischer Weise mit den Verwundeten umgingen, erklärt sich aus den Anschauungen der Zeit und ihrer mehr als mangelhaften Vorbildung. Unter dem Grafen Ludwig wurden 1717 in einem Zunftbrief die Aufgaben, Rechte und Pflichten der „Barbiere und Wundärzte“ in der Grafschaft Saarbrücken genau festgelegt. Darin wurden sie ausdrücklich auch Chirurgen genannt. Die Meister der Barbiere unterstanden einem jährlich zu wählenden Zunftmeister. Jährlich versammelten sich die Zunftgenossen bei der „Lade“ in die das Ladgeld (Zunftgeld) zu entrichten war. Nach drei Lehr- und fünf Wanderjahren unterzog sich der Geselle einer Prüfung vor fünf Examinatoren, nämlich einem Regierungsvertreter, dem Landphysikus (Arzt) und drei Barbiermeistern. Nach bestandenen Examen hatte der neue Meister das Privileg, ein Barbierhaus einzurichten und „offene Stube“ zu halten. Dazu gehörte neben der Wundbehandlung auch das Rasieren. Wer zum dritten Male durchgefallen war, durfte künftig nur noch Bärte und Haupthaar schneiden, Perücken anfertigen, Zähne ziehen und mit Genehmigung und Ausbildung bei einem Arzt auch schröpfen und „Clystiere setzen“. Obwohl die Bader und spätere Friseure kleinere krankhafte Beschwerden behandeln durften war es ihnen nicht erlaubt sich mit „der inneren Kur“ zu befassen, also Medikamente verordnen. Das blieb den ausgebildeten Mediziner vorbehalten. Das Rasieren aber war bis 1776 nur den Barbieren erlaubt, während 1775 Fürst Ludwig durch ein Decret verfügte, dass die Chirurgie gegen die Perückenmacher zu schützen sei. Friseure, die Zähne zogen und Ohrlöcher stachen gab es tatsächlich auch bei uns in kleineren Orten, bis weit ins zwanzigste Jahrhundert.

    Namens-Kunde
    Ein knappes Hundert Leute heißen Feldscher. Das ist ein Berufsname. Schillers Vater war Feldscher und hatte dieses Gewerbe bei einem Klosterbarbier gelernt. Feldscher ist der verkürzte Feldscherer, ein Barbier, der beim Militär sein Gewerbe ausübt und „nebenbei“ als Wundarzt wirkt. Friedrich Schiller tritt in die Fußstapfen seines Vaters, studiert dieses Gewerbe aber an der „Hohen Karlsschule“ in Stuttgart. In Schillers Abschlussarbeit „Philosophie und Physiologie“ findet Herzog Karl „zuviel Feuer“ und verordnet dem Zögling ein weiteres Jahr „zur Abkühlung“. Danach darf Schiller sich Regimentsmedikus nennen.
    Auf solche qualitativen Sprünge haben die Scherer von Anbeginn an hingearbeitet. Sie übten fast dieselbe Tätigkeit aus wie die ­Bader – Haare schneiden, Bart putzen und das viel einträglichere „zur Ader lassen“, Schröpfköpfe setzen, Wunden versorgen – waren aber nicht mit dem üblen Leumund der Badestuben belastet und wollten auch nichts damit zu tun haben. Und sie waren zahlreicher und besser organisiert.

    Scherer: Bader und Wundheiler
    Was sagt der Name?
    Von Hans Markus Thomsen
     
    Günter Schwinn

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