Die Entwicklung des Straßennetzes... Teil 3

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... und der Straßennamen in Neunkirchen  
 
Bis zum Jahre 1895 war der Ort bei immerhin ca. 5700 Einwohnern ohne jede Straßenbezeichnung. Das Dorf war in 25 einzelne Bezirke eingeteilt (z.B. Im Oberdorf, Auf den Lissen, Seiters, Im Eck, Kuchenberg), so dass man problemlos jedes Anwesen finden konnte. Sämtliche Häuser waren fortlaufend durch den gesamten Ort nummeriert von der Nr. 1 im Bezirk Mühlwies (heute Ottweilerstraße) bis zum Haus Nr. 615 auf dem Baltersbacher Hof. Diese Nummerierung beruhte auf der Verordnung des Regierungspräsidenten Jungen von 1882. Mit der Einführung der Straßennamen 1895 in Wiebelskirchen wurde auch eine straßenweise Nummerierung der Wohnanwesen vorgenommen, wobei freie Baustellen berücksichtigt wurden (15).
Die erwähnte Verordnung des Regierungspräsidenten galt, natürlich mit Ausnahme des damals pfälzischen Ludwigsthal, auch für die übrigen Gemeinden, die heute Stadtteile von Neunkirchen sind. Wann in Ludwigsthal (bzw. in Bexbach) Straßennamen und Hausnummern eingeführt wurden, konnte bisher nicht festgestellt werden.

In Heinitz gab es bis zum Ende des 1. Weltkrieges keine Straßennamen. Es gab hier bis dahin auch fast nur sogenannte Beamtenwohnungen und Schlafhäuser für Bergbaubeschäftigte, die im Eigentum des Bergfiskus standen, und Eisenbahnerwohnungen im Eigentum der Reichsbahn. Heinitz galt einfach nur als Wohnplatz (hatte 1878 aber schon 98 Hausnummern). Das Erfordernis von Straßenbezeichnungen gab es in Heinitz erst ab etwa 1925, als auch Privathäuser entstanden.

Nach einem jahrzehntelangen Kampf der Gemeinde Neunkirchen um die Stadtrechte, der trotz der Fürsprache des Freiherrn von Stumm-Halberg während der Zugehörigkeit unseres Raumes zu Preußen vergeblich geblieben war, wurde, nachdem der Völkerbund 1920 die Verwaltung des Saargebietes übernommen hatte, am 23. Dezember 1921 die Vereinigung der Gemeinden Neunkirchen, Niederneunkirchen, Kohlhof und Wellesweiler zur Stadt Neunkirchen bekannt gegeben (16). Die Straßenbezeichnungen in den einzelnen Stadtteilen blieben jedoch, anders als bei späteren Eingliederungen, erhalten.

Es gab deshalb nach der Stadtwerdung in Neunkirchen z. B.
• 2 Brückenstraßen (Neunkirchen und Heinitz)
• 2 Steinwaldstraßen (Neunkirchen und Wellesweiler)
• 2 Neunkircher Straßen (Wellesweiler und Kohlhof)
• 2 Andreasstraßen (Neunkirchen und Wellesweiler)

Am 14. 09. 1954 machte das Hauptamt der Stadt Neunkirchen zwar konkrete Vorschläge, um diese Doppelbezeichnungen, die ständig zu Irrtümern und damit verbundenen Klagen führten, zu beseitigen, der Stadtrat ging darauf jedoch nicht ein. Erst nach und nach wurden die Doppelbezeichnungen abgeschafft, die letzten nach der Gebiets- und Verwaltungsreform von 1974.
Während der Weimarer Republik vor 1933 wurden mehrere Straßen in Neunkirchen und Wiebelskirchen ermordeten Politikern bzw. dem verstorbenen ersten Reichspräsidenten gewidmet (Walter Rathenau, Mat­thias Erzberger, Karl Liebknecht sowie Friedrich Ebert).
Am 13. Januar 1935 fand im damaligen Saargebiet eine Volksabstimmung statt, in der die Bevölkerung zwischen einem Anschluss an Frankreich, der Beibehaltung des Status quo oder der Rückkehr zum Deutschen Reich entscheiden konnte. Eine überwältigende Mehrheit von 90,73 % der Abstimmungsteilnehmer entschied sich für eine Rückkehr nach Deutschland. Schon vier Tage später am 17. Januar 1935 beschloss daraufhin der Rat des Völkerbundes die Wiedereinsetzung Deutschlands in die Regierung des Saarbeckens zum 01. März 1935

Noch vor diesem Datum hat der Stadtrat von Neunkirchen schon Ende Januar die Änderung von Straßennamen zum 01. Februar 1935 beschlossen (17), um
• nationalsozialistische Größen (z.B. Adolf Hitler, Hermann Göring),
• nationalsozialistische „Märtyrer“ (z.B. Horst Wessel, Franz Hellinger, Ferdinand Wiesmann),
• verdiente Soldaten des 1. Weltkrieges (z.B. Manfred v. Richthofen, Paul v. Hindenburg)
oder
• Opfer der französischen Besatzung im Saargebiet (z.B. Maria Schnur, Jakob Johannes)
zu ehren oder an
• Schlachtenorte des 1. Weltkrieges (z.B. Langemarck, Tannenberg) bzw.
• nach dem 1. Weltkrieg vom Deutschen Reich abgetrennte Gebiete (Danzig, Memel, Eupen, Oberschlesien, Westpreußen)
zu erinnern.
Die Gauleitung in Neustadt hatte einen Katalog mit neuen Straßennamen vorbereitet, damit man sich in den Rathäusern mit den Straßenumbenennungen nicht zu schwer tat (18). Am 25. Mai 1935 beschloss der Stadt­rat weitere Änderungen von Straßennamen nach den gleichen Gesichtspunkten.
Straßennamen, die vorher an Gegner des Nationalsozialismus (Ebert, Liebknecht, Rathenau, Erzberger) erinnerten oder solche  mit einem jüdischen Hintergrund (Synagogenstraße) wurden beseitigt. Ähnlich wurde in fast allen Gemeinden des vormaligen Saargebietes verfahren; eine Adolf-Hitler-Straße gab es fast in jedem Ort. Bei dieser Gelegenheit wurden jedoch Straßennamen auch ohne jede politische Motivation geändert (z. B. bis 1935 Süduferstraße, ab 1935 Am Südufer, ab 1945 wieder Süduferstraße).
Gauleiter Josef Bürckel wünschte dann 1936 zum ersten Jahrestag der Volksabstimmung, dass in allen saarländischen Gemeinden eine Straße künftig „Straße des 13. Januar“ heißen solle und in allen größeren Gemeinden zusätzlich ein „Platz der Deutschen Front“ zu benennen sei (19). Da wurde in Neunkirchen aus der Hüttenbergstraße die Straße des 13. Januar und aus dem Oberen Markt der Platz der Deutschen Front. Straßen des 13. Januar gab es auch in Wiebelskirchen, Hangard und in Münchwies.

Nach nur 12 Jahren war 1945 die Herrlichkeit des „Tausendjährigen Reiches“ schon  wieder vorbei. Nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg gab es bei den Straßennamen in Neunkirchen eine tiefe Zäsur. Fast alle Straßennamen mit einem nationalsozialistischen oder einem  preußisch/militärischen oder einem patriotischen Hintergrund wurden in vielen Gemeinden abgeschafft, auch in Neunkirchen. Die Straßen erhielten ihre alten Namen, soweit unverdächtig, zurück oder erhielten neutrale neue Namen. Dabei verschwanden in Neunkirchen leider auch Straßenbezeichnungen nach Männern wie York von Wartenburg, Gneisenau, Bismarck u. a., die mit dem Nationalsozialismus absolut nichts zu tun hatten. In anderen Kommunen hat man solche Straßennamen beibehalten. Insgesamt erhielten „1945“ 70 von 169 Straßen in der Kernstadt ihre alten Namen zurück oder neue Namen. 

1954 ordnete die Gemeinde Wiebelskirchen das System ihrer Straßennamen neu. Auf Initiative des Kultur- und Heimatrings sollten zwölf bisher nicht benannte und fünf neu angelegte Straßen Namen erhalten. Dies nahm man zum Anlass, die Straßen im Ort nach einheitlichen Gesichtspunkten zu benennen. So wurden z. B. Ausfallstraßen aus dem Dorf grundsätzlich nach dem Ort benannt, in dessen Richtung sie führten, und es wurden ein „Musiker-„, ein „Maler-„, und ein „Dichterviertel“ geschaffen (20). Außerdem wurden einige Straßenzüge nach sachlichen Gesichtspunkten zusammengefasst oder teilweise anderen Straßen zugeordnet. Einige Straßen wurden nach verdienten Wiebelskircher Bürgern (Friedrich Volz, Julius Schwarz, Jakob Wolf) benannt.
Auch in Neunkirchen hat man in den 1940er und 1950er Jahren einige Straßen verdienten Neunkirchern oder Saarländern gewidmet (Karl Schneider, Willi Graf, Max Braun, Wilhelm Jung, Bartholomäus Koßmann).

Im Gegensatz zur Landeshauptstadt gab es nach der Volksabstimmung 1955 und der politischen Rückgliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik in Neunkirchen keine Straßenumbenennungen großen Stils. In Saarbrücken waren zwischen 1945 und 1955 einige Straßen nach frankophilen Gesichtspunkten umbenannt worden (21), zur „Ehrung unserer Nachbarn“ (22) oder um deutschnationale Bezeichnungen zu beseitigen. Auf Initiative der DPS wurden viele dieser Umbenennungen rückgängig gemacht (23), Straßen erhielten wieder ihre Namen nach Offizieren der Befreiungskriege und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, andere wurden Persönlichkeiten „die sich um die Erhaltung des Deutschtums im Saarkampf verdient“ gemacht hatten, gewidmet.
In Neunkirchen hatte es Straßenbenennungen aus frankophilen Gründen nach 1945 nicht gegeben, und die DPS hatte hier im Stadtrat auch eine zu schwache Position, um eventuell Umbenennungen nach den schon gennaten Gesichtspunkten durchsetzen zu können.  

Die nächste und bisher letzte größere Aktion zur Umbenennung von Straßen erfolgte nach der Gebiets- und Verwaltungsreform von 1974; es wurden die bisher selbständigen Orte Wiebelskirchen, Hangard, Münchwies, der vorherige Bexbacher Stadtteil Ludwigsthal, der bis dahin zu Limbach gehörende Ortsteil Bayr. Kohlhof und der vorher zu Kirkel gehörende Ortsteil Eschweilerhof in die Stadt Neunkirchen eingemeindet. Gleich­zeitig wurde Neunkirchen Kreisstadt. Es gab nun in der Stadt viele Straßennamen, die zweifach (53), dreifach (9), vierfach oder ­sogar sechsfach (Schulstraße – gasse) vorkamen.

Dem allgemein anerkannten Grundsatz folgend, dass ein Straßenname nicht mehrfach im Stadtgebiet vorkommen soll (24), wurden in der Stadtmitte und in allen Stadtteilen Straßen umbenannt. In der gleichen Sitzung beschloss der Stadtrat auch den Stadtteilnamen Haus Furpach in Furpach umzuändern, nachdem er dies in einer Sitzung am 19. Dezember 1958 noch ausdrücklich abgelehnt hatte. Nach anfänglichem Unwillen betroffener Anwohner sind diese Umbenennungen zwischenzeitlich durchweg akzeptiert und zum Teil auf ausdrückliche Zustimmung gestoßen (z. B. die Wibilostraße in Wiebelskirchen). Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Ortsräte grundsätzlich in Namensfindungen eingebunden werden.

Es gab also vier tiefe Zäsuren bei der Festlegung von Straßennamen in Neunkirchen: 1903, 1935, 1945 und 1974, dazu noch ein tiefer Einschnitt in Wiebelskirchen 1954.
 
Ein Bericht von Armin Schlicker
Ende des 3. Teils, Fortsetzung folgt
Quellenangaben im letzten Teil

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