Hofarchitekt und Generalbaudirektor Teil 1

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Aus dem Leben und Werk von Friedrich Joachim Michael Stengel  
 
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Friedrich Joachim Michael Stengel.
Foto: Robert Schmitt-Hartlieb Saarbrücken
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Fulda Stadtschloss, Gartenseite.
Foto: ­Tourismus- und Kongressmanagement Fulda
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Fulda Orangerie, Herbst.
Foto: Tourismus- und Kongressmanagement Fulda
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Schloss Biebrich Rheinseite.
Foto: Dieter Robert Bettinger
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Blick vom Park zum Winterbau.
Foto: Dieter Robert Bettinger
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Fürst Wilhelm Heinrich
von Nassau-Saarbrücken.
Foto: Robert Schmitt-Hartlieb Saarbrücken
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Renaissanceschloss Saarbrücken.
Foto: Robert Schmitt-Hartlieb
Das Jahr 2008 erinnerte in unserer Region unter anderem besonders an zwei bedeutende Bauwerke, die 250 Jahre vorher errichtet, beziehungsweise fertig gestellt wurden. Für beide Gebäude hatte der damalige Nassau – Saarbrücker Hofarchitekt und Kammer-Rat Friedrich Joachim Stengel die Pläne entworfen: Es waren der sogenannte Pavillon in Ottweiler und die für den Baumeister typische evangelische Kirche in Wellesweiler. Bei diesem Gotteshaus handelt es sich um eine Saalkirche mit einem dreiseitig gebrochenen Schluss, die unter der Bauleitung von Stengels Werkmeister Karl Abraham Dodel erbaut wurde. Die Gestaltung des Eingangsbereichs mit den Türgewänden, dem Eingangsportal und dem darüber stehenden ovalen Fenster ist eine vereinfachte Variante der vermutlich ebenfalls von Dodel gestalteten Ostseite der evangelischen Kirche in Ottweiler. Wer aber war Friedrich Joachim Stengel, woher kam der geniale Hofarchitekt und spätere Generalbaudirektor in Nassau – Saarbrücken?

Friedrich Joachim Michael Stengel
Friedrich Joachim Michael Stengel wurde am 29. September 1694 in Zerbst in Sachsen – Anhalt als jüngstes von fünf Kindern des dortigen Geheimen Fürstlichen Sekretärs ­Lorentz Michael Alexander Stengel und seiner Ehefrau Anna Dorothea Sturm geboren.
Schon von früher Jugend an begeisterte sich der Junge besonders für Mathematik und Zeichnen. Der Vater starb bereits im Jahre 1699 im Alter von 45 Jahren. Die Mutter gab Friedrich Joachim im Alter von 14 Jahren in die Obhut eines ihrer Brüder in Berlin, damit er dort entsprechende Schulen besuchen konnte. Im Jahre 1708 begann er hier seine Ausbildung an der Königlich – Preußischen – Akademie der Bildenden Künste und Mechanischen Wissenschaften. Seine Studienfächer waren Festungsbauwesen, Zivilbaukunst, Geschützkunde und Geometrie. Bereits vier Jahre später trat er 1712 in die militärischen Dienste des Herzogtums Sachsen – Gotha ein und kam als Fahnenjunker eines Sachsen – Gotha’ischen Regimentes im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges für einige Monate nach Norditalien. König Ludwig XIV. von Frankreich (1643 – 1715) beanspruchte nach dem Aussterben der spanischen Habsburger Spanien für seinen Enkel Herzog Philipp von Anjou. Kaiser Leopold I. (1658 – 1705) wollte seinen jüngeren Sohn Erzherzog Karl auf dem Thron der Iberischen Halbinsel sehen. So kam es im Jahre 1701 zum Krieg, der bis 1714 dauerte.
In Norditalien nutzte Friedrich Joachim Stengel unter anderem die Zeit, die italienische Architektur kennen zu lernen. Im Jahre 1715 nahm er am Gefecht gegen die französischen Verbände in den Räumen Mannheim und Philippsburg teil. Nach dem Friedensschluss zu Rastatt kehrte auch das Sachsen – ­Gotha’ische Regiment nach Gotha zurück.
Ab 1715 unterstand Friedrich Joachim Stengel dem Oberbaudirektor in Sachsen – Gotha und wurde als Feldmesser bei der Landesvermessung eingesetzt.

Die Jahre 1719 bis 1738
Vier Jahre später trat er in den Dienst des Herzogtums Sachsen – Eisenach und erhielt im Jahre 1719 den Auftrag, hier eine General – Landesrenovatur durchzuführen. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam er in Kontakt mit Beamten des Fürst-Abtes Constantin Freiherr von Buttlar in Fulda.
Aus der Ehe Stengels mit Katharina, Tochter des Kaufmannes und Ratsherren Johann Nikolaus Hoffmann aus Arnstadt, die im  Jahre 1720 geschlossen wurde, stammte die Tochter Elisabeth Wilhelmina, die im Jahre 1722 in Eisenach das Licht der Welt erblickte. Bis zu ihrem Tode im  Jahre 1768   in   Saarbrücken,  lebte   sie  ständig  im  Haushalt ihres Vaters.
Die Kontakte mit den Beamten des Fürst-Abtes bewährten sich im Jahre 1722 mit der Anstellung des Feldmessers in Fulda. Hier übte Friedrich Joachim Stengel seinen Beruf weiter aus. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Pyrotechnik, arrangierte Feste und unterrichtete die fürstlichen Pagen in Zeichnen und Mathematik. Im Jahre 1726 schuf er eine Riss-Zeichnung der Stadt Fulda und wurde am 10. September 1727 zum Bauinspektor ernannt. Zu seinen Aufgaben gehörte in der Folgezeit die Ausführung der Planungen der Architekten Maximilian von Welsch und Andreas Gallasini am Stadtschloss und an der Orangerie in Fulda. Darüber hinaus war Friedrich Joachim Stengel auch weiterhin als Landmesser tätig und wurde als solcher im Jahre 1728 zu Vermessungsarbeiten im Amt Amöneburg an das Kurfürstentum Mainz „ausgeliehen“.
Nebenher gehörten Stengels Interessen auch  ganz anderen Tätigkeiten. Wie Dieter Heinz berichtet, entwickelte er im Jahre 1729 ein Barometer, das dem Fürst-Abt so gut gefiel, dass der seinen Baumeister bat, ein noch größeres für ihn zu bauen. Kurioserweise sollte dieses als Perpendikel einer Pendeluhr dienen. Da es kalte Winterzeit war, erhitzte Stengel das benötigte Quecksilber mehr als notwendig und atmete dabei die Dämpfe ein. Damit zog er sich eine schwere Vergiftung zu und musste sechs Wochen lang das Bett hüten, zeitweise rang er sogar mit dem Tode. Neben den Leibärzten des Fürsten bemühten sich, zum allgemeinen Verdruss des Baumeisters, auch Priester um ihn und versuchten, ihn zum katholischen Glauben zu bekehren.
Das war dann für Stengel doch des Guten zu viel. Nach seiner Genesung wechselte er im Jahre 1730 in der Hoffnung, das Amt des Oberbaumeisters im Herzogtum zu erhalten, wieder nach Gotha. Leider erfüllten sich aber hier diese Hoffnungen nicht. Als einer von sechs Geometern wurde Friedrich Joachim Stengel mit einer General-Steuerrevision betraut und übernahm darüber hinaus das Amt eines Ingenieurs für Festungsanlagen. Nach Abschluss der Revisionsarbeiten bewarb sich der Bauinspektor am 7. Juli 1732 um die Aufgaben eines Bauverwalters, die ihm aber verwehrt wurden. So folgte Friedrich Joachim Stengel zu Beginn des  Jahres 1733 einem Angebot des Fürsten Karl von Nassau – Usingen zur Übernahme des Amtes eines Hofarchitekten und leitenden fürstlichen Baumeisters. Fürst Karl war am 1. Januar 1712 in Usingen geboren und übernahm 1733, nachdem er als großjährig erklärt worden war, das Erbe seines bereits im Jahre 1718 verstorbenen Vaters Wilhelm Heinrich. Ein Jahr später vermählte er sich mit Christiana Wilhelmina von Sachsen – Eisenach.
In Usingen wurde Friedrich Joachim Stengel nun erstmals als Architekt mit der Ausführung größerer eigenständiger Arbeiten betraut. Das Schloss in Usingen sollte umgebaut werden. Darüber hinaus begann Friedrich Joachim Stengel sofort nach Übernahme seines neuen Amtes mit den Arbeiten zur Weiterführung des von seinem Vorbild und Lehrmeister Maximilian von Welsch begonnenen Baues des Schlosses in Biebrich. Hier errichtete er im Frühjahr 1734 zunächst nach eigenen Plänen den fürstlichen Marstall.
Zu seinem Leidwesen stieß der Baumeister am Hof zu Usingen auf die Missgunst und Eifersucht wichtiger fürstlicher Beamter, die ihn anschwärzten und ihm am Zeug flicken wollten. Aber er wusste, sich Respekt zu verschaffen und konnte sich offenbar auf die Unterstützung und das Wohlwollen der regierenden Fürstin Charlotte Amalie verlassen. So gelang es ihm, allen Widerständen zum Trotz, sich als maßgebender Landesbaudirektor ein tragfähiges, festes Fundament zu schaffen.
Nach der Vollendung des Marstalles vollendete Stengel im Jahre 1736 in Biebrich die Zimmer für die Hofkavaliere und begann mit der Fertigstellung der Innendekorationen im Runden Saal und in den angrenzenden Galerien.
Inzwischen fasste Fürst Karl von Nassau-Usingen den Entschluss, seine Residenz ganz von Usingen aus nach Biebrich an den Rhein zu verlagern. Da Orangerie und Marstall hier in der kalten Jahreszeit nicht zu beheizen waren, beauftragte der Fürst seinen Baumeister im Jahre 1740 mit der Errichtung eines Schlossgebäudes, das, seiner Bestimmung gemäß, als Winterbau bezeichnet wurde. Im Jahre 1742 war das von Stengel überaus elegant und prunkvoll entworfene Gebäude im Rohbau fertig gestellt. Der Baumeister überließ in der Folgezeit die Bauaufsicht dem Bauinspektor Johann Georg Bager, da ihn nun zahlreiche anderweitige neue Entwürfe und Bauvorhaben beschäftigten. Beim In­nen­ausbau verwirklichte er die während eines Frankreichaufenthaltes mit Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken gesammelten Erfahrungen. Schließlich profitierte der Innenausbau des neuen Schlosses in Biebrich von den herausragend qualifizierten Handwerkern und Künstlern, die im Rahmen der Bauarbeiten am Barockschloss in Saarbrücken beschäftigt waren.
Nach Plänen des Hofarchitekten waren in den Jahren 1736 bis 1738 auch die evangelische Kirche von Grävenwiesbach und in der Zeit von 1737 bis 1739 das Gotteshaus von Heftrich im Taunus gebaut worden.
Im Jahre 1735 teilten die  Brüder Karl und Wilhelm Heinrich von Nassau-Usingen den Besitz der walram’schen Linie der Grafen von Nassau. Karl erhielt demnach alle, von uns aus gesehen, jenseits des Rheins gelegenen nassauischen Gebiete, Wilhelm Heinrich die diesseitigen mit den Grafschaften Saarbrücken und Saarwerden, den Herrschaften Ottweiler und Homburg, den Ämtern Jugenheim und Wöllstein und die Kellerei Rosenthal. Die alten Nassau – Weilburgischen Besitzungen an Saarwerden und Homburg sowie die Herrschaften Kirchheim und Stauf verblieben beim Erbe, das Fürst Karl angetreten hatte.
Mit Fürst Wilhelm Heinrich kehrte der Zweig Nassau – Usingen des walram’schen Stammes der Grafen von Nassau wieder in die Grafschaft Nassau – Saarbrücken zurück. Mit dem Regierungssitz in Saarbrücken wählte der Fürst jenen Ort, von dem aus Graf Ludwig von 1602 – 1627 als letzter Herrscher über alle Territorien des walram’schen Stammes regiert hatte, zur künftigen Residenz aus und wurde damit sozusagen der Stammvater der Fürsten von Nassau – Saarbrücken.

Die Jahre 1739 bis 1748 in Saarbrücken
Der Bau des Barockschlosses
Noch bevor Fürst Wilhelm Heinrich ab 1741 die ihm durch Erbteilung zugefallenen Nassau – Usingischen Gebiete links des Rheins in eigener Regie verwaltete fällte er zwei, vor allem für Saarbrücken bedeutende, Entscheidungen, die er zuvor mit seinem älteren Bruder Karl besprochen hatte:

  • sollte Saarbrücken die künftige Residenzstadt der Grafschaft Nassau – Saarbrücken bleiben.
  • sollte in Saarbrücken ein neues Residenzschloss errichtet werden.

Zwar war das bisherige Gebäude nicht gerade in einem desolaten Zustand, doch hatte der junge Prinz, der am 6. März 1718 in Usingen geboren wurde, eigene Vorstellungen für die Gestaltung seiner Residenz und des darin befindlichen Schlosses. Über die endgültige Lage des Gebäudes entschied Prinz Wilhelm Heinrich nach der Vorlage der Pläne des Baumeisters Friedrich Joachim Stengel am 26. und 29. Januar 1739, erst nach Rücksprache mit seinem Bruder, der seinerseits noch vor dem 11. Februar 1739 den Planungen zustimmte.
Im Jahre 1739 unternahmen Prinz Wilhelm Heinrich und sein Bauinspektor Friedrich Joachim Stengel gemeinsam eine Reise nach Paris und Umgebung, um an Ort und Stelle die aktuellen Architekturen genau kennen zu lernen. Gerade diese Reise setzte jene Maßstäbe, die fortan die Visionen des Regenten von einer schicklichen Residenzstadt bestimmten.
Ein Jahr später verlegte Friedrich Joachim Stengel 1740 den Wohnsitz seiner Familie nach Saarbrücken. Vor ihm lagen gewaltige Aufgaben. In den folgenden Jahrzehnten waren Regent und Bauinspektor intensiv darum bemüht, die gesamte Stadt Saarbrücken systematisch als barocke Residenz um- und auszubauen. Und nicht nur das. Auch in vielen der zu Nassau – Saarbrücken gehörenden Gemeinden wurde Stengel als Oberbaudirektor schöpferisch tätig. Zu seinen umfang­reichen Aufgaben gehörten: Die Erarbeitung einer Bauordnung für die Grafschaft, die Vermessung des Landes, Planung und Anlage neuer Stadträume und Stadterweiterungen, Entwürfe und Bauausführungen von Kirchen für verschiedene Konfessionen, Entwürfe und Bauausführungen von Profangebäuden un­ter­schiedlicher Art wie etwa Schloss- und Palaisbauten, Zweck- und Nutzbauten zu denen Marställe, Orangerie, Tuchkammer, Kutschenhaus, Gymnasium und Hospital gehörten sowie Wohn-  und Industriebauten.
Im Jahre 1741 starb die Ehefrau von Friedrich Joachim Stengel, Katharina geborene Hoffmann. Ein Jahr später heiratete der Bauinspektor Klara Elisabetha, Tochter des Hofrates und Leibarztes Dr. Johann Storch zu Gotha, die im Jahre 1710 in Eisenach geboren war. Vom Beruf her war sie die Erste Kammerjungfer der Fürstin Charlotte Amalie, der Mutter des Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau – Saarbrücken. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter, die sehr früh verstarben und die Söhne Johann Friedrich und Balthasar Wilhelm hervor, die später beide als Baumeister in die Fußstapfen des Vaters traten. Im Jahre 1745 plante Friedrich Joachim Stengel Anlage und Gestaltung der Wilhelm-Heinrich-Straße und damit die erste Stadt­erweiterung in Saarbrücken. In der neuen Straße entstand unter anderem auch das persönliche Wohnhaus für den Baudirektor und seine Familie.

Quellenangaben folgen im letzten Teil
Ende des 1. Teils, Fortsetzung folgt
Dieter Robert Bettinger

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