Die Entwicklung des Straßennetzes.. Teil 4

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... und der Straßennamen in Neunkirchen  
 
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Prospekt zur Umstellung
im Rathausfoyer 2002
In Saarbrücken hat man das Problem der Doppelbezeichnungen anders gelöst. Dort blieben alle bisherigen Straßennamen erhalten, mit dem Ergebnis, dass fast alle gängigen Straßennamen mehrfach im Stadtgebiet vorkommen. Es gibt z.B. in Saarbrücken 6 Hauptstraßen (Jäg., Bischm., Ensh., Eschringen, Gersw., Klarenth.,) 8 Blumenstraßen (Nauwieser, Altenk., Bischm., Fech., Büb., Dudw., Eschr., Gersw.) und 4 Brunnenstraßen (Burb., Gersw., Güd., Herrens.) usw. Da man dem o. a. Grundsatz nicht folgte, gibt es seither in Saarbrücken ständig Probleme mit Ortsfindungen und mit Zustellungen. Seit 1986 sind nun in Saarbrücken Bestrebungen im Gange, ca. 320 Straßen umzubenennen, um Doppelnamen und die damit verbundenen Verwechselungsmöglichkeiten zu vermeiden. Dies ist bisher jedoch an den allein für die Verwaltung anfallenden Kosten von über 100.000 € gescheitert. Darüber hinaus gibt es erhebliche Widerstände bei den von den Umbenennungen betroffenen Anwohnern.
Sehr viele der in Neunkirchen benutzten Straßennamen richten sich nach Örtlichkeiten, also nach Nachbarorten, nach Flurbezeichnungen oder nach Landschaftspunkten in der näheren Umgebung. Etwa ein Viertel der Straßen hat oder hatte Namen nach Persönlichkeiten aus Politik, Militär, Kunst oder nach solchen Menschen, die wegen ihrer Verdienste um Neunkirchen oder die Menschheit geehrt wurden. Einige Namensgeber von überregionaler Bedeutung waren auch selbst schon in Neunkirchen wie Johann Wolfgang von Goethe, Kaiser Wilhelm II. oder Marschall Blücher.
2002 beklagte die Frauenbeauftragte der Stadt Neunkirchen, es gäbe zu wenige Frauennamen auf Straßenschildern und holte deshalb die Wanderausstellung „Wegweisend, mehr Frauennamen aufs Straßenschild“ ins Rathausfoyer (25). Nach einer Überprüfung tragen oder trugen von den 253 bisher in ca. 150 Jahren nach Personen benannten oder benannt gewesenen Straßen tatsächlich nur 18 einen Frauennamen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass es nur wenige berühmte Künstlerinnen, Erfinderinnen, Politikerinnen oder gar Kriegsheldinnen gibt. Es ist aber ohne Zweifel richtig, dass hier Nachholbedarf besteht.
Es gibt auch durchaus Frauen, die es verdient hätten, dass eine Straße nach ihnen benannt wird, weil sie sich um Neunkirchen oder überregional um das Gemeinwohl verdient gemacht haben. 
So könnte man sich gut vorstellen, dass eine Straße einmal benannt wird nach
- der Gräfin Sierstorpff, der Tochter des früheren Hüttenherrn Carl-Ferdinand von Stumm-Halberg, die sich, auch unter Einsatz ihres Vermögens, im sozialen Bereich Verdienste um ihre Heimatstadt erworben hat (Bau der Rote-Kreuz-Siedlung im Steinwald oder Bau des Berta-Heimes, der Vorgängerin der Kinderklinik Kohlhof) oder nach
- der Schriftstellerin Liesbeth Dill, die Neunkirchen in ihrem Roman „Virago“ ein  literarisches Denkmal gesetzt hat.
Bemerkenswert für eine Stadt, die sich heute noch Hüttenstadt nennt und so überregional auch immer noch bekannt ist, ist die  Tatsache, dass die für die Entwicklung der Stadt so wichtige Eisenwerksgeschichte bei der Benennung von Straßen eindeutig zu kurz gekommen ist. An die Bergbautradition erinnern eine  Knappen-, eine Steiger-, eine Gruben-, eine König- (nach der Königsgrube), eine Königsbahn-, eine Nahebahnschacht- und eine Moselschachtstraße, ein Stollenweg sowie die Straßen Am Blücherflöz, Am Gneisenauflöz und am Wrangelflöz aber es gibt keine Eisengießer-, keine Walzwerker-, keine Eisenwerks-, keine Hütten- und keine Hochofenstraße o. ä.. Es gibt lediglich Bezeichnungen nach den früheren Eigentümern des Eisenwerkes (Stummstraße, Stummplatz, Carl-Ferdinand-Straße), und die Hüttenbergstraße ist eher eine geografische Bezeichnung. Bei allem Respekt für den jetzigen Namensgeber hätte man daran bei der Findung eines Namens für die heutige Gustav-Regler-Straße oder eines Namens für die heutige Westspange einmal denken sollen.
Kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass eine Werkszufahrt von der Lindenallee zum nördlich des Bahndamms gelegenen Hüttengelände den Straßennamen Zum Eisenwerk erhalten soll.
Straßennamen haben etwas mit Geschichte zu tun. Sie gehören wie Denkmäler oder Feste zum Fundus von Symbolträgern, die eine offizielle Erinnerungskultur repräsentieren sollen (26). Straßennamen sollten deshalb nicht ohne zwingende Gründe bei jeder Gelegenheit geändert werden. Ein mit einer Straße verwachsener Name ist eine geschichtliche Urkunde, die es grundsätzlich zu bewahren gilt (27). Jede alte und als solche geschichtlich bedeutungsvolle Bezeichnung von Straßen, Plätzen und Brücken ist auf alle Fälle zu schützen und zu erhalten und zwar um so mehr, je eigenartiger und sinnvoller sie ist. So ist z. B. kein plausibler Grund dafür erkennbar, dass der über Jahrhunderte gewachsene Name Schlawerie in Sinnerthaler Weg umgewandelt wurde. Das ist allerdings 1935 geschehen, als niemand solche Entscheidungen zu hinterfragen wagte.
Nur ganz besondere Umstände sollten dazu führen, einen Straßennamen zu ändern. Bestimmt sollte dies nicht geschehen, um noch lebende Persönlichkeiten des Zeitgeschehens zu ehren. Eine Änderung kann jedoch erforderlich sein, wenn der Straßenname für die Bewohner wenig schmeichelhaft oder gar beleidigend ist (siehe Blödgasse jetzt Fischkasten). Das 500-seitige Straßenlexikon Neunkirchen kann zum Preis von 19,80 € bei der Buchhandlung König in der Bahnhofstraße oder beim Historischen Verein Stadt Neunkirchen in der Irrgartenstraße 18 in Neunkirchen erworben werden. 

Quellenangaben:
(1) Deutscher Städtetag: Das Recht der öffentlich-rechtlichen Namen und Bezeichnungen – insbesondere der Gemeinden.  Straßen und Schulen, Heft Nr. 51, S. 43
(2) Lais Sylvia und Mende Hans-Jürgen: Lexikon Berliner  Straßennamen, Berlin 2004

(3) Runderlass des Preuß.. MdI vom 9. 5. 1933 bzgl. Straßenbenennungen: Ministerialblatt für die Preuß. Innere Verwaltung,  Teil I, S. 561. Dieser Runderlass wurde durch einen weiteren Erlass vom 17. 6. 1933 mit Grundsätzen für  die Straßenbenennung noch ergänzt: Ministerialblatt für die Preuß. Innere Verwaltung, Teil I, S. 745 – 747. Mit Verordnung vom 1. 4. 1939 bestimmte der Reichsminister des Innern schließlich, dass die Benennung von Straßen, Plätzen und Brücken Aufgabe der Gemeinden sei. Eine Benennung bedürfe jedoch der Zustimmung des Beauftragten der NSDAP: Reichsgesetzblatt 1939, S. 703

(4) Saar- und Blieszeitung vom 19. 03. 1936

(5) Deutscher Städtetag: Recht der öffentlich-rechtlichen Namen und Bezeichnungen (wie Anmerkung  1) S. 26

(6) Geometrischer Grundriss Tractus I des Neunkircher Bannes gefertigt 1797 durch J. Heinrich Nordheim auf Grundlage der Generalrenovatur von 1770, Landesarchiv Saarbrücken, Bestand Katasterkarten

(7) Kartenaufnahme der Rheinlande durch Tranchot und von Müffling 1803 – 1820, Reproduktion durch Landesvermessungsamt des Saarlandes, 1975. Die Originale befinden sich in der Staatsbibliothek – Stiftung Preußischer Kulturbesitz- Berlin.

(8) Tractus I A von Neunkirchen, renoviert 1822 durch C. Hochapfel, LA Saarbrücken, Bestand Katasterkarten

(9) Stadtarchiv Neunkirchen, Bestand Karten und Pläne, Nr. 205

(10) Stadtarchiv NK, Best. Altakten A I, Nr. 438

(11) Stadtarchiv Neunkirchen, Bestand Karten und Pläne, Nr. 82 (Karte von Debusmann mit handschriftl. Datierung von 1883, in der Kartei beim StA aber „um 1890“ vermerkt)

(12) Saar- und Blieszeitung vom 25.04. 1903

(13) Landesarchiv Saarbrücken, Bestand Dep. Amt Illingen, Nr. 1057 und 1058, VO  vom 28.02.1882 und vom 22.09.1882

(14) Hoppstädter Kurt: Die alten Bannbücher und die Entwicklung des Dorfbildes, in: Wiebelskirchen –  Ein Heimatbuch, Wiebelskirchen, 1955, S. 130

(15) Bürgerbuch der Bürgermeisterei Wiebelskirchen von 1911, S. 221

(16) Amtsblatt der Regierungskommission des Saargebietes vom 03. 01. 1922

(17) Saarbrücker Zeitung vom 31. 01. 1935

(18) Arend Werner: Dudweiler Straßennamen im Wandel der Zeiten, in: Historische Beiträge aus der Arbeit der Dudweiler  Geschichtswerkstatt, Band 3, 1994

(19) Flender Armin: Öffentliche Erinnerungskultur im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg, Baden-Baden 1998, S. 80

(20) Mathias K.: Die im Jahre 1954 eingeführten Straßennamen, in: Wiebelskirchen – Ein Heimatbuch, Wiebelskirchen , 1955, S. 143

(21) Landesarchiv Saarbrücken: Bestand MdI, Nr. 897

(22) Schneider Heinrich: Das Wunder an der Saar, Stuttgart 1974, S. 144

(23) Flender Armin: Öffentliche Erinnerungskultur (wie Anmerkung 19) S. 86

(24) Deutscher Städtetag: Recht der öffentlich-rechtlichen Namen und Bezeichnungen (wie Anmerkung 1) S. 164

(25) Saarbrücker Zeitung vom 28. 11. 2002

(26) Flender Armin: Öffentliche Erinnerungskultur (wie Anmerkung 19) S. 71

(27) Meier J. P.: Über Erhaltung alter Straßennamen, ein vergessenes Gebiet der Denkmalpflege, Karlsruhe 1905, S. 3
 
Ende des 4. und letzten Teils
Ein Bericht von
Armin Schlicker

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