Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 6

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Über die erste Einwanderungen in Deutschland  
 
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Synagogenplatz nach Abriss der Ruine.
Quelle: Gerichtsakte
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Synagogenplatz in Neunkirchen.
Quelle: Gerichtsakte.
Quellenangaben:
  • Mitteilung des Historischen Vereins für die Saargegend Heft 21, Saarbr. Seite 283–291
  • Ottmar Paulus – neu bearbeitet von Friedrich Bach, Die Juden in Neunkirchen, Seite 219–234
  • Dieter Wolfanger, Stadtbuch Neunkirchen, Jüdisches Leben in Neunkirchen, Seite 406
  • Markus Krämer, Die Reichspogromnacht in Neunkirchen und der Prozess gegen die Brandstifter, 31. Oktober 1988, Seite 25–34
  • Fotoarchiv Horst Schwenk
  • Historischer Verein Stadt Neunkirchen, Werner Fried, Die Juden in Neunkirchen, November 1999
  • Historischer Verein Stadt Neunkirchen, Scheiber Nachrichten, Wolfgang Melnyk, Der Jüdische Friedhof, 1999
  • Historischer Verein Stadt Neunkirchen, Werner Fried, Der Obere Markt, in Neunkirchen, 2006
 
Zahlreiche Passanten, die zu ihrer Arbeit gehen mussten, bemerkten in der Frühe die Zerstörungen in der Synagoge und den allgemeinen Lärm. Innen war alles durcheinander geworfen, Behältnisse waren aufgebrochen worden und die Pergamentrollen mit den hebräischen Schriftzeichen lagen auf der Straße umher. Zwischenzeitlich gab es noch Differenzen zwischen NSKK und SS über die Zuständigkeiten. Nach der Beendigung der Zerstörung blieb es bis zum Nachmittag vor und in der Synagoge verhältnismäßig ruhig. Derweil besprachen im Cafe Sick Kreisleiter Schäfer und SA-Standartenführer Klein den weiteren Fortgang der Aktion. Dieser Fortgang der Aktion war bereits angemahnt worden. Zur Mittagszeit rückte die Feuerwehr von Neunkirchen zur Brandbekämpfung nach Illingen aus. Im Hinblick auf die drohende Gefahr einer Ausbreitung des Feuers während die einheimische Feuerwehr auswärts eingesetzt war, wagte man es nicht die Synagoge anzuzünden. Außerdem wollte man die Rückkehr des SS-Obersturmbannführers Stemmler abwarten. Nachdem die Neunkircher Feuerwehr den Brand in Illingen gelöscht hatte oder besser die umliegenden Häuser vor der Inbrandsetzung bewahrt hatte, rückte sie nachmittags gegen 16.00 Uhr wieder ab. Die Fahrt ging zurück nach Neunkirchen, über den Oberen Markt an der äußerlich unbeschädigten Synagoge vorbei, weiter bis ins Gerätehaus in „Maurers Gässchen“. Nach höchstens 15 Minuten wurde die Feuerwehr erneut alarmiert, da die Synagoge brannte. Dies kam den Feuerwehrleuten sehr seltsam vor, da sie den Brand wenige Minuten vorher nicht bemerkt hatten. Bei ihrem Eintreffen am Brandort stand die Synagoge schon in hellen Flammen, die zum Dach hinausschlugen. Nach der Wucht und der Schnelligkeit mit der der Brand ausbrach kam nur Brandstiftung mit gut und schnell brennbarem Material in Frage. Schulkinder hatten vorher sämtliche Fensterscheiben der Synagoge eingeworfen. NSKK-Angehörige versuchten mit großer Mühe das Hauptportal aufzubrechen.
Die Polizei griff nicht ein. Von höchster Stelle hieß es, die Polizei dürfe nicht gegen die Zerstörung der Synagogen einschreiten. Dem spontanen Volkswillen dürfe nicht entgegengetreten werden. Die Feuerwehr konnte die Synagoge nicht mehr retten, sie konzentrierte sich auf den Schutz der Nachbarhäuser. Die Synagoge brannte restlos aus. Unter lautem Johlen und Gelächter hatten Zivilisten und Formationsangehörige die Gesetzestafeln heruntergerissen. Die anwesende Menschenmenge wurde derweil immer größer. Es gab aber auch massive Proteste gegen die sinnlose Zerstörung und die Brandstiftung. Der Architekt Wisch und der Baumeister Friesch mussten ihren Protest teuer bezahlen. Sie wurden noch am selben Abend niedergeschlagen. Herr Wisch musste schwerverletzt ins Fliedner-Krankenhaus eingeliefert werden. Herr Friesch wurde von einem Überfallkommando der Polizei festgenommen. Zusammen mit Herrn Wisch stellte er gegen die Täter Strafantrag wegen Körperverletzung, allerdings erfolglos. Als Hauptakteure während des Brandgeschehens wurden der SS-Sturmbannführer Stemmler, der SA-Stand­artenführer Klein, der Kreisleiter Schäfer und der NSKK-Sturmführer ausgemacht. Die Verwaltungsspitze unter Bürgermeister Ruppersberg war vermutlich über den geplanten Brandanschlag informiert. Der Bürgermeister unternahm eine Dienstfahrt bis in den späten Abend hinein. Der Verwaltung gab er den Ratschlag sich passiv zu verhalten. In der Heimatpresse tobte sich in den nächsten Tagen ein zügelloser Antisemitismus aus. So schrieb die Saar-Blies-Zeitung: „Auch in unserer Stadt haben sich die Bürger in richtiger Erkenntnis der Ungeheuerlichkeit der Pariser Freveltat und der dahinterstehenden internationalen Verbrecherbande Luft verschafft und der Judenschaft das bar heimgezahlt, was sie sich eingebrockt hat. Ihr Tempel, ein Schandfleck in der Stadt ist nicht mehr. Spontan wurde er weggefegt.“
Als einzige Möglichkeit dem Terror der Nazis zu entkommen, blieb die Flucht in ein anderes Land, wo allerdings die Mehrzahl von ihnen nach dem Vormarsch der deutschen Truppen, dann doch noch der Gestapo in die Hände fiel. Diejenigen, die zu Hause blieben wurden schließlich verhaftet und in die Konzentrationslager gebracht. So kam es, dass beim Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Jahre 1945 in Neunkirchen keine Juden mehr wohnten.
Einige wenige Juden, die den Holocaust überlebt hatten, haben sich nach dem Krieg in Saarbrücken wieder zusammengefunden und die neue Synagogengemeinde Saar wieder ins Leben gerufen. Die Einzelsynagogengemeinden wurden aufgelöst. 1949 kaufte die neue jüdische Gemeinde den jüdischen Friedhof zurück, der 1942 für 165 Reichsmark an die Stadt Neunkirchen gefallen war.
1970 waren wieder 13 Juden in Neunkirchen ansässig.
 
Ende
Text: Wolfgang Melnyk

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