Intensitäts-Skala des Fußball-Erlebens

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180806 borussia gewinnt

Riesenjubel bei den Borussen
nach dem Siegtor in allerletzter Minute.
Foto: -jf-

Borussia gewinnt Hitze-Schlacht im Ellenfeld

Last-Minute-Sieg gegen SV Mettlach / Kevin Saks´ Freistoßtreffer belohnt Borussia für hohen Aufwand / Starkes Spiel von Patrick Seidel

In der Intensitäts-Skala des Fußball-Erlebens stehen spielentscheidende Last-Minute-Tore an oberster Stelle. Keiner der Augenblicke, die Menschen als die schönsten in ihrem Leben bezeichnen, schreibt Arsenal-Fan Nick Hornby in seinem fast schon legendären Buch „Fever pitch“ (Fußballfieber), „scheint vergleichbar zu sein mit einem in der letzten Minute erzielten entscheidenden Tores für deinen Verein.“

Der Orgasmus, meint Hornby, sei „vorhersehbar und wiederholbar“, die Geburt von Kindern „außerordentlich bewegend“, aber sie habe nicht wirklich „das entscheidende Element der Überraschung“ und dauere auch zu lange; auch die Erfüllung persönlicher Wünsche (Beförderungen, Ehrungen usw.) habe nicht „das In-letzter-Minute-Zeitmoment und auch nicht das Element der Machtlosigkeit, das du als Fans erlebst, wenn das Spiel so gut wie aus und das Tor noch immer nicht gefallen ist.“ Gut, manch einem mag die Fußballphilosophie des englischen Literaten vielleicht etwas zu hoch gehängt und übertrieben erscheinen. Und doch: Einen solch intensiven Augenblick durften die 350 Borussen-Fans am Ende der Partie gegen den SV Mettlach miterleben, als Kevin Saks in der Nachspielzeit allen Frust aus vorangegangenen 90 Minuten in diesen einen Schuss legte, der wie ein Blitz durch die gegnerische Abwehrmauer raste, und unhaltbar für Torhüter Dennis Donner im rechten oberen Torwinkel einschlug. Und so verdichtete sich das komplette Spiel für Spieler und Anhang der Schwarz-Weißen auf diesen Moment, der alle in einen kaum noch erwarteten emotionalen Ausnahmezustand versetzte.

Lange hatte es gedauert, bis dieser aufgrund der Spielanteile und Torchancen verdiente Sieg im aufgeheizten Glutofen Ellenfeld „gebacken“ war. Björn Klos war am Ende bis auf die Haut nassgeschwitzt: „Ich fühle mich, als hätte ich mitgespielt“, bekannte Borussias Trainer, der nicht müde wurde, während der 90 und mehr Minuten seine Schützlinge von außen zu pushen. „Noch zehn Minuten volle Power! Mehr Tempo, mehr Druck, mehr Gier“, forderte Björn Klos in der letzten Trinkpause vor dem Endspurt von seinen Mannen. Die gaben bis zur letzten Minute wirklich alles – und wurden für hohen kämpferischen und läuferischen Aufwand doch noch belohnt. Als Schiedsrichter Thorsten Braun nach einem Foul von Mettlachs Neuzugang André Paulus an Yannick Bach noch einmal an der Strafraumgrenze auf Freistoß entschied, war klar: Die allerletzte Chance! Kevin Saks, der zuvor engagiert, aber meist glücklos agiert hatte, schnappte sich das Leder und tat das, was ein Goalgetter selbst dann, wenn man ihn zuvor nur wenig gesehen hat, tun muss: Er jagte ihn ins Tor, sein fünfter Saisontreffer, gleichzeitig der Beweis für eine alte Fußballer-Weisheit: Wen aus dem Spiel heraus nichts geht, muss eine Standardsituation herhalten! Für die in diesem Moment wirklich bedauernswerten Mettlacher, die sich wacker geschlagen und mit geschicktem Zustellen der Räume Borussias Offensive vor einige Probleme gestellt und häufig zu langen Bällen gezwungen hatten, ein Dejavù-Erlebnis, hatten sie doch schon im Vorjahr durch einen Ruschmann-Kopfball kurz vor Schluss im Ellenfeld verloren.

Für den ersten Aufreger sorgte nach zehn Minuten Mettlachs Patrick Abrusnikow, als er sich am eigenen Strafraum von Kevin Saks den Ball abluchsen ließ, doch Torhüter Dennis Donner machte den Fehler seines Teamkameraden wieder wett und verhinderte die frühe Führung der Borussia, die auch nach 34 Minuten möglich gewesen wäre, doch Kamil Czeremurzynskis Kopfball nach Ruschmann-Ecke war nicht platziert und genug und landete genau in den Armen des Mettlacher Keepers. Den Torschrei hatten alle Borussen schon auf den Lippen, als kurz vor der Pause Kevin Saks und Kamil Czeremurzynski im Fünf-Meter-Raum eine scharfe Hereingabe des starke Patrick Seidel um Haaresbreite verpassten – das hätte eigentlich das 1:0 sein müssen (42.)! Nach dem Seitenwechsel fand Borussia mit zunehmender Dauer auch spielerisch besser in die Partie. Die Folge: Zahlreiche Torgelegenheiten. So wie die von Daniel Ruschmann, der aus spitzem Winkel an Dennis Donner scheiterte (54.) und wenige Minuten später mit seiner flachen Hereingabe in der Mitte keinen Abnehmer fand (60.). Mit der Einwechslung von Tim Klein (62.) stellte Björn Klos das System um. Borussia agierte fortan mit einer Dreierkette. „Gegen extrem tiefstehende Außenverteidiger des Gegners wollten wir dadurch im Mittelfeld und auf den Flügeln mehr Präsenz zeigen und den Druck erhöhen“, so der Borussen-Coach. Doch zunächst nach 67 Minuten eine Schrecksekunde für Borussia, als die Gäste einen Freistoß schnell ausführten und der Ball nach einer Unaufmerksamkeit in der Borussen-Defensive die Linie entlang tänzelte, aber nicht im Tor landet. Das war insofern Glück, als es bei den hohen Temperaturen schwierig geworden wäre, einem Rückstand hinterherzulaufen. In der Schlussphase, in der die Mettlacher Gäste kaum noch für Entlastung sorgen konnten, baute vor allem Patrick Seidel auf der rechten Seite enormen Druck auf, bediente zunächst Yannick Bach, der aus 17 Metern drüberhämmerte (76.), und scheiterte schließlich selbst aus spitzem Winkel an Dennis Donner, der das Leder im Nachfassen unter sich begrub (84.).

Welche große Last von den Schultern der Borussen abfiel, zeigte der überschäumende Torjubel, als die Kugel nach dem Freistoß von Kevin Saks schließlich im Netz zappelte und die ganze Mannschaft samt Auswechselspielern und Betreuern übereinander herstürzte. „Wir konnten zeigen, dass wir auch bei den hohen Temperaturen noch Körner haben. Das kommt nicht von ungefähr. Wir haben in der Vorbereitung gut gearbeitet und die Grundlagen dafür gelegt. Natürlich gehört bei einem lucky punch in letzter Minute auch Glück dazu, doch das haben wir gegen einen tief stehenden Gegner erzwungen. Unsere Ziele haben wir erreicht: Neun Punkte aus den ersten drei Spielen, dazu heute zu null gespielt“, bilanzierte Björn Klos, der den Sieg als „extrem wichtig für die Moral“ bezeichnete. Ein Sonderlob zollte der Borussen-Coach Patrick Seidel: „Er hat ein ganz starkes Spiel gemacht, für viel Power gesorgt. Wenn er uns aus beruflichen Gründen im September Richtung Spanien verlässt, wird uns das weh tun. Ihn können wir sowohl menschlich als auch sportlich nicht ersetzen. Also sollten wir die Zeit, in der wir ihn noch haben, richtig genießen!“

Genießen konnten die Borussen anschließend auch die „Humba“ mit dem eigenen Anhang, bei der Neuzugang Kevin Saks erstmals die Rolle am Zaun ausfüllte und auch dort seine Sache richtig gut machte. Das Mannschaftsessen am Abend zum Einstand der Neuen läutete zwei freie Tage ein. „Die Erholung haben die Jungs sich verdient. Ab Dienstag gilt dann im Training unsere ganze Konzentration der nächsten Aufgabe beim SV Bübingen“, so Björn Klos, der nach seinem Amtsantritt im Ellenfeld nach wie vor ungeschlagen bleibt. Borussia konnte mit dem 1:0 zudem ihre positive Bilanz gegen den SV Mettlach seit 1998 weiter ausbauen (in 11 Spielen 7 Siege und 4 Unentschieden) und darüber hinaus ihrem neuen Präsidenten Alexander Kunz mit diesem auf hoher Intensitätsstufe des Fußball-Erlebens stehenden Last-Minute-Moment ein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk machen: Der Borussen-Boss wird am heutigen Sonntag 43 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch!

Borussia in der Statistik
Unsere Mannschaft: Philippe Persch – Daniel Schlicker, Furkan Erdogan (79. Tim Cullmann), Daniel Ruschmann (62. Tim Klein), Marco Dahler, Kamil Czeremurzynski, Mohammed Benghebrid, Waldemar Schwab, Patrick Seidel (84. Tom Fink), Yannik Bach, Kevin Saks. – Unser Trainer: Björn Klos.
Tor: 1:0 (90.+2) Kevin Saks. – Schiedsrichter: Thorsten Braun (Güdingen). – Zuschauer: 340. – Gelbe Karten: Kamil Czeremurzynski (85.)                                                                                                                                              Von Jo Frisch


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