Jüdische Bürger in Neunkirchen Teil 1

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Über die ersten Einwanderungen in Deutschland  
 
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Oberer Markt mit Synagoge. Postkarte um 1900
(Archiv Schwenk)
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Im Mittelalter zur Kennzeichnung der Juden vorgeschriebener Hut.
Über die ältere Geschichte der Juden weiß man sehr wenig. Klar ist lediglich, dass Juden bereits unter römischer Herrschaft in den heute deutschen Gebieten lebten, die zum römischen Germanien gehörten. Für einige römische Siedlungen sind im 4. Jahrhundert auch jüdische Gemeinden nachgewiesen. Die erste jüdische Gemeinde ist für 321 n. Chr. in Köln erwähnt. Recht häufig hatten Juden wichtige Ämter in der Verwaltung der rätischen Provinz inne. Möglicherweise bestanden nach dem Abzug der Römer und der germanischen Landnahme einige jüdische Siedlungen dort weiter.
Für das Ostfrankenreich sind jüdische Gemeinden auf ehemals römischem Boden sicher nachweisbar. Ob es in den rheinischen Städten eine durchgehende jüdische Siedlung gab, ist ungewiss. Der erste namentlich bekannte Jude ist der Großkaufmann „Isaak“ am Hof Karls des Großen, den er 797 bis 802 in einer Gesandtschaft nach Bagdad zum Kalifen Harun al-Raschid schickte und der einen (weißen?) Elefanten von dort mitbrachte. Von Ludwig dem Frommen sind Privilegien um 825 erhalten, die für die Juden Vergünstigungen sichern und unter anderem ihre Tätigkeit im Sklavenhandel zwischen Böhmen und Spanien regeln.
Genetische Untersuchungen haben eine starke genetische Verwandtschaft zur heutigen Bevölkerung des Nahen Ostens gezeigt, sodass davon ausgegangen werden muss, dass die mittelalterliche jüdische Bevölkerung in Europa mehrheitlich von den Juden des historischen Israel abstammte.
Zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert stieg die Zahl der Juden stark an. Betrug sie im 10. Jahrhundert noch um 5.000, hatte sie sich bis ins 11. Jahrhundert auf 20.000 vervierfacht. Im 10./11. Jahrhundert wanderten aus Italien und Südfrankreich jüdische Kaufleute in rheinische Städte ein. Die dortigen jüdischen Gemeinden erlebten ihre Blütezeit. Juden gingen Ende des 10. Jahrhunderts auch weiter ostwärts nach Magdeburg und Merseburg. Überall erhielten sie sehr günstige Privilegien durch die ottonische und salische Politik, um ihre Wirtschaftskraft zu nutzen. Die ersten Synagogen entstanden in Köln 1012 bzw. Worms 1034 und Trier 1066, daneben entstanden bald Schul- und Lehrhäuser. Auch jüdische Friedhöfe wurden angelegt. Judenquartiere wuchsen weniger aus Zwang als aus praktischen Gründen. Eine Selbstverwaltung entstand unter Duldung der christlichen Obrigkeit, die sich um Steuern, Kultus und Schule kümmerte und Statuten erlassen durfte. Die jüdischen Kaufleute waren in Sippen bis nach Italien und weiter organisiert. Im 12. Jahrhundert betrieben Juden zunehmend das Kreditgeschäft als Folge der christlichen Kritik am Zinsnehmen. Auch jüdische Ackerbürger und Handwerker sind bekannt, die allerdings nicht in die christlichen Zünfte hineinkamen. Das Verhältnis der Juden zum Umfeld war entspannt, einzelne Juden oder ganze Gemeinden hatten Schutzbriefe des Königs. Dies änderte sich nach den Pogromen gegen jüdische Gemeinden, die während des ersten Kreuzzugs ab 1095 unter Papst Urban II. stattfanden. Die Juden in den rheinischen Städten fanden nur unzureichenden Schutz vor den Kreuzfahrern bei den bischöflichen Stadtherren wie dem Trierer Bischof Engelbert von Rothenburg. Im 1. Mainzer Reichslandfrieden 1103 wurde Juden unter anderem das Recht, eine Waffe zu tragen, abgesprochen. Am Ende stand die Kammerknechtschaft, die die Juden geschlossen als unfreie Kammerknechte des Kaisers Friedrich II. definierte. Dies garantierte ihnen zwar Schutz von Leben und Eigentum sowie eine autonome Gerichtsbarkeit in innerjüdischen Angelegenheiten, auf der anderen Seite war damit der Verlust von persönlicher Freiheit und eine Belastung mit Sondersteuern verbunden. So entstand ein Sonderrecht für eine begrenzte Minderheit. Die Einnahmen aus der Kammerknechtschaft vergab der Kaiser teilweise an Reichsfürsten oder Städte. Juden lebten in dieser Zeit weniger vom ­Warenhandel als von kleineren Darlehensgeschäften, auch als Ärzte und Techniker. Sie durften christliche Bedienstete und sogar Sklaven halten. Zeitgleich radikalisierte sich die kirchliche Haltung gegenüber den Juden, was zum Beispiel im 4. Laterankonzil 1215 zum Ausdruck kam. Das Konzil schrieb eine Kennzeichnung von Juden vor (Hut/gelber Fleck) und verbot in Folge der kirchlichen Reformbewegungen des 11. Jahrhunderts Christen die Zinsleihe. Der einflussreiche Franziskaner Berthold von Regensburg nahm die Vorstellung von den Juden als Gottesmörder in die Predigt auf. Der Schwabenspiegel um 1275 forderte bereits eine striktere Trennung im Alltag, die aber bis 1350 nicht üblich wurde. Die Pogrome, die die Große Pest um 1350 begleiteten, markierten einen tiefen Einschnitt. Sie begannen 1348 in der Schweiz unter dem Vorwurf jüdischer Brunnenvergiftung. In 85 von 350 Städten mit jüdischen Einwohnern wurde gemordet, fast überall wurden Juden ausgewiesen. Ihr Untergang brachte vielen materielle Vorteile, allen voran dem Kaiser Karl IV. Nur zu schlechteren Bedingungen wurden Juden wieder aufgenommen, weil Fürsten und Städte letztlich ihrer bedurften. Zusätzliche Abgaben wurden auferlegt, so der „Goldene Opferpfennig“. Daneben setzte die Auswanderung nach Polen und Litauen ein, wo das Jiddisch als Mischsprache aus hebräischen, mittelhochdeutschen und slawischen Teilen entstand. Die Feindschaft gegenüber jüdischen Geldverleihern führte immer wieder zu Ausschreitungen, deren Opfer hauptsächlich jüdische Einwohner wurden. Jüdische Geschäftsleute hatten in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft eine Sonderrolle, weil das Zinsverbot für sie nicht galt. Für viele verschuldete Personen waren die Schulden erdrückend. Zins und Tilgung in Verbindung mit Neid führten zu Feindlichkeit, die dann zu Unrecht auf die gesamte jüdische Bevölkerung generalisiert wurde und sich in grausamen Judenpogromen entlud. Der Hass auf den „Judenwucher“ übertraf häufig auf den Klerus und Adel. König Wenzel führte 1385/1390 eine „Juden-Schuldentilgung“ durch, die Städte und Fürsten entlastete. Kaiser Sigismund legte den Juden die Kosten für das Konzil von Konstanz und das Konzil von Basel auf. Auch entstanden erste christliche Banken, weil das Zinsverbot nicht mehr eingehalten wurde. Am Ende mussten viele jüdische Geldleiher aufgeben und wanderten ab. Als Erwerb blieb nur die kleine Pfandleihe und der Trödelhandel.
 
Ein Bericht von Wolfgang Melnyk

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