Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 5

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Über die erste Einwanderungen in Deutschland  
 
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Jüdische Zeitung 1865
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Einkaufstüte Kaufhaus Levy Wwe.
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Ausgebrannte Synagoge 1938
(Archiv Schwenk).
Im Jahre 1921 berichtet die Neunkircher Volkszeitung über ein Spende der Firma Josef Levy Witwe in Höhe von 200 000 Mark zur Förderung des Kleinwohnungsbaus. Im selben Jahr hat auch die Familie Herzberger 200 000 Mark zur Beschaffung von Baugelände für den Kleinwohnungsbau zur Verfügung gestellt, nachdem bekannt geworden war, dass in Neunkirchen 790 Familien eine Wohnung suchten.
Nur wenige Jahre später kam Adolf Hitler an die Macht und fortan waren die Juden keine geachteten Mitbürger mehr. Bereits 1923 verkündete Hitler: Zwei Hauptfeinde habe ich zu bekämpfen, die Juden und die Marxisten“. Seine Machtergreifung warf ihre dunklen Schatten auch auf das noch vom Deutschen Reich abgetrennte Saargebiet. Der immer stärker werdende Terror führte dazu, dass einige Juden bereits vor der Rückgliederung das Land verließen. 1935 verließen viele jüdische Bürger ihre Heimatstadt. Der Textilhändler Soesmann hatte sein Geschäft bereits 1934 abgegeben, das Schuhgeschäft Karl Voos schloss 1935 und auch das Kaufhaus Josef Lewy Witwe gelangte in den Besitz der Neunkircher Kaufhaus AG.
So schreibt Dieter Wolfanger im Neunkircher Stadtbuch auf Seite 406: „In der Synagogengemeinde Neunkirchen, die vor der Rückgliederung durch den Anschluss der Spieser Judenschaft zunächst gestärkt worden war, herrschte unter dem Eindruck der rasch sinkenden Zahl der Gemeindeglieder bei den Zurückgebliebenen bald eine Panikstimmung. Hatte es allein in Neunkirchen Mitte 1935 immerhin noch 142 Juden gegeben, so verringerte sich deren Zahl in den folgenden Monaten so dramatisch, dass die zuständigen Gremien der Synagogengemeinde befürchteten, ihren Zahlungsverpflichtungen nicht  mehr nachkommen zu können und am 18. September 1936 den Verkauf der Synagoge beschlossen, wozu es dann allerding nicht mehr kam. Da aber Vorstand und Repräsentantenversammlung infolge der weiteren Abwanderung ihre Handlungsfähigkeit verloren, wurde auf ihren Antrag hin Ende März 1936 der ehemalige Kantor Nathan Heinemann zum kommissarischen ­Verwalter bestellt.
Ein weiterer Schritt der Neunkircher Judenschaft, um als Gemeinde zu überleben, ­bestand darin, dass sich die Synagogengemeinden Neunkirchen, Illingen und Merzig zusammenschlossen und sich am 25. November 1936 das Statut der Vereinigten ­Synagogengemeinde gaben. Wahrscheinlich infolge des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Kultusgemeinden vom März 1938, das den Synagogengemeinden den öffentlich rechtlichen Status entzog, zerfiel die neue Gemeinde wieder in ihre Teile.“
Eine neue Phase der Judenverfolgung in Deutschland wurde mit der so genannten Reichskristallnacht eingeleitet. Das Attentat eines jungen polnischen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris wurde von den Nationalsozialisten zum Anlass genommen, planmäßig und gezielt jüdische Geschäfte und Büros zu plündern und Synagogen in Brand zu stecken. Die folgenden Übergriffe bezeichnete Reichsminister Goebbels als spontane Reaktion des deutschen Volkes. Mitglieder der SA und des NSKK – des nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps zeigten sich bei diesen Aktionen in vorderster Linie.
Ein Großteil der Informationen über die Zerstörung der Synagoge wurde den Aufzeichnungen eines Vortrages „Die Reichspogromnacht in Neunkirchen und der Prozess gegen die Brandstifter“ von Markus Krämer, gehalten am 31.10.1988 in der Kreisrealschule Neunkirchen entnommen.
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurde der NSKK-Führer alarmiert und beauftragt sofort weitere Mitglieder des NSKK zu benachrichtigen, dass auf dem Oberen Markt anzutreten sei. Der NSKK-Sturmführer beauftragte einzelne Männer seiner Formation mit der Verhaftung jüdischer Mitbürger, nachdem er ihnen gesagt hatte, wegen der Ermordung des Gesandten von Rath sei eine Großaktion im Gange, die Synagoge müsse weg und die Juden sollen verhaftet werden. Die NSKK-Männer begaben sich in die Heizengasse um das jüdische Ehepaar Herz zu verhaften.
Herr Herz hat 1947 die Umstände seiner Verhaftung detailiert geschildert: „In der Nacht gegen 5 Uhr morgens wurde meine Wohnung durch drei Nazibanditen aufgebrochen und demoliert. Meine Frau und ich wurden aufgefordert aufzustehen. Die drei Nazis hatten es nicht einmal für nötig befunden, das Zimmer solange zu verlassen, bis meine Frau sich angekleidet hatte.“
Nachdem die Geschäftseinrichtung teilweise zerstört war, wurde das Ehepaar Herz von den NSKK-Männern dann auf das Polizeipräsidium Neunkirchen gebracht. Unterwegs wurde Frau Herz geschlagen. Der Hinweis von Herrn Herz auf seine hohen Kriegsauszeichnungen nützte nichts. Auf dem Polizeipräsidium schaltete sich sofort die Gestapo ein, die den Weitertransport der Verhafteten nach Saarbrücken veranlasste.
In der selben Nacht wurde noch das jüdische Geschwisterpaar Meyer, ein jüdischer Bergmann und der „Judengünstling“ Fritz Ruffing verhaftet.
Zur gleichen Zeit versuchte der NSKK-Sturmführer mit dem größten Teil seiner Leute in die Synagoge einzudringen, um diese zu zerstören. Die Eingangstüre hielt den Axthieben jedoch stand. Mittlerweile waren andere NSKK-Männer durch die Seiteneingangstüre in die Synagoge eingedrungen und zerstörten systematisch das Inventar. Da die Synagoge bereits seit 14 Tagen ohne Strom war, wurde der Fahrer der städtischen Kehr­maschine aufgefordert, mit dem Scheinwerfer der Kehrmaschine das Innere der Synagoge auszuleuchten. Wegen des großen Lärms in der Synagoge wurden die unmittelbaren Nachbarn wach. Frau Roth ging entschlossen auf die Straße und stellte den Ortsgruppenleiter zur Rede. Dieser beruhigte sie jedoch mit den Worten „ihrem Haus werde nichts geschehen.“
 
Ende des 5. Teils, Fortsetzung folgt
Text: Wolfgang Melnyk
Quellenangaben folgen im letzten Teil

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