Gaststätte „Walrad’s Katche” Teil 3

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Die Hohlstraße – eine der ältesten Straßen in Neunkirchen
 
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Emma Schmidt als Mädchen,

als junge Frau und im reiferen Alter.

Quelle: L. Klein

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Heiratsurkunde von Friedrich Christian Schmidt
und Katharina (Katche) Schott
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Emma Schmidt bei der Ehrung
zu ihrem 90. Geburtstag am 16. März 1979
Quellen:
  • 10. Kurt Hoppstädter: Die Grafschaft Saarbrücken, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, Band 2, S 311 f.,
    Saarbrücken 1977
  • 11. Amtliche Häuserbeschreibung von 1634, LArchiv Saarbrücken, Bestand N-S II 2456
  • 12. Hans-Walter Herrmann: Die ­Reunion, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, Band 2, S. 444 f., Saarbrücken 1977
  • 13. Tabell der Meyerey Neunkircher:
    LArchiv Saarbrücken, Bestand N-S II 2317
 
Den Vornamen Walrad gab es schon im Hause Nassau dem Fürstenhaus zu dessen Herrschaftsgebiet unsere Heimat gehörte. Im 17. Jh. hinterließ Graf Wilhelm Ludwig drei Söhne, die am 31. März 1649 eine Teilung des nassauischen Gebietes vornahmen: Johann Ludwig erhielt die Grafschaft Ottweiler, Gustav Adolf die Grafschaft Saarbrücken und Walrad erhielt Usingen. Walrad erlangte 1688 beim deutschen Kaiser gegen den Protest seiner Brüder die Fürstenwürde, die ­später auch auf das Haus Nassau-Saarbrücken überging (10). Von daher bestand in unserem Raum schon eine gewisse Affinität zu diesem Vornamen.
Der Name Schmidt ist in verschiedenen ­Akten aus dem 16. Jh., die Neunkirchen ­betreffen, nachzuweisen. Bis zum Jahr 1611 lässt sich die Geschichte der Sippe Schmidt/ Walrad dann aber lückenlos zurückverfolgen. In der von Dr. Fürst veröffentlichten ­Kirchenrechnung (Ältestes Einwohnerverzeichnis des ehemaligen Oberamtes Ottweiler) für das Jahr 1611 ist unter den Einnahmen der Kirche zu Spiesen ein „Fabian Schmidt zu Neunkirchen” aufgeführt. Noch einmal begegnen wir diesem Namen in der amtlichen Häuserbeschreibung, die den Besitzstand für 1634, nach den für Neunkirchen schlimmsten Jahren des 30-jährigen Krieges darlegt (11). Unter den Unbefreiten (d.h. nicht von der Fron freien) Häusern ist dort aufgeführt: „Welschen Webers Behausung, Schmidts Fabian selig Erben gehörig”. Wo diese Unterkunft stand, wissen wir nicht. Dem Text nach hatte sich hier in der Kriegszeit vorübergehend ein ausländischer ­Weber niedergelassen. In dessen Hütte haben sich dann Fabians Nachkommen, die wahrscheinlich während der Kriegswirren in die Wälder geflohen waren und ihr altes Heim zerstört vorgefunden hatten, zunächst einrichteten.
Zwei Jahre nach dem Westfälischen Frieden heiratete Fabian Schmidts Sohn Hans Vollmar am 19. November 1650 in der Ottweiler Kirche Christina, „des Schu Kuntzen Tochter”, also in eine der ältesten und reichsten Landwirtsfamilien Neunkirchens ein, reich wenigstens für die damalige arme Zeit. Am 7. August 1651 wurde ihr Sohn Hans Nickel geboren, der einziges Kind blieb. Hans Vollmar ist 1665 in einer anderen Fräuleinsteuerliste aufgeführt und zwar mit 25 Albus Umlage (1 Gulden hatte 30 Albus). Hans Vollmar starb am 6. Dezember 1685 und drei Jahre später auch seine Frau am 18. November. Sohn Hans Nickel hatte das von beiden Eltern ererbte Gut schon vorher übernommen. Im Zuge der französischen Reunionspolitik unter Louis XIV. hatten französische Truppen unser Land Ende des 17. Jh. zeitweise besetzt (12). Eine in dieser Zeit 1684 für den französischen König verfasste  Landbeschreibung berichtete in einer Übersetzung zu den Vermögensverhältnissen in Neunkirchen, das halb verwüstet und ver­ödet nur 11 Familien zählte. In dieser Beschreibung ist auch der Hans Nickel Schmidt mit seinem spärlichen Vermögen aufgeführt. 
Hans Nickel trat nebenbei noch als Jäger bzw. Förster in herrschaftliche Dienste am Neunkircher Schloss, dem zeitweiligen Wohnsitz der nassauer Grafen.
Und hier beginnt nun das Schicksal seine Fäden zu spinnen. Die gräfliche Schwester Anna Katharina war mit dem Rheingrafen Johann Philipp zu Dhaun bei Martinstein im Hunsrück verheiratet, so dass enge Beziehungen zwischen Dhaun und Neunkirchen bestanden. Man besuchte sich häufig. Sicher ist Hans Nickel Schmidt, der Jäger, auch oft mit dem Grafen nach Dhaun geritten, denn anders wäre es nicht zu erklären, dass er sich von dort seine Frau geholt hat. Er war schon 38 Jahre alt, als er am 16. Mai 1690 die Anna Julianna Deinert aus Dhaun zum Altar führte. Zwei Töchter und sechs Buben schenkte ihm die Hunsrückerin.
In diesen Jahren kamen die Dhauner Rheingrafensöhne oft nach Neunkirchen geritten, nicht allein der Jagd wegen, sondern auch wegen ihrer Kusinen im Schloss. Der nassauer Graf hatte nur Mädchen, der Dhauner nur Buben. So kam es dass die Gräfin Dorothea ihren Vetter den Wild- und Rheingrafen Walrad von Dhaun zum Manne nahm. Und dieser Graf war es, der sich, als der Storch wieder einmal bei Hans Nickels Türe anklopfte, dem beliebten Jäger als Pate zur Verfügung stellte. Am 15. Februar 1695 wurde Walrad Nicklaus, einer der Söhne des Jägers in Neunkirchen getauft. Paten waren Walrad Graf zu Dhaun, der Huf- und Waffenschmied Johann Nicklaus Schwengel, der Hans Nickel Huartt und die Ehefrau des Neunkircher Pfarrers Eva Margareta Beltzerin. Der Name Walrad, der etwa Kampfberater bedeutet und außerhalb der herrschaftlichen Häuser nur selten war, prägte sich mit dem denkwürdigen Ereignis der gräflichen Patenschaft so tief in das Gedächtnis der Mitwelt ein, dass der Vorname bald zum Beinamen der Sippe wurde.
Auch Hans Nickels Nachkommen blieben so kinderreich wie er. Er starb 1734, 15 Jahre nach seiner Ehefrau, aber das Geschlecht Schmidt-Walrad begann sich mächtig auszubreiten. Sechs Kinder waren die Regel, in Einzelfällen stieg die Zahl auch schon mal auf elf. Der Vorname Walrad findet sich nur noch einmal bei dem ältesten Sohn von Hans Nickel Christoph, dem 1720 geborenen Johann Walrad, der auch Jäger war.
Der erste Träger des Namens Walrad Nicklaus, heiratete am 1. April 1723 die Anna Elisabeth Gräßer aus Neunkirchen, geb. am 17. April 1701, gest. am 1. November 1746 an der stechenden Krankheit (Lungenentzündung). Nach dem Bannbuch von 1740 wohnte er in dem Haus, das schon an der Stelle stand, wo auch das letzte Haus der Familie später entstand. Damals war es das letzte Haus vor dem Heusnersweiher. Die Tabelle der Meyerei Neunkirchen aus dem Jahr 1741 (13) gibt als Größe für das gesamte Land des Walrad Nickel rund 28 Morgen an, außerdem besaß er vier Ochsen. Sein Vermögen wird als mittelmäßig bezeichnet. Hinzugefügt war noch, dass er 50 Gulden Schulden hatte.
Als 1736 ein Johann Christian Russy der Witwe Anna Maria Gräßer, geb. Schäfer ein Eheversprechen gab, unterschrieb der Walrad Nickel im Kirchenbuch als Zeuge mit der gut lesbaren Unterschrift „Wallradt Schmidt”.
1766 übergab Walrad, der sieben Kinder hatte, an seinen am 4. April 1734 geborenen Sohn Johann Christian, der von Beruf Leinenweber und im Nebenberuf auch Landwirt war. Er hatte am 10. Januar 1758 die Maria Elisabeth Schley aus Wiebelskirchen, Tochter des Kirchenzensors Michael Schley, geheiratet. Johann Christian, der auch Kirchenzensor wurde, starb am 2. April 1804, seine Frau war schon 1783 gestorben. Nachfolger im Eigentum waren seine Söhne Johann Adam und Wilhelm. Von dem ersteren führt die Linie der Familie Schmidt-Walrad wie folgt weiter:
- Johann Adam Schmidt, geb. 6. Januar 1762, gest. 25. Dezember 1833. Er war verheiratet seit dem 12. Mai 1781 mit Susanna Catharina Wolfanger aus Wellesweiler .
- Georg Christian Schmidt, Ackerer, geb. 15. Juli 1785, gest. 31. Oktober 1855. Er war verheiratet mit der Anna Maria Ullrich aus Neunkirchen. Er baute 1819 das Haus in der Hohlstraße, den Familiensitz für die nächsten 160 Jahre. Von seinem Bruder Wilhelm Andreas, geb. 2. Juni 1791 stammt die Brauerfamilie (Schloßbräu) ab.
- Friedrich Christian Schmidt, Ackerer, geb. 1. Mai 1816, gest. 11. April 1887 war verheiratet mit Luise Rohrbach aus Wellesweiler.
- Friedrich Christian Schmidt, Ackerer und Wirt, geb. 21. Januar 1857, gest. 25. Oktober 1900. Er heiratete am 21. April 1885 beim Standesamt in Limbach die Katharina (Katche) Schott vom Bliesberger Hof bei Limbach. Sie ist am 25. Juni 1861 geboren und am 18. Juni 1939 gestorben.
Da ihr Ehemann im Alter von 43 Jahren, also 39 Jahre vor ihr, verstorben ist, betrieb sie die Gastwirtschaft jahrzehntelang alleine, um sich und ihre insgesamt 9 Kinder zu ernähren. Ihr Spitzname übertrug sich schließlich auf die Gaststätte (Walrad’s Katche). Diesen Namen trug die Schankwirtschaft über ihren Tod hinaus bis zur ihrer Schließung 1981 auch noch unter ihrer Tochter Emma. Bei den 9 Kindern des Ehepaares handelt es sich um:
1. Lina Sophia Schmidt, geb. am 09.02.1886 in Neunkirchen, verheiratet mit Peter Jacob Martin Oberhoffer, beide wohnhaft in der Talstraße.
2. Richard Andreas Schmidt, geb. am 04.05.1887 in Neunkirchen, verheiratet mit Lina
3 Emma Luise Schmidt, geb. am 16.03.1889 in Neunkirchen, unverheiratet, sie wurde die Nachfolgerin ihrer Mutter als Wirtin der Gaststätte.
4. Ida Katharina Schmidt, geb. am 12.09.1890 in Neunkirchen, verheiratet mit Karl Werner, Bäcker, in der Zweibrücker Straße 1.
5. Sophie Luise, geb. am 15.05.1892 in Neunkirchen, verheiratet mit Richard Schleppi, Fuhrunternehmer in der Marktstr.
6. Karl Friedrich Schmidt, geb. am 01.01.1894 in Neunkirchen, verheiratet mit Helma, beide wohnhaft in der Brunnenstraße
7. Albert Christian Schmidt, geb. am 20.08.1895, gefallen im 1. Weltkrieg
8. Frieda Maria Schmidt, geb. am 28.01. 1897 In Neunkirchen, verheiratet mit Georg Stummbillig
9. Paul Schmidt, geb. am 20.03.1899 in Neunkirchen, Friseur, verheiratet mit Alma Schneider aus der Georgstraße. Sie hatten eine Tochter, Lieselotte, geb. 1940. Da beide Eltern der Liselotte früh verstorben sind, ist sie als Waise im Haushalt ihrer Tante Emma im Stammsitz der Sippe, in Walrad’s Wirtschaft, aufgewachsen.

Nach einem notariellen Testament, das die Katharina Schmidt geb. Schott vor ihrem Tod 1939 verfasste, erbte die Tochter Emma sämtliche Mobilien und hat nach dem Tod der Mutter auch den Betrieb der Gaststätte übernommen. Sie war lange Jahre die älteste Wirtin in Neunkirchen und weithin mit dem Namen ihrer Mutter als „Walrad’s Katche” bekannt.
Bei den Recherchen zu dem Vortrag ist mir der Beiname der Familie Schmidt in unterschiedlichen Schreibweisen begegnet:
1. Walrad – bei der Taufe am 15.2.1695 (ev. Kirchenbuch)
2. Wallradt Schmidt – 1736 als Zeuge mit gut lesbarer Unterschrift beim Eheversprechen von Johann Christian Russy und der Witwe Anna Maria Gräßer, geb. Schäfer
3. Wallrad Schmid – in der Tabell der Meyerey NK von 1741
4. Wallrad – im Artikel der STZ vom 1.2.1941
5. Wallrath – in zwei Urkunden der Schloßbrauerei 1971 + 1974
6. Wallrath – in der SZ 1971
7. Walrath – in der SZ 1974
8. Walrad – in Bernhard Krajewski: Heimatkundl. Plaudereien Nr. 4, S. 19
9. Wallrad – in Werner Raber: Scheiber Nachrichten Nr. 22/1991
Ich denke, man sollte bei der ursprünglichen Schreibweise „WALRAD” bleiben.
Ende des letzten Teils
Armin Schlicker

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