Zeitgeschichte im Spiegel einer Schulchronik
Aus der Chronik der Schule am Bahnhof 1888 – 1937
4. Teil
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Bezugskarten für fast alles
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Hamsterer werden kontrolliert
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Aufruf zum Sammeln
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Fritz Erler ‚Helft uns siegen!‘ 1917
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Pendant in Österreich
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Beschwichtigende Aussagen
von oberster Stelle
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Und das kurz vor Kriegsende
nach einem die Bevölkerung deprimierenden Steckrübenwinter
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„Sparen, sparen! heißt es von allen Seiten. Das Sparen wird der armen Bevölkerung sehr erleichtert, weil nichts da ist.” 43)
„Die Lebensmittelpreise erreichen in Neunkirchen eine fast unerschwingliche Höhe. Ein 4-Pfund-Kohlrabi- und Runkelrübenbrot kostet 0,76 M. Wenn es noch immer ausgebacken wäre! Brötchen und Kuchen gibt es nicht. Das Fleisch ist gegen früher um 300 % gestiegen. 1 Hering kostet 45 – Ein Paar Schuhe, die früher 15 – 16 M kosteten, kommen jetzt auf 36 – 40 M. Und so ist es mit allem, was man kaufen muss. Gewissenlos wird noch dazu die Not des armen Volkes von Bauersleuten, Händlern und Kaufleuten ausgebeutet. Mich dauert die Not des Volkes!
20.2.17
K.” 44)
Die Kaufkraft in früheren Zeiten einzuschätzen ist schwierig.
Die Familie des Rektors Kirsten scheint nicht zu den ärmsten in der Neunkircher Bevölkerung gehört zu haben; jedenfalls klagt er nicht. Am Kriegsende bezieht er ein Jahreseinkommen von 5480 M, also etwa 450 M im Monat. Davon muss er gut 50 M für seine Dienstwohnung im Schulhaus zahlen. Das niedrigste Einkommen im Kollegium beträgt etwa 2400 M im Jahr. Noch weniger verdienen Lehrerinnen, die in der Schule am Bahnhof nur mal vertretungsweise eingesetzt werden. Man muss bedenken, dass der Volksschullehrer erst um die Jahrhundertwende in der Gesellschaft angekommen war. Die Zeit, in der der Schullehrer „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel” hatte, war vorbei.
Bereits Ende 1915 gab es die nächsten Lebensmittelkarten. Am Ende wurden Bezugsscheine für fast alles ausgegeben. Bernhard Krajewski berichtet, es seien so viele gewesen, dass man eine besondere Mappe dafür habe anlegen müssen. 45)

„Die diesjährige Kartoffelernte ist reichlich ausgefallen. So viel Kartoffeln hat es in 20 Jahren nicht gegeben. Und trotzdem sind die Preise zu einer Höhe gestiegen, die selbst in Hungerjahren nicht zu rechtfertigen wären. Der Ztr. kostet ohne Fuhrlohn 7,50 M. Und dazu kommen noch die Fehlgriffe der Behörden, die der Bürger als Belästigung schwer empfindet. Die Organisation hat in der Lebensmittelfrage vielfach versagt.
25.10.17” 46)
„Die Ernährungs- und Kleidungsverhältnisse sind hier schlimm. Für den Zentner Kartoffeln verlangen die habgierigen Bauern Wucherpreise. 15 – 20 ja 40 M sind bezahlt worden. Ein Butter kostet 15 – 20 M, Speck ebenso viel. Die Preise sind unerschwinglich. Die Arbeitslöhne sind ja hoch, nur Lehrer und Beamte stehen sich trotz Teuerungszulagen schlecht. Es herrscht im Volke eine fürchterliche Missstimmung. Alles sehnt sich nach Frieden. Große, welterschütternde Ereignisse haben sich in den letzten Wochen zugetragen. Das deutsche Volk wünscht einen Rechtsfrieden, einem Gewaltfrieden kann und wird es sich nicht beugen.
Gott schütze und erhalte uns unser teueres Vaterland und unseren herrlichen Kaiser!
Neunkirchen, den 28. Oktober 1918” 47)

So gut überlegt das Bezugsscheinsystem auch war: Ein Problem bestand darin, dass die Portionen gering bemessen waren und sie oft nicht zur Verfügung standen. In dieser Situation wurde der Begriff „hamstern” geboren, zunächst von den Behörden, negativ besetzt. Die Stadtbevölkerung versuchte auf dem Land im Hunsrück, in der Eifel, in der Pfalz Lebensmittel gegen Haushalts- oder Wertgegenstände einzutauschen, mit hohem Risiko. Während man auf dem Hinweg noch den Zug nutzen konnte, wenn einer fuhr und nicht Militärzüge Vorfahrt hatten, musste man den Rückweg in der Regel zu Fuß antreten, um nicht den scharfen Kontrollen zu begegnen und alles wieder hergeben zu müssen. Der Warenaustausch zwischen den Ländern des Deutschen Reiches (Preußen, Bayern, Baden…), oft auch zwischen den Gebietskörperschaften war streng verboten. Der schlechten Ernährungslage ist es wohl auch zuzuschreiben, dass die „Spanische Grippe” so viele Opfer forderte.
Die Schulkinder sammelten Brennnesseln, Erd-, Him- und Brombeerblätter, Obstkerne, Bucheckern, Eicheln, später auch Laubheu zur Versorgung der Militärpferde. Darüber wurde sorgfältig Buch geführt. Wenn vormittags gesammelt wurde, fiel der Nachmittagsunterricht aus.

„Es ist begreiflich, dass mancher unentbehrliche Artikel, der sonst in Überfülle vorhanden war, durch den kolossalen Verbrauch und durch Verhinderung der Zufuhr anfängt, zur Neige zu gehen. Dies ist z. B. der Fall bei Wolle, Gummi, Messing. In den Haushaltungen ist aber noch eine große Menge dieser Produkte nutzlos vorhanden. Es gilt sie zu sammeln und technisch neu zu verarbeiten. Die Regierung ordnete deshalb in der Mitte Januar eine so genannte Wollwoche an, in der die entbehrlichen Strümpfe und Kleider gesammelt, gereinigt, geordnet wurden und unsern Tapfern im Felde als willkommene Gabe zum Schutze gegen die Kälte zugeführt worden sind.” 48)

Noch nach dem Ende des Krieges findet man im Notizbuch zur Chronik diese Notiz:

Kriegsanleihen
Kriege kosteten schon immer Geld. Den 1. Weltkrieg finanzierte man über so genannte Kriegsanleihen.
„Ein erhebendes Beispiel von Opfermut und Einigkeit gab der deutsche Reichstag. Einstimmig bewilligte er in der Sitzung vom 5. August den Kredit zur Kriegsführung in der Höhe von 5 Milliarden.” 49)

Die Bevölkerung wird zur Zeichnung von Kriegsanleihen aufgerufen und die Lehrer engagieren sich hier sowohl in der Schule als auch in ihrer Freizeit. Sie wurden von höchster Stelle zur „werktätigen Mitarbeit” aufgefordert. Die Beträge sind peinlich genau in der Schulchronik aufgelistet. Jedes Kriegsjahr im März und September, insgesamt neun Mal wird um Kredite geworben. 1918 wurden sogar die Osterferien gekürzt, um Lehrern und Schülern mehr Zeit zu geben, um Anleihen zu werben. ➥
Die Anleihen waren bis Oktober 1924 unkündbar. Obwohl der Krieg mit einer Niederlage des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns endete, konnte der Staat dank der inflationären Geldentwicklung die Kredite problemlos tilgen. Die Leute bekamen praktisch keinen Wert zurück. Ihr Geld war de facto verloren.

I. Klasse Lenz 9 Schüler mit  57 M
II. Klasse Kirsten 33 Schüler mit 195 M
III. Klasse Geiter 34 Schüler mit  89 M
IV. Klasse Hör 45 Schüler mit 136 M
V. Klasse Thilmany 60 Schüler mit 148 M
1 Stück à 100 M
VI. Klasse Schneider 24 Schüler mit 109 M
VII. Klasse Hemmer 25 Schüler mit 372 M
2 Stück
VIII. Klasse Herrmann 34 Schüler mit 394 M
2 Stück
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Sa 1500 M
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NB. Auf dem Vorschuss durch Werbung der Herren Geiter und Kirsten haben 2 Schüler 1000 M gezeichnet: Leo und Erich Alsfasser. Gesamtsumme der Schülerzeichnung: 2.500 M.
Herr K. Hör war rege tätig. Außer den Schulzeichnungen hatte er 58 Einzelzeichnungen von unter 100 M, 9 größere Zeichnungen über 100 M, so dass durch seine Werbearbeit 15572 M den Kassen zugeführt wurden.
Durch die Werbung des Rektors Kirsten wurden 8000 M und durch Herrn Lenz 700 M und Herrn Thilmany 1000 M zugeführt. Das Bahnhofsystem verzeichnet also 27772 M.” 50)

Kriegsende
In den Notizen zum Kriegsende erkennt man, dass für Leute wie Johann Kirsten ein geistiges Weltbild zusammengebrochen ist. Seine Analyse zu den Ursachen klingt sonderbar.
„Deutschland verhülle dein Haupt! Ist’s möglich? Das Land, von dem man behauptet, es sei monarchisch bis auf die Knochen, ist in 3 x 24 Stunden in eine Republik verwandelt.
Unser herrlicher Kaiser, Wilhelm II., der nur die Größe und das Beste seines Volkes wollte, hat sowohl auf die deutsche Kaiserkrone wie auf die Krone Preußens verzichtet. Dasselbe tat der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm. Der Kaiser befindet sich in Holland. Die kaiserliche Familie hat sich in Berlin dem Schutz des Soldatenrats empfohlen.

Musste es so weit kommen?
Die Ursachen des Zusammenbruchs sind verschieden. Wir alle tragen Schuld.
I. Der fürchterliche Wucher, der getrieben wurde von Bauern, Geschäftsleuten, Handwerkern
II. Das Offizierskorps, das verschwenderisch lebte, während die Soldaten darbten
III. Der Fehlgriff der Militärbehörde, die 17- oder 18-jährige Burschen, die kaum die Quarta hinter sich hatten, zu Offizieren beförderte, während man alte verdiente Unteroffiziere und Feldwebel überging. Die jungen Offiziere konnten sich das Vertrauen der alten 40- bis 45-jährigen Leute nicht erwerben.
IV. Die kleinlichen, schikanösen Verordnungen der Behörden
V. Die Abschließung der einzelnen Länder, Provinzen, Kreise, ja Bürgermeistereien voneinander. Wenn eine arme Mutter für ihre fünfköpfige Familie einige Pfd. Kartoffeln – Eier – Fett etc. hamsterte, so wurden ihr die Sachen von den Gendarmen abgenommen. Die Kinder hungerten. Die Missstimmung, die sich des Volkes bemächtigte, ging an die Front über und untergrub den soldatischen Geist unserer Truppen.
VI. Viele Soldaten standen 3 bis 4 Jahre an der Front, mussten alle Beschwerden des fürchterlichen Krieges ertragen, während junge, gesunde Leute – Schmierer und Schmarotzer – hinter der Front ein schwelgerisches Leben führten.
Deutschland hat die demütigenden Bedingungen der Entente angenommen. Es ist zum Weinen!
Am 10. November bildete sich auf der Allee-Wiese der Neunkircher Soldaten- und Arbeiterrat. Ein großer Zug bewegte sich gegen 5 Uhr zum Bürgermeisteramt und hisste die rote Fahne. Der S. u. A. Rat bemächtigte sich der Verwaltung. Überall Korruption. Die Soldaten verkaufen alles, was nicht niet- und nagelfest ist…
Am 14. November kam der Befehl, sämtliche Schulsäle für die durchziehenden Truppen zu räumen. Neunkirchen soll Etappe werden. Mit 2 Tagelöhnern und den kräftigsten Knaben der Oberklassen wurden die Utensilien auf den Schulspeicher gebracht. 14000 Soldaten waren angemeldet, sind aber nicht eingetroffen.
Wir leben jetzt in einer fürchterlich ernsten, schweren Zeit. Die Sozis preisen sie als die Morgenröte einer neuen, schöneren Zeit. Was uns die Zukunft bringen wird? Hoffentlich wird Deutschlands Stern nicht untergehen!
Neunk. 16.11.18
Kirsten

Am 1. Dezember 1918 – I. Adventssonntag – hatten wir die ersten Franzosen in Neunkirchen. Im Schulhause am Bahnhof wurden drei Säle belegt. Die Feinde haben sich anständig benommen.
3.12.18

Tag und Nacht ziehen frz. Truppen dem Rhein zu. Die Leute sind gesund und munter und guter Dinge. Zu letzterem haben sie alle Ursache. Das Pferdematerial ist nicht so gut wie das deutsche. Ungemein viel Maultiere. Der frz. Kommandant erlässt scharfe Verfügungen. Eine Wohltat ist die Absetzung des Soldaten- und Arbeiterrates.
5.12.18” 51)

„Es ist vorbei! Des Vaterlandes Ruhm ist dahin!
Was wird uns die Zukunft bringen?
Ich kann die Chronik nicht weiterführen, die Feder versagt den Dienst.” 52)

Auf Seite 63 stagniert die Chronik. Kirsten notiert die organisatorischen Notwendigkeiten in einem Notizbuch.


Ende Teil 4
Fortsetzung folgt
Ein Bericht von Jürgen Cornely