Ein Gang durch das Neunkircher Eisenwerk Teil 1

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Ein kleiner Rückblick in die Fünfziger Jahre  
 
 
 
Abbau-Bagger
Kalkwerk Gersheim
Pannenbauer vor dem Hochofen
Teerdestillation
Lageplan Kokerei
Gebäude der Benzolfabrik
Ende der Koksbatterie
Montagemast Bandbrücke
 
Als ich 1950 im Mai, als junger Zimmermann auf dem Werk eingestellt wurde, machte man sich über die Ausdehnung und Größe des Werks keine Begriffe. Da wir Zimmerleute bei Reparaturen aller Art, Gerüstbau, Montage, Kühlerreparaturen, Vorrichtungsbau und Holzarbeiten jeglicher Art eingesetzt wurden, erstreckte sich unser Arbeitsfeld über das gesamte Werk, daher gab es in all den Jahren kaum einen Winkel, in dem wir nicht tätig waren.
Die Werksgrenzen begannen kurz vor Dechen mit der jetzt abgedeckten Staubkippe über das angrenzende Schotterwerk hinaus zur Kokerei, dem Hochofenbetrieb, dem Südwerk durchs Viadukt zum Nordwerk, bis hin zur Schlackenmühle bei Wiebelskirchen. Jeder Betrieb hatte seine eigene Funktion in dem Räderwerk der Eisenhütte. Beginnen möchte ich bei der Werksbeschreibung mit der Staubkippe bei Dechen. Man erreichte sie über eine schmale Betonbrücke die in der Talsenke den Heinitzer Weg überbrückte. Die Brücke wurde zwischenzeitlich abgerissen. Fast an der selben Stelle unterquerte der Heinitzbach die Straße. Man hat den Bach der früher bis zum Hochofen verrohrt war heute wieder freigelegt.
Der im Hochofenbereich anfallende Staub, die Gasreinigung mit einbegriffen, wurde mit Schmalspurzügen täglich zur Deponie gefahren und dort abgekippt. Da der Staub keinen festen Untergrund bot, bewegte sich das Gleis wie ein Schwamm. Einmal kippte der gesamte Zug mit Lok in den Staub. Da waren wir Zimmerleute mit unserem schweren Zugzeug gefragt aber unser Zweibein, genannt Geis, mit einer Tragkraft von über 10 Tonnen versank beim Anheben ebenso im Staub. Wir mussten die Lok auf festen Boden wälzen, um sie anzuheben und auf zugleisen. Heute hat man das Gelände abgedeckt, aufgeforstet und eingezäunt.
Eine andere Halde erhob sich rechts des Heinitzerwegs bis zum Schotterwerk. Am Fuß der Halde verlief das Gleis der Straßenbahn nach Spiesen. Auch überquerte dort die Seilbahn von der Grube Dechen die Straße. Auf der anderen Seite der Halde befand sich das Schotterwerk, welches betriebsmäßig zum Hochofen gehörte. Es erstreckte sich bis an das heute noch existierende Bahngleis nach Dechen. Unterhalb der Bahn befand sich der Moselschacht mit einem Fußballplatz der Eintracht 09. Heute ist dieses Gelände durch Grubensenkung bedingt ein Angelweiher. Die Halde des Schotterwerks wurde zweiseitig aufgefüllt. Auf der Seite des Heinitzwegs wurde die Schlacke noch fast flüssig abgekippt, dann war bei Nacht die Stadt minutenlang erhellt. Zu den Kindern sagte man dann: „Es Christkind backt Plätzjer.“
Auf der Seite zum Schotterwerk wurde die Schlacke fast kalt abgekippt, die dann durch den Fall aus etwa 20 Meter schon ziemlich auseinander fiel. Am Fuß der Halde wurden noch zu große Stücke mit Muskelkraft zerkleinert und in kleinen Kipploren zum Brecher gefahren. Der gebrochene Schotter wurde in verschiedene Größen gesiebt und über Gummibänder in die einzelnen Bunker transportiert. Dort konnte er je nach Bedarf in Waggons oder Lkw’s abgezapft werden. Die Waage befand sich am Anfang des Schotterwerks. Die Firma Teerbau hatte eine eigene Abbaustelle für ihren Bedarf. Ab 1954 fand dann eine große Modernisierung des gesamten Werkes statt. Der Weiterbau der A 8 verlangte große Mengen an Schotter und die bisherige Kapazität hätte daher nicht ausgereicht. Als erster Schritt wurden auf der Halde so genannte Gießbeete angelegt in die flüssige Schlacke lagenweise gegossen wurde, mit dem Vorteil, dass die einzelnen Schichten schon stark zerkleinert ausgebaggert wurden. So fiel das Abkippen der kalten Schlacke fast ganz weg. Der Transport der Schlacke talwärts verlief über ein Gummiband. Die schräge Auffahrt zur ­Kippe wurde von einem Dampfbagger den wir 1954 in einem Kalkbruch oberhalb von ­Herbitzheim im Bliestal abmontierten, vorgenommen.
Bei dem Abbau waren wir sechs Zimmerleute Schillo, Spengler, Hilpert, Biehl, Zimmer, Wagner und zwei Schlosser der R1 Kessler und Zimmer O. Wir fuhren damals mit dem Zug nach Herbitzheim. Die tägliche ­Arbeitszeit zählte ab Werk NK bis Rückkehr etwa 18.30 Uhr.
Das Fahrgestell des Dampfesels wie wir ihn nannten, wurde mit einem Tieflader der Fa. Lenhard und zwei Zugmaschinen derselben Firma nach Neunkirchen überführt. Den Ausleger, den Dampfkessel, den Wassertank und den Kohlenbehälter fuhr Urban Senni mit seinem Lkw nach Neunkirchen. Nach einer Überholung in der R 1 gelangte er dann zum Einsatz auf dem Schotterwerk. Er hatte erstaunlicherweise die ganzen Kriegsjahre in diesem Bruch überstanden. Ferner wurde von uns 1956 auf einer Wiese vor dem Kalkwerk ein großer Backenbrecher geborgen und verladen, der ebenfalls zum Einsatz kam. Als dritte Maßnahme wurde eine Prallmühle in Betrieb genommen. Eine Entstaubungsanlage wurde ebenfalls installiert. So wurde durch die Modernisierung eine enorme Steigerung der Produktion erreicht um der Nachfrage gerecht zu werden. Den Transport der Schlacke vom Hochofen zur Kippe übernahmen zwei so genannte „Pfannenbauer“. Das waren in den ersten Jahren dreiachsige Schmalspurdampfloks, von denen jede jeweils drei Pfannen bei einer Fahrt zur Kippe beförderten. Später wurde auf Dieselloks umgestellt. Die Bedienung der Hochöfen mit Pfannen übernahm eine kleinere Lok. Sie fuhr nach dem Schlackenabstich die noch flüssige Schlacke zum Pfannenbahnhof vor der Gießerei. Nach einer gewissen Standzeit übernahm der Pfannenbauer drei Pfannen vor die Lok, was aus Sicherheitsgründen sein musste, denn die Strecke ging fast nur bergauf bis zur Kippe und eine sich selbständig machende Pfanne hätte böse Folgen gehabt. Auf der Kippe wurden die Pfannen je nach Bedarf von den Abstellgleisen geholt und gekippt. Die Gleisunterhaltung und das Abkippen übernahmen vier Hochofenleute, die jeweils bei Schichtbeginn mit dem ersten Zug zur Kippe fuhren.

Die Teerdestilation
An der Zufahrtsstraße zum Schotterwerk stand unterhalb der Häuser der Saarbrückerstraße die Teerdestilation des Eisenwerks. Sie verbreitete keine angenehmen Düfte für die Anlieger, besonders wenn die Pechbeete voll liefen, lag je nach Luftrichtung ein giftgelber Qualm über den Häusern und Gärten. Umweltschutz wurde damals noch klein geschrieben und die Neunkircher waren einiges gewohnt auf diesem Gebiet.
Die gewonnenen Produkte, Naphtalin und Pech wurden aus dem Teer der bei der Verkokung frei wurde abgespalten. Der Teer wurde in so genannten Teerblasen gekocht, dabei entstanden die Nebenprodukte. Nach gewissen Terminen mussten die Blasen ausgewechselt werden, auch das war eine unserer Arbeiten. Das Naphtalin wurde in Kesselwagen abgezapft, während das Pech in flüssigem Zustand in etwa 1 Meter hohe Pechbeete geleitet wurde. Nach dem Erkalten wurde es in reiner Handarbeit noch mit Schubkarren in Waggons verladen.
Diese Arbeiten wurden besonders im Sommer auf Nachtschicht verlegt, denn die Sonne und der Pechstaub währen Gift für die Haut dieser Männer gewesen. Um sich gegen den Staub und seine Folgen zu schützen, trugen sie fast fingerdick weiße Hautschutzcreme auf alle freien Körperteile auf. Ferner erhielten sie Milch und sehr hohe Lohnprozente. Die Werksleitung wusste, dass diese Arbeit nicht gerade gesundheitsfördernd war.
Am Hang zur Saarbrückerstraße befand sich ein Eingang zu einem L.S. Bunker der heute noch existiert. Daneben befand sich eine Autowaage und das Betriebsbüro.

Das neue Baumagazin
Etwas oberhalb der Teerdestilation, an der Ausfahrt zur Saarbrückerstraße befand sich das neue Baumagazin. Das alte Magazin war bei der alten Sinteranlage. Der Leiter war A. Thome. Seine Mitarbeiter sein Neffe Manfred Thome, R. Weiß, H. Rehm und die Borussenspieler Meurer und Brademann (Tormann). Im neuen Magazin war Reinhold Weiß der Leiter, ein begnadeter Erzähler. Er bewohnte auch eine zeitlang das zum Magazin gehörende Fachwerkhaus. Wir mussten nun unser ganzes Holzmaterial, was wir im Werk benötigten von dort aus abfahren. Das verschaffte uns eine gewisse Bewegungsfreiheit. Vom Baumagazin aus überquert man den Heinitzerweg und hat die Nebengewinnung mit der Kokerei vor sich.

Nebengewinnung und Kokerei
In dem Viereck Saarbrückerstraße – Heinitzer Weg – Boxbergweg – Königsbahn lag die Koksanlage des Eisenwerks. Entlang des Heinitzwegs hinunter standen 4 Holzkühltürme und ein Gradierwerk um das Pumpwasser einige Grade herunter zu kühlen. Die Reparaturen an diesen Kühltürmen war ebenfalls eine unserer Arbeiten. Im Jahr 1957 wurde der Kühler 1 bei jeweils halbseitigem Stillstand von uns total überholt. Nach harten Wintern musste auch das Gradierwerk stets überholt werden. Unterhalb der Kühler stand das Haus mit dem Löschsystem der Benzolfabrik. Es folgte Torhaus 6a und darunter die Kokswaage mit Verladestelle. Die Brücke mit dem Schlackengleis überquerte etwas unterhalb den Heinitzerweg, sie wurde ebenfalls abgerissen. Das Gebäude der Benzolfabrik war durch ein Breitspurgleis zu erreichen. Die Kesselwagen wurden auf diesem Gleis betankt, dabei lief so mancher Liter Benzol durch Unachtsamkeit ins Erdreich. (Umweltschutz) Die Fabrik war ein besonders hohes Gebäude mit Kran. Durch Türanschlag wurde man belehrt, im Brandfall innerhalb kurzer Zeit das Gebäude zu verlassen. Die Blechtüren gingen dann automatisch zu und die Löschanlage ging in Betrieb. Aus diesem Grunde herrschte auf dem gesamten Gelände bei sofortiger Entlassung Rauchverbot. Zwischen dem Gradierwerk und der Fabrik lagen in einer großen Grube die Benzolkessel.
Am Ende der Grube erhoben sich die sieben hohen Benzolwäscher. Im Anschluss an die Benzolfabrik stand die Ammoniakfabrik. Hier wurde das Ammoniak ein Düngemittel gewonnen. Daran schloss sich das Bürogebäude mit Labor und Aufenthaltsgebäude der Belegschaft an. Am Bürgersteig der Saarbrückerstraße entlang stand das Gebäude mit der Sanitätsstation, Torhaus 6, ein Pausenraum, Garagen und Abstellräume für die Handwerker Schräg gegenüber stand die Rohrwerkstatt. Es galt auch hier, wie in allen dreischichtigen Betrieben, seine Kameraden eine halbe Stunde früher abzulösen, um auch ihnen einen pünktlichen Feierabend zu ermöglichen. Die Pause wurde auf den einzelnen Stationen gemacht, denn warm war es überall und ein Dach hatte man sich schnell gezimmert. Dem Einfallsreichtum waren hier keine Grenzen gesetzt und die damaligen Chefs Dr. Lorenz, Meyer, van Loyen und Gasmeister Klein waren sehr menschlich eingestellt Die Koksöfen standen von der Königsbahn an in Richtung Tor 6a. Die ersten 40 Öfen nach dem Krieg wurden schon im Januar 1947 angefahren. 1948 waren 140 Öfen in Betrieb.
Die Systeme waren Still und Koppers. Im Jahre 1952 begann man auch hier mit umfangreichen Neubauten. Die Fa. Lenhard baute den neuen Kohlenturm mit Löschturm an der Königsbahn Die Misch- und Mahlanlage wurde aufgestockt. Wir montierten mit unserem neuen Montagemast der Fa. Dingler zwei Gummibandbrücken, die von der E.N.K. angefertigt waren.
Ende des 1. Teils, Fortsetzung folgt
Ein Bericht von Lothar Spengler

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