Zeitgeschichte im Spiegel einer Schulchronik
Aus der Chronik der Schule am Bahnhof 1888 – 1937
Teil 1
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Rektor Kirsten 1919
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Neujahrsgruß zur Kaiserzeit
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Jä̈hrliche Neujahrsparade –
Berlin versinkt im Schnee
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Kaisers Geburtstag war ein Feiertag
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Rosenmontag war am 23. Februar – Wirt in Schlockersch Wertschaft, später Schmul, war Eduard Sommer, von Beruf Zäpfer
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Schulbeginn nach den Osterferien
am Realgymnasium in der Oststraße
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Leserbrief an die Neunkirchener Zeitung
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Corona-Lichtspiele Anfang 1914
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Zeitgleich im Photophon-Theater
in der Stummstraße
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Der Zirkus Paul Wilke
gastierte in der Lindenallee
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Reiche Ernte im Sommer 1914 -
Noch ahnte niemand etwas von der Not
der kommenden Jahre
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Das Wetter im Juli war durchwachsen.
Erst im August wurde es sonniger
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Meldung in der Neunkirchener Zeitung
erst am 30. Juni 1914
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Meldung in der Neunkirchener Zeitung
erst am 30. Juni 1914
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Neunkirchener Zeitung vom 20. August 1914
 
Vorbemerkung
Der erste Teil des Vortrages zur Geschichte der Schule am Bahnhof klammerte die Jahre von 1914 bis 1918 und die unmittelbar damit im Zusammenhang stehende Zeit danach bis 1924 aus; ansonsten wäre der zeitliche Rahmen eines Vortragsabends gesprengt worden.
Schaut man auf den Umfang der Chronik, so fällt auf: Die Aufzeichnungen aus den Jahren des Ersten Weltkrieges nehmen einen unverhältnismäßig großen Raum in der Chronik ein: Rektor Johann Kirsten bildet die vier Kriegsjahre und die unmittelbar darauf folgende Zeit auf knapp 40 Seiten ab; für knapp 10 Jahre mehr als ein Drittel der ganzen Chronik! Über die 26 Jahre zuvor und die 17 Jahre danach – also die allerlängste Zeit in der Geschichte adieser Schule – berichten „nur“ 79 Seiten.
Dass der Chronist den Kriegsjahren so viele Zeilen widmete, liegt wohl einerseits daran, dass es einen solchen Krieg seit Menschengedenken nicht gegeben hatte, der zudem noch völlig anders endete, als es die deutsche Nation erwartet hatte. Im Gegensatz zu den Aufzeichnungen in der damaligen Vorkriegszeit ist die Sprache von Emotionen geprägt. Andererseits hatte die Schulbehörde bei Anbruch des Krieges ihre Anordnung zum Führen einer Chronik konkretisiert: 1915 wurde verfügt, die Schulchronik während der Kriegszeit solle „in dieser großen Zeit“ besonders sorgfältig vom Lehrer geführt werden. „Es ist in derselben eine Schilderung aufzunehmen der gesamten Einwirkung, die der Krieg auf das Leben und Treiben in der Schulgemeinde ausgelöst hat: Eindruck der Mobilmachung und Kriegserklärung, Tätigkeit der Ortsbehörden, der Kirche, der Krieger, Sieges- und Gedächtnisfeiern; Handel und Verkehr während der Kriegszeit, besondere Einrichtungen zur Erhaltung einer straffen Zucht und zur körperlichen Ertüchtigung unter der Schuljugend; Benützung der Schulräume, Plätze und Geräte zu Kriegszwecken; freiwillige Tätigkeit für Verwundete, Liebesgaben; Schilderungen besonderer Heldentaten; einzutragen sind die Namen der den Heldentod Gestorbenen und besonders schwer Verwundeten....“ 1)

Auch diesmal sollen nahezu alle schulinternen, personellen und schulorganisatorischen Angelegenheiten außen vor bleiben. Der folgende Aufsatz bezieht sich schwerpunktmäßig auf die damalige Zeitgeschichte, wie sie von Johann Kirsten wahrgenommen und was von ihm dazu niedergeschrieben wurde. Dazu werden thematische Schwerpunkte aufgegriffen, wodurch die chronologische Reihenfolge zurücktreten muss.
Johann Kirsten war zu Beginn des Weltkrieges 60 Jahre alt. Da die Wehrpflicht im deutschen Kaiserreich mit dem vollendeten 45. Lebensjahr endete, musste er nicht in den Krieg ziehen. Er wurde nicht eingezogen und blieb ununterbrochen im Beruf. Um jedoch die Vorstellung der damaligen Ereignisse möglichst lebendig zu gestalten, greife ich neben der Schulchronik auch weitere Quellen wie die einschlägigen lokalen Zeitungen von damals und weiteres Bild- und Textmaterial auf.
Das erste Halbjahr 1914
Da alle Seiten der Chronik durchgehend nummeriert sind, fällt auf, dass die Seiten 23 und 24 fehlen; das Blatt ist säuberlich herausgeschnitten. Die letzte Eintragung zuvor bezieht sich auf die Herbstferien 1913. Ob die Gründe für diese Lücke im persönlichen oder familiären Kontext des Chronisten zu suchen sind, war nicht zu ermitteln. Daher erfährt man aus der Chronik nichts über die Lage und die Stimmung in Neunkirchen im 1. Halbjahr 1914 bis hin zu den Tagen unmittelbar vor dem Krieg.
Die lokalen Zeitungen schildern zunächst ein normales Jahr in der Kaiserzeit. Krieg ist seit 43 Jahren kein Thema; man lebt in der bis dahin längsten Friedenszeit. Seit den 70-er Jahren ging es ständig bergauf. Im Gegensatz zu 1939 rechnete man in der Bevölkerung nicht mit einem bevorstehenden Krieg.

Die Schule begann im Sommer eine halbe Stunde früher. Die Sommerferien waren für den Zeitraum vom 4. August bis 9. September 1914 geplant.

In der Neunkircher Bevölkerung war ein zentrales Thema der Bau einer Straßenbahnlinie nach Spiesen und Elversberg. Hier ein Leserbrief an die Neunkirchener Zeitung gegen die Pläne der Gemeinde angesichts der klammen Finanzsituation:
Der Stummfilm war die Attraktion des neuen Jahrhunderts. Es gab mehrere Kinos in Neunkirchen. 2)
Der damals übliche Eintrittspreis zum Zirkus betrug zwischen 40 Pfg. und 2 Mark.

Kriegsausbruch
Für die meisten Neunkircher, vielleicht auch für den Chronisten Kirsten, dürfte die Meldung vom Dienstag, den 30. Juni 1914, zwar Aufsehen erregt haben, vor allem weil die Bevölkerung durchweg monarchistisch dachte, die Tragweite konnte keiner ahnen. Bereits sonntags, also zwei Tage zuvor, waren der österreichische Thronfolger und seine Frau einem Attentat zum Opfer gefallen.

Es dauerte ziemlich genau einen Monat. Nach der so genannten Juli-Krise kam es zum 1. Weltkrieg, dem ersten Vernichtungskrieg der Neuzeit, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie ihn viele Historiker nennen. Der österreichische Kaiser Franz-Joseph richtete das Wort an seine Völker: „Es war Mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren.
Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen.
Die Umtriebe eines hasserfüllten Gegners zwingen Mich, zur Wahrung der Ehre Meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwerte zu greifen. (…) “ 3)
Kaiser Wilhelm II. klang so: „…Es muss denn das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen! … Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross. [...] Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.“ 4)

Jetzt erst setzt die Schulchronik wieder ein:
„Braust es schaurig durch die Welt. Ein Weltkrieg, wie ihn die Völker seit Hunderten von Jahren nicht gesehen haben! Mit Blitzeseile verbreitet sich die Schreckensnachricht über Länder und Meere, sie dringt in Paläste und Hütten, bis in das entlegenste Gebirgsdorf, welches einsam im Waldfrieden ruht. Sorge und Trübsal ziehen ein in Hunderttausende von Häusern und Familien, während die Männer forteilen, dem Rufe des Kaisers zu folgen.“ 5)
Rektor Kirsten schreibt schon früh seine Gedanken dazu auf, warum es nach seiner Auffassung zu dem Krieg kam, dessen Ausmaß auch er nicht ahnen konnte: „Fast jeder Krieg hat eine äußere und innere Ursache. Die äußere Ursache des gewaltigen Völkerringens des europäischen Krieges ist der Meuchelmord des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner edlen Gemahlin Gräfin von Hohenberg in Sarajewo am 28. Juni 1914. Ein Schrei der Empörung über diese Gewalttat ging durch die ganze zivilisierte Welt. Die innere Ursache dieses blutigen Krieges ist auf französischer Seite der Revanche-Gedanke, die Rache für Sedan, auf russischer Seite die Abneigung der asiatischen Halbkultur gegen germanische Zivilisation, und seitens England gelber Neid und krasse Missgunst über Deutschlands Emporblühen und seine Machtstellung im Welthandel. Dieser elende Krämergeist kann Deutschland seinen Platz an der Sonne nicht gönnen. Österreich konnte und durfte sich die Brutalität vom 28. Juni ohne Sühne nicht gefallen lassen, wenn es noch Anspruch auf eine Großmacht und auf Achtung und Ehre aller edel denkenden Menschen machen wollte … Aber die Forderung Österreichs an Serbien zur Bestrafung der Königsmörder und Bekämpfung der österreichisch-feindlichen Presse wurde von Serbien abgelehnt und somit waren die Würfel des Krieges gefallen.
Da entschlossene Vorgehen unseres Kaisers zwang die Feinde die heuchlerische Freundschaft abzuwerfen und offen Farbe zu bekennen …
Ohne Zaudern rief daher unser Kaiser am 1. August 1914 die gesamte Wehrmacht des Deutschen Reiches zu den Fahnen und schon am nächsten Tage erfolgte seitens Deutschlands an Russland die Kriegserklärung.

Dass ein Krieg zwischen Deutschland und Russland sofort auch einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich nach sich ziehen musste, darüber war man sich beiderseits von allem Anfange klar. In Frankreich waren sowohl die führenden Staatsmänner wie das Volk schon seit den 70-er Jahren darauf erpicht, für die vor 44 Jahren erlittenen schweren Niederlagen einen Vergeltungskrieg gegen Deutschland zu führen ... Französische Truppenabteilungen überschritten denn auch noch vor der am 3. August seitens Deutschlands an Frankreich erfolgten Kriegserklärung die deutsche Grenze und eröffneten die Feindseligkeiten.
Während man … den Krieg mit Frankreich als etwas Selbstverständliches hinnahm, traf es viele ganz unerwartet, dass sich plötzlich auch England auf die Seite der Feinde Deutschlands stellte …“ 6)
Viele ausufernde Details aus den ersten Kriegswochen folgen, die ich hier nicht wiedergebe. Kirsten holt seine pathetischen Ausführungen dann auch ein: „Da ich keine Kriegsgeschichte zu schreiben beabsichtige, weil dazu berufenere Kräfte tätig sein werden, sondern nur eine übersichtliche Ortschronik verfassen will, so sollen in nachfolgenden Zeilen die Hauptbegebenheiten, die sich in der engeren Heimat zutrugen, aufgezeichnet werden.“
Im damals üblichen Sprachgebrauch fasst er zusammen: „In heiliger Begeisterung erhob sich das ganze deutsche Volk wie ein Mann zum Schutz und Schirm des Vaterlandes wie einst in den erhebenden Zeiten des Freiheitskrieges: „Der König rief und alle, alle kamen,“ Knaben und Jünglinge, Männer und Greise, Reiche und Arme, Hohe und Niedere. Der Landmann verlässt den Pflug, der Handwerker die Werkstatt, der Kaufmann sein Geschäft, Schüler und Lehrer die Schule, und nur ein Gedanke beseelt alle, das Vaterland zu verteidigen oder mit Ehren unterzugehen. Wer nicht mit in den Krieg ziehen kann, bringt freiwillige Gaben zur Rettung des Vaterlandes. Ein erhebendes Beispiel von Opfermut und Einigkeit gab der deutsche Reichstag. Einstimmig bewilligte er in der Sitzung vom 5. August den Kredit zur Kriegsführung in der Höhe von 5 Milliarden.“ 7)
Die Zeilen strotzen nur so von Kaisertreue. Ein Lehrer, wie ihn sich die preußische Regierung nicht besser wünschen konnte. Genau diese Grundhaltung sollte die preußische Schule den damaligen Schülern vermitteln.

Die Chronik liefert nur wenige Details zur Situation vor Ort in Neunkirchen. Krajewski zitiert aus den Tagebuchaufzeichnungen eines Neunkirchers, der die Situation kurz vor Kriegsausbruch konkreter beschreibt:
„Am 30., 31. Juli und 1. August 1914 herrschte in der Bevölkerung Neunkirchens eine gedrückte Stimmung. Man ahnte, dass jetzt die Entscheidung fallen müsse. Manche Frauen gingen schon mit Tränen in den Augen umher. In den Straßen standen die Menschen in Ansammlungen und sprachen von dem nahenden, drohenden Geschick. Es wurde fast nichts gearbeitet. Am 1. August, einem Samstag, hatte die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht. In der Bahnhofstraße sammelten sich die Menschen wie am Jahrmarkt. Vor dem Postgebäude drängten sich die Massen, dass man kaum hindurch konnte. Es war gegen Abend. Um 1/2 7 Uhr erscholl der Ruf: „Mobil! Mobil!“ Da ging ein Schluchzen und Weinen los. Alle Glocken läuteten. Unter Trommelschlag wurde die Mobilmachung in den Straßen verkündet. In der Nacht wurde die Mobilmachung noch einmal durch die Ortsschelle bekannt gegeben. Nach Mitternacht verkündete ein Hornist unter Trompetenschall in den Straßen die Abfahrtszeit der Züge, mit denen die Reservisten und Landwehrleute sich in ihre Garnisonen begeben mussten. Am 2. August, dem ersten Mobilmachungstag – es war ein Sonntag gab es auf dem hiesigen Bahnhof herzzerreißende Szenen. Die Hinausziehenden verabschiedeten sich von ihren Lieben.“ 8)

 
Ende des 1. Teils
Fortsetzung folgt
Ein Bericht von Jürgen Cornely