Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 2

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Über die erste Einwanderungen in Deutschland  
 
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Oberer Markt nach 1907 (Archiv Schwenk)
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Wochenmarkt vor der Synagoge
(Archiv Schwenk).
Immer wieder fanden sich Anlässe zu neuen Morden und Vertreibungen, während der Hussitenverfolgungen wurden die Juden in Österreich, Böhmen, Mähren und Schlesien verfolgt. Aus dem Stift Trier wurden sie 1419 für hundert Jahre, aus Köln 1424 (bis 1798) vertrieben, aus Konstanz 1431, aus Würzburg 1434, aus Speyer 1435 und aus Mainz 1473 endgültig vertrieben, 1442 aus München und ganz Oberbayern. Bis 1520 waren Juden weitgehend aus den großen Städten im deutschen Raum verschwunden. Allerdings bot das territorial zersplitterte Reich oft Zuflucht beim nächsten Kleinfürsten, und bald setzte eine Rückwanderung ein. Juden überlebten teilweise auch in Wäldern als ­Vagabunden und Bettler. In Frankfurt am Main und Worms wurden Ghettos eingerichtet. Neue jüdische Zentren entstanden in Böhmen, Polen und Osteuropa.
Um 1600 lebten in Deutschland etwa 8.000 bis 10.000 Juden, davon gut 3.000 in Frankfurt am Main. In einer neuen Periode jüdischer Zuwanderung siedelten sie sich in Städten und Gebieten an, aus denen sie vorher vertrieben worden waren. Seit dieser Zeit bis zu ihrer Emanzipation waren die Juden in Landesjudenschaften organisiert, Gesamtverbänden aller Juden eines Herrschaftsgebietes, die die jüdischen Angelegenheiten wie etwa Steuerverteilung und Gerichtsbarkeit autonom verwalteten. Trotz des judenfeindlichen Martin Luther, der das deutsche Luthertum antisemitisch werden ließ, entspannte sich das Verhältnis etwas. In den katholischen geistlichen Territorien und einigen Reichsstädten ging es den Juden relativ am besten.
Auf dem Lande war die kleine Geldleihe an Bauern eine Verdienstquelle, die aber immer wieder zu Vorwürfen von „Judenwucher“ führte. In den Städten waren die Zunftbürger oft antisemitisch eingestellt, in Frankfurt/ Main kam es 1614 zu Aufstand und Plünderung unter Leitung des Lebkuchenbäckers Vincenz Fettmilch gegen das Ghetto. Teilweise konnten einige Juden wichtige Positionen an fürstlichen Höfen erreichen. Am unteren Ende der sozialen Skala standen umherziehende Räuberbanden, die teilweise oder gänzlich aus völlig verelendeten Juden bestanden, eigentümliche soziale Strukturen aufwiesen und zur geschützten Verständigung das Rotwelsch benutzten.
Erst mit dem Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg wendete sich die Lage der Juden zum Besseren. Seit 1648 waren sie den Landesherren unterstellt, die mit Judenordnungen das Zusammenleben regelten. Von 1700 bis 1750 folgten vier Judenordnungen, in denen unter anderem die Höchstzahl von Kindern geregelt ist, die man „ansetzen“ durfte. Erlaubt waren erst drei, später nur noch eins, die übrigen Söhne mussten auswandern. Auch Vertreibungen wie in Wien 1670 und Pogrome kamen noch vor wie in Bamberg 1699. Im zunehmend judenfreundlichen Berlin lebten um 1700 etwa 1.000 Juden.
Mit der Aufklärung stellte sich die Frage nach der Integration und Gleichberechtigung der Juden neu, die bisher nur unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet wurden. In Preußen galt unter Friedrich II. begrenzte Toleranz gegenüber den Schutzjuden. Noch im 18., teilweise sogar im 19. Jahrhundert, trugen die Juden im deutschen Reich jüdische Familiennamen, welche sie sofort als Juden erkennbar machten. Gewöhnlich trugen sie als Familiennamen den Namen des Vaters; eine Patrynomie wie sie bis in die Neuzeit noch bei manchen slawischen Völkern oder den Isländern üblich war. Als Folge war der Jude aufgrund seines meist doppelt jüdischen Namens, der Kombination aus jüdischem Vornamen und jüdischem ­Familiennamen, sofort als Jude kenntlich.
Im 18. Jahrhundert wurde in den verschiedenen deutschen Territorien nach und nach per Edikt der Landesfürsten eine Umbenennung veranlasst. Allerdings gaben die Beamten, beispielsweise in Preußen, den Juden exotisch klingende, nur scheinbar deutsche Namen wie Goldberg oder Blumenfeld, ­sodass die Juden erneut an ihren Namen kenntlich waren.
Die Französische Revolution vollzog 1791 die Emanzipation der Juden in Frankreich, und Napoleon I. trug dieses Prinzip mit dem Code civil in die besetzten und abhängigen Staaten hinein (z. B. in das Königreich Westfalen). In den Rheinbundstaaten wurden Juden zuerst gleichgestellt, wenn auch unter einigen Einschränkungen. Doch 1808 erließ Napoleon das so genannte „schändliche Dekret“, das ihre Freizügigkeit aufhob und die Gewerbetätigkeit nur mit einem speziellen Patent zuließ.
Im Königreich Preußen stellte sich nach der völligen Niederlage 1806 die Frage nach staatlichen Reformen. Mit dem Preußischen Judenedikt von 1812 wurden die in Preußen lebenden Juden Inländer und preußische Staatsbürger. Einige wurden Offiziere in der preußischen Armee. Viele Sonderregelungen machten die Gleichstellung nach 1815 in der Restauration wieder zunichte. König Friedrich Wilhelm III. verharrte im Konservativismus. Die romantische Lehre vom „christlichen Staat“, der Friedrich Wilhelm IV. anhing, stellte den neuen Status wieder infrage und ließ Juden in Führungspositionen nicht zu. Auch Universitätsprofessuren waren jüdischen Gelehrten wie Eduard Gans nicht zugänglich. Die als Juden geborenen Schriftsteller Heinrich Heine und Ludwig Börne prägten die kritische Literatur. Erst 1847 wurde ein einheitlicheres Judengesetz geschaffen. Auf dem Wiener Kongress wurde im Artikel 16 der Bundesakte den Juden eine Verbesserung in Aussicht gestellt und der Status quo für von den Bundesstaaten erlassene Gesetze bestätigt. Dies bezog sich nicht auf die französischen Besatzungsregelungen, wofür besonders die Hansestädte sich eingesetzt hatten. Die Rechtslage musste neu geregelt werden und wurde sehr unübersichtlich. Juden beteiligten sich bereits an der Märzrevolution 1848, und einige gehörten zu den „Märzgefallenen“. Bei den bäuerlichen Unruhen kam es auch zu antijüdischen Exzessen in ungefähr 80 Orten in Süddeutschland und Posen. Doch die baldige jüdische Emanzipation schien gewährleistet, da in den neuen Parlamenten viele namhafte Juden mitarbeiteten, z. B. Johann Jacoby, oder die zum Christentum übergetretenen Johann Gustav Heckscher und Eduard von Simson. Im ganzen Norddeutschen Bund stellte im Juli 1869 das „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Be­ziehung“ die Juden definitiv gleich. Es bildete die Grundlage der Reichsverfassung von 1871.
Dazu schreibt Ottmar Paulus in seiner von Friedrich Bach bearbeiteten Schrift „Die Juden in Neunkirchen“: Die jahrhundertelangen Verfolgungen und Unterdrückungen in aller Welt haben die Juden geprägt. Sie wurden zäh und zielstrebig. Als sie im 19. Jahrhundert die gleichen Rechte wie die übrigen Staatsbürger erhielten, alle Berufe ergreifen und beliebig Eigentum erwerben konnten, gelang es vielen, vor allem in den wirtschaftlichen und geistigen Berufen hoch empor zu steigen. Es gab unter ihnen bedeutende Dichter, Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsführer. Der Anteil der Juden am deutschen Wirtschafts- Kultur- und Geistesleben und an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung unseres Staatslebens ist so bedeutend, dass es uns gerade nach der den Ereignissen der jüngeren Geschichte eine Selbstverständlichkeit sein sollte den Spuren dieses Volkes in unserem Raum nachzugehen.

Juden im Saarland
Bei der starken Verbreitung der Juden in den mittelalterlichen deutschen Städten kann angenommen werden, dass sie auch in den Dörfern und Städten an der Saar  vertreten waren. Allerdings gibt es hierüber kaum aussagekräftige Quellen.
Eine erste Erwähnung finden Juden im Freiheitsbrief an die Städte Saarbrücken und St. Johann aus dem Jahre 1321. Am Schluss ­dieser Freiheitsurkunde folgen noch einige besondere Bestimmungen. Darunter heißt es: Pfaffen, Schüler, Edelleute, Kavertinen, Lamperter und Juden sind nicht in die Freiheit eingeschlossen, sondern unterstehen dem besonderen Schutz des Grafen. Damit ist jedoch keinesfalls sicher gestellt, dass ­Juden auch fest in Saarbrücken wohnten – vielmehr ist es durchaus möglich, dass sich der Passus des Freiheitsbriefes auf durchreisende Juden bezog.

Erste Erwähnung jüdischer Bürger in Neunkirchen
Bürgerliche Rechte, wie sie heute eine Selbstverständlichkeit sind, die gab es in früherer Zeit nicht einmal für die einheimische Bevölkerung. Die Menschen waren Untertanen ihrer fürstlichen Herrschaft und wurden auch so behandelt.
Auch die späteren Gemeindeverordnungen gewährten nicht jedem Ansässigen die vollen Bürgerrechte, und so hat zum Beispiel der Neunkircher Gemeinderat noch am 18. Juli 1767, entsprechend diesem Rechtsverständnis, wenn auch damals in begrüßenswerter Weise, nur beschlossen, das Einkaufsgeld (Einkauf in die vollen Bürgerrechte) wie folgt zu reduzieren:
  • Für Nichteingeborene, von 20 auf 3 Thaler.
  • Für Halbfremde, von 10 auf 2 Thaler.
  • Für einheimische Familien, von 5 auf ein Thaler.

Gemäß einer Tabelle der Meyerey Neunkirchen bestehend aus den Dörfern Neunkirchen, Wellesweiler und Spiesen mit den drei herrschaftlichen Höfen, Forbacher Hoffsbann, Kohlhoff Hoffsbann und Neunkircher Schweitzer Hoffsbann aus dem Jahre 1741, waren in der Meyerey insgesamt 108 Bauern und 14 Tagelöhner und Hintersasser ansässig, aber noch keine Juden. Erst ab dem Jahre 1776 sind nach und nach einige Juden hier ansässig geworden.
Mit einen ersten Beweis dafür haben wir aus dem Jahre 1776, als Fürst Ludwig einen Schutzbrief für die Juden Abraham Jacob und Jacob Mendel aus Illingen unterschrieb, der ihnen zugleich die Erlaubnis erteilte, ihren Wohnsitz in Neunkirchen zu nehmen. 1777 folgte Aaron Mayer ebenfalls aus Illingen.
Nach einem am 8. September 1778 erlassenem Dekret des Fürsten Ludwig wurde den Neunkircher Schutzjuden die Weiderechte gegen Zahlung eines Hirtenlohnes sowie eines jährlich an die Gemeinde zu entrichtenden Weidegeldes gewährt.
 

Ende des 2. Teils,

Fortsetzung folgt

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