Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 4

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Über die erste Einwanderungen in Deutschland  
 
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Ensemble aus Burgkeller und Synagoge (links) vor 1938 (Quelle: Archiv Schwenk).
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Quelle: Archiv Schwenk
Im Jahre 1843 lebten 188 Juden in Neunkirchen davon waren 13 umherziehende Händler, zehn betrieben einen stationären Handel, acht waren Handwerker, drei Tagelöhner, vier Bettler.
1842 erfahren wir aus einem Schreiben von Bürgermeister Bartz an den Landrat Rohr u. a. etwas über die Moral und die Vermögensverhältnisse der Neunkircher Juden:
„Gleichwohl finde ich durchschnittlich ihre Moral nicht geringer wie bei den ihnen in ihren äußeren Verhältnissen gleichstehenden Christen, ja sogar in mancher Beziehung, was Vergehen und Verbrechen anbelangt, erscheinen die Juden besser, was wohl aber auch hauptsächlich seinen Grund darin findet, dass dieselben der Mehrzahl nach ängstlicher Natur sind. So ist mir kein in den letzten 5 Jahren von Israeliten begangenes constatiertes Verbrechen bekannt.
Was endlich die Vermögensverhältnisse der diesseitigen Juden betrifft, so sind dieselben bei den meisten gering, bei vielen ganz schlecht und nur bei den wenigsten gut.“
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand bei der Neunkircher Judenschaft der Wunsch nach einer Synagoge. Eine Vermessungskarte aus dem Jahre 1847 weist für einen Teil der alten Schlossliegenschaften als Eigentümer die Gemeinde Israel, Wohnort Neunkirchen  aus. Über den baulichen Zustand des alten Schlosses wissen wir wenig, aber vieles deutet daraufhin, dass bereits 1847 hier eine Judenschule untergebracht war, die auch als Bet- und Versammlungsraum genutzt wurde.
Es bedurfte großer Anstrengung bis nach vielen Jahren die Synagoge errichtet werden konnte. Auch die weltliche Gemeindeverwaltung hatte ihren Teil dazu beigetragen und 500 Taler gestiftet. Am 25. November 1865 wurde das neue Gebetshaus feierlich eingeweiht. Schon Tage zuvor war die Bevölkerung aufgerufen worden, das Ereignis gebührend zu würdigen.
So berichtete die St. Johanner Zeitung:
Alle Einwohner Neunkirchens ohne Unterschied der Konfession gaben ihre aufrichtige Teilnahme an diesem hohen Feste auf die erfreulichste und humanste Weise zu erkennen. Der ganze Ort war festlich geschmückt. Alle Häuser waren beflaggt und an dem Zug in die neue Synagoge beteiligten sich Christen wie Juden.“
Dass sich die Synagogengemeinde vorzüglich in die Bevölkerung Neunkirchen integriert hatte, beweist ein zeitgenössischer Bericht über die Feier des ersten Jahrestages der Einweihung, den Kurt Hoppstädter in seiner Arbeit „Die Juden in der Geschichte des Saarlandes“ wiedergegeben hat:

Neunkirchen den 25.11.1866
Die gestrige Feier des ersten Jahrestages der Synagogeneinweihung begann mit einem solennen Gottesdienst in der Synagoge, der von Einheimischen und Fremden, Christen und Juden sehr zahlreich besucht und von Herrn Sänger in Vertretung des nicht erschienenen Ober-Rabbiners Herrn Kahn aus Trier sehr würdig abgehalten wurde. Das Festessen im Moserschen Saale, an dem auch eine Anzahl Damen und geladene Gäste teilnahmen, verlief in äußerst heiterer und gemütlicher Weise, durch zahlreiche Trinksprüche gewürzt, deren ersten Herr Sänger auf den König ausbrachte und dann der confessionellen Toleranz gedachte, die hier in Neunkirchen ein so hübsches Band um die Einwohner schlingt. Weitere Trinksprüche auf die Damen, die preußische Armee, den Herrn Sänger und die Gemeinde-Vorsteher Herren Bloch und Rothschild folgten. Der Tanz, in dem Gesangsvorträge unseres wohlberufenen Männer-Quartetts eine angenehme Zwischenpause brachten, hielt die sehr zahlreiche Gesellschaft bis zum Frühmorgen zusammen.
Nach ihrer rechtlichen Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern und der Beseitigung der sie diskriminierenden Vorschriften konnten sich die Juden auch in Neunkirchen besser entfalten. Sie waren loyale Staatsbürger, erfüllten ihre Wehrpflicht, dienten dem Vaterland auch in den Kriegen. Sie nahmen an Versammlungen teil und erwarben sich die Achtung ihrer Mitbürger. Es gab einige Arbeiter unter ihnen, einige übten akademische Berufe aus, andere waren als selbstständige Handwerker tätig, die meisten aber waren wie ihre Vorfahren Händler, von denen einige sehr erfolgreich waren. So seien hier stellvertretend für viele, die teilweise noch bekannten Namen wie Levy, Rotschild, August Henoch, Wronker, Oskar Lichtenstein, Gebrüder Weißenbach, Klein, Herz, Winter usw. genannt. Als Beispiel für ein erfolgreiches Unternehmen in jüdischer Hand gilt sicher das bekannte Kaufhaus Levy. 1897 gründete die Witwe Levy mit ihren beiden Söhnen die Niederlassung Neunkirchen. Bereits 1901 mussten die Geschäftsräume erheblich vergrößert werden. Bald war das ­Geschäft zu einem Kaufhaus geworden, das allen Ansprüchen gerecht werden konnte. Die einzelnen Abteilungen boten dem Käufer eine reiche Auswahl an Damen, Herren und Kinderkleidung, an Schuhen, Gardinen, Stoffen, Teppichen, Textil- Weiß- und Wollwaren. 1922 wurde aus dem Kaufhaus Levy eine Aktiengesellschaft mit rund 300 Beschäftigten.
Bei den Krawallen 1919 wurden auch in Neunkirchen vor allen Dingen jüdische Kaufhäuser geplündert. Betroffen waren die Kaufhäuser Henoch, Lachmann, Gebrüder Wronker und teilweise das Kaufhaus Levy Witwe berichtete die Saar-Blies-Zeitung am 10. Oktober 1919.
 
Ende des 4. Teils, Fortsetzung folgt
Text: Wolfgang Melnyk
Quellenangaben folgen im letzten Teil

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