Hofarchitekt und Generalbaudirektor Teil 4

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Aus dem Leben und Werk von Friedrich Joachim Michael Stengel  
 
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Witwenpalais mit Landratsamt vor 1974.
Foto: Buchhandlung Köhler, Ottweiler
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Evangelische Kirche in Ottweiler mit Schloss­platz.
Foto: Liesel Jerrentrup, Ottweiler
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Innenraum der evangelischen Kirche

in Ottweiler um 1862.

Lithographie von Borchel

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Evangelische Kirche in Harskirchen.
Foto: Dieter Robert Bettinger
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Frühere katholische Kirche

in Lorentzen/Elsass.

Foto :Dieter Robert Bettinger

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Schloss in Lorentzen/Elsass.
Foto: Dieter Robert Bettinger
Im Rahmen der von Friedrich Joachim Stengel entworfenen Gebäude nimmt das herrschaftliche Haus in Ottweiler, das aus unbekannten Gründen ausgerechnet am Rande des Schlossparks errichtet wurde, eine Sonderstellung ein. Das von Karl Lohmeyer im Jahre 1911 als Witwen-Palais bezeichnete Gebäude lässt sich weder mit den extraordinären Häusern am Ludwigsplatz noch mit dem Erbprinzenpalais am Schlossplatz in Saarbrücken vergleichen. Eine bedeutende jonische Pilasterordnung, also eine Folge flacher Wandpfeiler, verleiht dem Haus eine besondere Würde und rückt es in die Nähe der von Stengel konzipierten Schlossbauten. Vorbilder für das herrschaftliche Haus in Ottweiler waren vermutlich les grands pavillons de la Place Royale und das Hotel de Craon in der Residenz des Herzogs Stanislaus Leszczynski in Nancy.
Die Witwe des Fürsten Wilhelm Heinrich Sophie Christina Charlotte Friederike Erdmuthe von Erbach lebte zwar ab und zu in Ottweiler, bevor sie ihren Wohnsitz ganz nach Lorentzen in die Grafschaft Saarwerden verlegte, doch wurde das Palais mit großer Wahrscheinlichkeit ursprünglich 1756 nicht als Witwensitz geplant. Es sollte vielmehr dem Fürsten und seinem Gefolge als Unterkunft dienen, wenn er in Ottweiler residierte.
Nach mehreren starken und kostbaren Reparaturen war die evangelische Kirche in der alten Residenz bis zum Jahre 1756 in einem guten Zustand, außer dass noch nicht Platz genug vor die Weibsleute vorhanden war. Friedrich Joachim Stengel nahm sich der Ottweiler Kirche an und gestaltete sie in den Jahren 1756 / 1757 im Sinne einer protestantischen Predigtkirche, in der sich die Gemeinde um die liturgischen Handlungen gruppieren sollte, neu. Das Gebäude wurde nach Osten erweitert. Hier entstanden unter anderem ein barockes Hauptportal mit einer doppelläufigen Freitreppe. Die Ostwand erhielt gequaderte Ecklisenen, also hervortretende Mauerstreifen. Ein geschweifter Türsturz und ein ovales Fenster fanden ihre Plätze über dem Hauptportal. An der Südseite entstand ein überdachter Aufgang zur oberen Empore und zum Turm. Den Zugang „versteckte“ der Baumeister in einem Türmchen, das er, samt Wendeltreppe, an der Nordwand des Turmes anfügte. Vermutlich hat Stengels Werkmeister Karl Abraham Dodel Hauptportal und Seitenaufgang geplant und auch verwirklicht.
Friedrich Joachim Stengel vervollständigte den Innenausbau der Kirche: Den mit einem Holztonnen-Gewölbe gedeckten Raum umzog im Osten und Süden je eine doppelte Empore. In der Mitte der unteren Empore fand der Fürstenstuhl seinen Platz, ein kleiner abgeschlossener Raum, den man auch beheizen konnte. Die Kanzel wurde an die nördliche Außenwand angelehnt. Damit wich Stengel vom Prinzip des übereinander angeordneten Kanzelaltares als Stätte der Verkündigung ab. Da auch die Orgel 1757 ihren Platz auf der Empore über dem Altar fand, ist die für protestantische Kirchen der damaligen Zeit typische Einheit von Wort und Sakrament als Träger der Gemeinde doch in etwa verwirklicht worden. Unter allen von Friedrich Joachim Stengel von Grund auf geplanten Kirchen vereinigt nur die berühmte Ludwigskirche in Saarbrücken Kanzelaltar und Orgel übereinander in einer Achse.

Stengel-Kirchen und weitere Bauwerke in Nassau–Saarbrücken
Neben den in Saarbrücken, St. Johann und Ottweiler bereits genannten sakralen Bauwerken hat der Fürstlich – Nassau-Saar­brückische Generalbaudirektor Friedrich Joachim Stengel buchstäblich landauf und landab eine ganze Reihe weiterer Bauwerke geplant und im barocken Stil auch vollendet. Alleine in der Grafschaft Saarwerden, im sogenannten Krummen Elsaß lassen sich bei einem Circuit Stengel von Saare-Union aus über Harskirchen, Wolfskirchen, Eschwiller, Hirschland, Weyer, Drulingen, Berg, Lorentzen, Oermingen alleine zehn Gotteshäuser nach Plänen des genialen Baumeisters nachweisen. Eine Hauptgruppe sakraler Bauten konzentriert sich auf den Zeitraum von 1740 bis zur Französischen Revolution, also fast ganz genau über ein halbes Jahrhundert, ein Zeitabschnitt in dem vor allem Friedrich ­Joachim Michael Stengel das gesamte Bauwesen entscheidend geprägt hat.
Zu ihnen gehören auch die Reformierte Kirche aus dem Jahre 1750 und zahlreiche profane Bauwerke in Neu-Saarwerden. Nach dem Frieden von Nimwegen im Jahre 1680 waren die Einwohner der nassauischen Gemeinden Bockenheim, heute Sarre-Union, und dem benachbarten Alt-Saarwerden zu Vasallen des Königs Ludwig XIV. von Frankreich geworden, der sie dem Parlament in Metz unterstellte. Graf Ludwig Kraft von Nassau-Saarbrücken und Saarwerden (1677 – 1713) ließ daraufhin im  Jahre 1706 mit Neu-Saarwerden einen völlig neuen Verwaltungsmittelpunkt unweit der früheren Besitzungen errichten, in dem in späteren Jahren auch nach Bauplänen von Friedrich Joachim Stengel gearbeitet wurde. Die ersten Bewohner von Ville-Neuve, wie die kleine Gemeinde heute heißt, kamen aus Saarbrücken. Mitten durch Neu-Saarwerden führt die Hauptstraße von Bockenheim nach Harskirchen, rechtwinklig zweigen Querstraßen ab. Die Bürgersteige sind bis zu 2,80 m breit. Barocke Häuser sind mit städtisch gestalteten Fassaden in Traufenstellung zur Straße hin errichtet, hinter ihnen stehen bäuerliche Anwesen mit Ställen und Scheunen. Man fühlt sich in das von Stengel geplante und gestaltete barocke Saarbrücken zurückversetzt.
Nachdem der Baumeister im Jahre 1775 in den wohlverdienten Ruhestand getreten war, führten seine Schüler, zu denen auch die Söhne Johann Friedrich und Balthasar Wilhelm gehörten, das Werk des Vaters fort.
 

Quellenangaben folgen im letzten Teil
Ende des 4. Teils, Fortsetzung folgt

Ein Bericht von Dieter Robert Bettinger

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