Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 3

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Über die erste Einwanderungen in Deutschland  
 
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Auszug aus der Gemeinde-Rechnung
des Dorfes Neunkirchen 1786.
Trotz der vom Fürsten zugestandenen Weidevergünstigungen bekamen die Neunkircher Juden Streit mit den ortsansässigen Bauern, die ihnen den Zugang zu einer neu angelegten Weide „über der Bach am Ziehwald“ verwehrten. Die Bauern beschwerten sich darüber, dass auch den Juden zugestanden wurde, ihre Pferde und Handelsochsen auf die Weide zu treiben. Die Gemeinde unterstützte die Beschwerden der Bauern. Trotz mehrerer Gerichtsentscheidungen hielten die Meinungsverschiedenheiten zwischen den christlichen und den jüdischen Einwohnern Neunkirchens an. Um den fortgesetzten Streit aus der Welt zu schaffen, beschränkte Fürst Ludwig 1790 den Zuzug weiterer Juden nach Neunkirchen.
1786 sind unter Punkt 10 in der Gemeinde Rechnung des Dorfes Neunkirchen 11 jüdische Familien wie folgt aufgelistet.

Von der Judenschaft
Diese bezahlen jährlich 3 Gulden und 30 Albus, und es sind zu verrechnen:
Von Abraham Jakob, 3 Gulden 30 Albus.
Von Jumbel Isaak, 3 Gulden 30 Albus.
Von Meier Aaron, 3 Gulden 30 Albus.
Von Jakob Mendel, 3 Gulden 30 Albus.
Von Alexander Samuel, 3 Gulden 30 Albus.
Von Meier Elias, 3 Gulden 30 Albus.
Von Hayum Bernheim, 3 Gulden 30 Albus.
Von Meier David, 3 Gulden 30 Albus.
Von Simon David, 3 Gulden 30 Albus.
Von Elias David, 3 Gulden 30 Albus.
Von Meier Hanauer, 3 Gulden 30 Albus
Summa 38 Gulden 30 Albus
(Anmerkung: 30 Albus = 1 Gulden)
Neben dem schon genannten Aaron Mayer sind dies die ersten jüdischen Einwohner in Neunkirchen. 1782 erhielten Levi Süßel und ein Jahr später Jakob Alexander je einen Schutzbrief und die Aufenthaltsgenehmigung für Wiebelskirchen. Für die Juden, wenn sie ansässig werden wollten, galt nämlich in ­jener Zeit ein Sonderstatus. Sie brauchten einen Schutzbrief des jeweiligen Landesfürsten, der ihnen damit den Schutz für ihr Eigentum und zugleich bestimmte Privilegien gewährte. Diese Privilegien aber bedeuteten in Wahrheit Einschränkungen in ihrer Handlungsfreiheit. So durften die Juden keine handwerklichen Berufe ausüben und keinen größeren Grundbesitz haben. Ihre Tätigkeit war auf das Handelsgewerbe beschränkt, was ihnen dann später sehr zum Vorwurf gemacht wurde. Schon wenige Jahre später, nämlich im Jahre 1790 erfolgte per Dekret der Nationalversammlung in Paris die bürgerliche Gleichstellung der Juden für den Bereich der franz. Republik, die sich dann auch auf unser Gebiet erstreckte. Damit waren Schutzbrief und Schutzgeld entfallen und die Juden wurden nun mehr und mehr in die Gesellschaft integriert, ja sie gingen in ihr auf, als gleichberechtigte, deutsche Bürger. Auch die Juden in Neunkirchen waren so zu gleichberechtigten Bürgern geworden, wenigstens insoweit, als sie keinen Schutzbrief mehr brauchten und auch kein Schutzgeld mehr zu zahlen hatten. Die „Franzosenzeit“ brachte zwar den ehemaligen Untertanen an  Saar und Blies die Befreiung vom fürstlichen Joch, lud ihnen aber neue Lasten auf, die nicht weniger belasteten. So genannte „Ausleerungskommissionen beschlagnahmten alles, was ein Heer brauchen konnte. Metalle, Stoffe, Leder, Lebensmittel – dazu gehörte, auch das Vieh, wurden im wahrsten Sinne des Wortes einfach geraubt. Napoleon brauchte jedoch nicht nur Geld sondern auch Soldaten, deshalb wurde die militärische Dienstpflicht auch auf die besetzten Gebiete ausgeweitet. Dies löste, wie man sich vorstellen kann, keine große Begeisterung aus. Viele Eltern versuchten Befreiungen für ihre Söhne zu erlangen. Dabei wurde es vielerorts auch mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Geburtsdaten wurden gefälscht, oder Söhne ganz verschwiegen. Dies führte dazu, dass manche jungen Leute zuhause bleiben durften, andere jedoch im Heer des Napoleon mitziehen mussten. Dies schaffte böses Blut, Neid und Missgunst bei den Benachteiligten. Waren es ausgerechnet auch noch Juden, die sich vom Militärdienst drücken konnten so war, der Zorn derjenigen, denen dies nicht gelang, verständlicherweise noch größer. So berichtet der Saarkalender 1929 auf Seite 79 von einem Protokoll der französischen Behörden aus Neunkirchen über eine Aussage von zehn Neunkircher Bürgern:

Neunkirchen 20. Messidor Jahr 13
Da die hiesigen Juden namentlich Simon David, David Meyer und Samule Elias, welche Söhne haben und zwar letzterer seines Bruders Sohn, durch ihre Schnur und Bändel beweisen wollen, dass besagte Söhne das Alter des Concrits vom 16. Jahr noch nicht hätten, unterschriebene Bürger von hier, welche Kinder von nemlichen Alter haben und in ihrer Nachbarschaft wohnen, sicher wissen, dass sie das gehörige Alter besagter Conscription haben und aus dieser Ursach gut wissen können, so haben selbige sich hier eigenhändig unterschrieben, um wenn es gefordert wird, das nemliche vor Gericht oder wo es ist, zu bescheinigen.

Geschehen Neunkirchen, den Tag wie oben
Adam Schmidt, Jakob Werner, Georg Händgen, Johann Philipp Lang, Wilhelm Schmidt, Jacob Schmelzer, Johann Friedrich Wegmann, Jakobina Schlossmännin, Maria Barbara Schmidtin. Die während der französischen Revolution in Frankreich durchgesetzte Gewerbefreiheit galt ab 1808 auch für die preußischen Juden, ihnen wurde der freie Handel zugestanden. Im selben Jahr erließ Napoleon ein Gesetz das alle Juden verpflichtete sich feste Namen zuzulegen, die in einer persönlichen Erklärung gegenüber den Behörden schriftlich beurkundet werden mussten. In Neunkirchen haben sich damals unter dem Bürgermeister Coutourier insgesamt 108 Juden registrieren lassen. 1812 wurden die vorher staatenlosen Juden als preußische Staatsbürger anerkannt. Nach dem Fall Napoleons wurde der größte Teil des ehemaligen Fürstentums Nassau-Saarbrücken – so auch Neunkirchen – dem Königreich Preußen zugeschlagen. Teilweise haben die Preussen die den Juden gewährten Zugeständnisse wieder zurückgenommen. So erlaubte man ihnen nach 1818 den freien Handel nur dann noch, wenn sie im Besitz eines Handelspatentes waren, das jährlich erneuert werden musste – natürlich nur gegen die Zahlung einer hohen Gebühr.

Dass man sie immer noch als eine Sondergruppe behandelte, dokumentiert eine Eintragung am 31.8.1830 in der Beratungsliste der Neunkircher Schöffen, vergleichbar den späteren Gemeinderats-Beschlussbüchern, wo es heißt:
Nachdem die hiesigen handeltreibenden Israeliten sich bei dem Bürgermeisterei-Amte dahir zu Gewerbescheinen für das Jahr 1831 gemeldet hatten, wurde das diesfällige Anmeldeprotokoll dem Stadtrate vorgelegt um die Zulässigkeit dieser Anträge gemäß Artikel 7 des Gesetzes vom 17. März 1808 zu prüfen. Der Schöffenrath, in Erwägung, dass gegen die hiesigen Handeltreibenden:
August Joseph von Neunkirchen,
August Theobald von Neunkirchen,
August Elias Simon, von Neunkirchen,
Samson Löb von Neunkirchen,
Moses Hans von Neunkirchen,
Liebermann Meyer von Neunkirchen,
Hans Jakob, von Neunkirchen,
Bernheim Leonhard von Neunkirchen,
Meyer Meyer von Neunkirchen,
Samuel Blach von Neunkirchen
und August Daniel von Wellesweiler,
sodann Isaak Victor, Gottfried August, Theobald Lion, Jakob Meyer, und Moses Freis, alle von Spiesen, keine Beschwerden bekannt sind, dieselben auch im Genuß der bürgerlichen Rechte sind, auch in unbescholtenem Rufe stehen, aus diesen Gründen wird denselben mit bezug auf das vorzitierte Gesetz, welches durch allerhöchste Ordre vom Merz 1818 in Kraft erhalten worden ist, das Zeugnis ertheilt, daß keiner der vorgenannten sich mit einem unerlaubten Handel abgegeben noch Wucher getrieben habe.

Die in Neunkirchen verstorbenen Juden wurden zu dieser Zeit in Illingen beigesetzt. 1831 hatte der königliche Landrat den Neunkircher Juden die Anlage eines eigenen Friedhofs genehmigt. Am 28.11.1831 erwarben die Israeliten zu Neunkirchen und Spiesen zu diesem Zweck ein Stück Ackerland von den Eheleuten Georg Bach und Katharina Düd auf dem Bann „Auf Maien an der Altseiters“ mit einer Größe von ca. 2200 qm. Der neue Friedhof wurde aber keineswegs sofort von den Mitgliedern der Judengemeinde genutzt, lieber nahmen sie die hohen Kosten für die Beerdigung in Illingen in Kauf als dass sie als Erste den Verstorbenen auf dem neuen Friedhof beisetzten. Ein Auszug aus den Friedhofsakten klärt dieses Verhalten. 
Am 10.12.1832 ist in Neunkirchen dem Leonhardt Bernheim ein KJind gestorben und er wollte es nicht auf dem neu angelegten Friedhof in Neunkirchen beerdigen sondern wie bisher in Illingen.

Bürgermeister Aich schreibt dazu:
Ungeachtet dass hier ein jüdischer Friedhof errichtet ist, so will dennoch keine jüdische Familie ihre angehörige Leiche dorthin beerdigen lassen, weil sie dem Aberglauben anhängen, dass sobald eine Leiche auf dem neuen Friedhof liege, der Kirchhof noch zehn Opfer aus der Familie fordere.
1832 verfügte der königliche Landrat in Ottweiler, dass keine jüdische Leiche aus Neunkirchen ohne ausdrückliche polizeiliche Erlaubnis in Illingen beerdigt werden durfte.
Unterschieden haben sich die Juden gegenüber der übrigen Bevölkerung nun hauptsächlich hinsichtlich ihres anderen Glaubens, und allein deshalb wissen wir heute etwas mehr über ihre jeweilige Anzahl, denn bei den immer wieder stattgefundenen Volkszählungen, wurde peinlich genau auch erfasst, wieviel Personen jeweils protestantischen, katholischen oder israelischen Glaubens waren.   
 
Ende des 3. Teils, Fortsetzung folgt
Wolfgang Melnyk

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