Umbruchs- und Krisenjahre 1918 bis 1920
Zwischen Revolution, Wuchertum und Besatzung
– 1. Teil –
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Abb. 1, Das Land an der Saar unter preußischer
und bayerischer Herrschaft bis 1920
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Abb. 2, Das Saargebiet ab 1920.
Es unterscheidet sich in seinem damaligen Grenzen
vom heutigen Saarland
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Abb. 3, Hilfslazarett im Neunkircher Saalbau in der Vogelstraße 1914
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Abb. 4, Aufruf „Sammelt Brennnesseln“
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Abb. 6, Dienstsiegel des
Arbeiter- und Soldatenrat NK 1918,
Quelle. Michael Ebenau. Freiheit für das Volk
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Abb. 5, Aufruf des Neunkircher
Arbeiter- und Soldaltenrates
Einleitung

Die Jahre 1918 bis 1920 waren im Land an der Saar von Krisen, Unruhen und politischen Umbrüchen geprägt. Mit Kriegsende und der sog. Novemberrevolution endete auch für die preußischen und bayerischen Gebietsteile des zukünftigen Saargebietes die Monarchie des Deutschen Reiches. Nach einem kurzen Aufbäumen der Arbeiter- und Soldatenräte besetzten die Franzosen im Rahmen des Waffenstillstandvertrages von Compiègne das Gebiet links des Rheins und richteten – wie auch an der Saar - Militärverwaltungen ein. Mehr und mehr zeichnete sich jedoch an der Saar ein Sonderweg ab der spätestens mit der Veröffentlichung des Textes des Versailler Vertrages im Mai 1919, sichtbar wurde. Die 15 Jahre andauernde Trennung vom Deutschen Reich, verbunden mit gleichzeitiger Unterstellung aller Bergwerke an den französischen Staat, sollte ab 1920 wirksam werden.1
Der Zeitraum vom 1918 bis 1920 wurde von den Landeshistorikern bisher weitestgehend vernachlässigt und es existieren nur einige wenige Aufsätze. Die Stadtgeschichte Neunkirchens ist für diese Zeit dagegen vergleichsweise ausführlich dargestellt. Michael Sander hat sich mit dem Kriegsende und Hans-Joachim Kühn sowie Fabian Trinkaus mit der Arbeiterbewegung befasst.2 Besonders hervorzuheben sind zwei Beiträge von Markus Walther vom Historischen Verein Stadt Neunkirchen e.V., die auf entscheidende Geschehnisse zu dieser bewegenden Zeit detailliert eingehen.3
Im Gegensatz zu vielen anderen Städten und Gemeinden an der Saar verfügt das Stadtarchiv Neunkirchen noch über einen beachtlichen Aktenbestand aus der Tätigkeit seiner Verwaltung und für diesen Beitrag relevanten Zeitungen. Zu erwähnen ist dabei auch der Nachlass des Eisenwerks, der sich ebenfalls im Stadtarchiv befindet. Auch wenn ein großer Teil des Bestandes des Landkreises Ottweiler während des 2. Weltkrieges in Koblenz vernichtet wurde, konnten einige Akten zur Besatzungszeit den Weg ins Landesarchiv Saarbrücken finden, wo sie noch heute einsehbar sind.4

Neunkirchen im 1. Weltkrieg
Der Neunkircher Bürgermeister Hermann Ludwig schreibt über die Lage zu Kriegsende: „Der lange schwere Krieg hat von den Saargemeinden ganz besonders hohe Leistungen gefordert und deren Kräfte in außerordentlich drückender Weise in Anspruch genommen. Die Gemeinden sahen sich genötigt, ihre steuerliche Leistungsfähigkeit sehr stark anzuspannen und außer den hohen direkten Steuern noch drückende indirekte Steuern aller Art aufzubringen. Auch die einzelnen Bürger mussten schwere Opfer bringen und schließlich gegen geringe Entschädigung alles, was für die Kriegsführung brauchbar war, von ihrem lebenden und toten Inventar hergeben. Dazu kam die fortgesetzt wachsende große Knappheit an Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen aller Art, wodurch nicht nur der Wohlstand, sondern auch die Gesundheit der Bevölkerung schwer litt.“5
Was Ludwig hier beschreibt, war in allen Städten Deutschlands allgegenwärtig: Spätestens seit 1916 dominierten Mangelwirtschaft und Rationalisierungen alle Bereiche des täglichen Lebens. Die englische See­blockade in der Nordsee verhinderte Lieferungen aus dem (neutralen) Ausland und der „Steckrübenwinter“ 1916/1917 blieb noch Jahrzehnte lang im Kollektivgedächtnis der Deutschen präsent. In Zeitungsanzeigen und auf Plakaten wurde die Bevölkerung zum Sammeln von Lumpen und Brennnesseln aufgefordert, der für Neunkirchen zuständige Regierungspräsident in Trier erließ Kuchenverbote und die Stadtbevölkerung hamsterte Lebensmittel vom Land und schmuggelte Butter über die preußisch-bayerische Grenze. Der Werkmeister im Neunkircher Stahlwerk Rudold Grenner schreibt in seinem Tagebuch:
„Es wurden für alte Kartoffeln sogar bis zu 40 ja 50 Pfennig das Pfund verlangt und bezahlt. Viele Bauern scheinen das Scham- und Ehrgefühl vollständig verloren zu haben und sind daher schlimmer als unsere Feinde speziell die Engländer.“6
Neben dieser prekären Ernährungslage machte im letzten Kriegsjahr ebenfalls die Spanische Grippe den Menschen zu schaffen, die zahlreiche Todesfälle mit sich brachte.
Auch wenn die Auswirkungen von Fliegerangriffen auf die westdeutschen Städte mit denen im 2. Weltkrieg nicht annähernd zu vergleichen sind, so stellten die zehn für Neunkirchen dokumentierten Luftangriffe ab Herbst 1916 eine ständig präsente Gefahr für die Bevölkerung. Verdunklungsmaßnahmen und Flak-Geschütze sollten besonders die kriegswichtige Industrie schützen.7

Die November-„Revolution“
Von Kiel und Berlin breitete sich der „Umsturz“ auch an der Saar aus. Der Kaiser musste abdanken und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Doch im Gegensatz zum 1917 vollzogenem Sturz der Monarchie in Russland sowie der Ausrufung der Sowjetunion durch Lenin, in Folge dessen noch jahrelang Hunderttausende interniert und hingerichtet wurden, lief dies in fast allen deutschen Städten gewaltfrei ab. In der Nacht vom 10. auf den 11. November 1918 kam es zur Plünderung des Neunkircher Lebensmitteldepots. Und schon am 11. November wurde aus einer einberufenen Versammlung der Arbeiter- und Soldatenrat mit Sitz in der Gambrinushalle gegründet.8 So wie überall im Lande rief er die Bevölkerung zu Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung auf. „Jeder bleibt an seinem Platze“ war das Gebot der Stunde. Die in Neunkirchen herausgegebene „Saar- und Blies-Zeitung“ erschien mit dem Untertitel „Amtliches Organ des Arbeiter- und Soldatenrates“9. In Berlin legte der „Rat der Volksbeauftragten“ fest, dass die Räte keine Entscheidungsbefugnisse innerhalb der bestehenden Verwaltung und keine Zugriffe auf die öffentlichen Finanzen haben10. Bürgermeister und Landräte blieben also fast überall in ihren Ämtern, Stadt- und Gemeinderäte tagten weiter, ebenso die kommunalen Verwaltungen und Ministerien11. Der Arbeiter- und Soldatenrat beschränkte sich auf Arbeiternehmerfragen, wie die Gründung von Betriebsräten. Der Historiker Trinkaus bezeichnet die Einführung des Achtstundentages, die er den Verantwortlichen des Neunkircher Eisenwerks abrang und auch nach Ende der Räte zunächst nicht angetastet wurde, als größten Erfolg des Neunkircher Arbeiter- und Soldatenrats12. Letztlich kann man aber nicht von einer November-“Revolution“ sprechen, insbesondere wenn man zum Vergleich den nur ein Jahr zuvor erfolgten Umsturz in Russland mit der von Lenin ausgerufenen Sowjetunion heranzieht.

Hermann Petri
Zum Vorsitzenden des aus 21 Neunkircher Bürgern bestehenden Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Bergmann und Sozialdemokrat Hermann Petri (1883-1957) gewählt13, der als eine von vielen Persönlichkeiten seiner Zeit, die auch nach Ende der Räte in der Politik präsent blieben, gilt. So war Petri in allen vier Legislaturperioden Mitglied des saarländischen Landesrates (1922-1935), kämpfte 1934/35 gegen einen Anschluss der Saar an Nazi-Deutschland, wurde 1943 im besetzten Frankreich aufgegriffen, vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Haft verurteilt und blieb bis zur Befreiung seines Lagers durch die Rote Armee gefangen. Nach dem 2. Weltkrieg war er von 1947-1956 saarländischer Landtagsabgeordneter.14
Weitere Beispiele für Persönlichkeiten aus den Räten sind der ehemalige Vorsitzende des Saarbrücker Arbeiter- und Soldatenrates Valentin Schäfer, der 1922 Fraktionsvorsitzender der SPD im Landesrat wurde15, oder der am 10. November 1918 die „Republik St. Ingbert“ ausrufende Heinrich Rebmann, der als Mitglied des Bezirkstages weiterhin politisch tätig blieb.16
Einer der Wortführer im Arbeiter- und Soldatenrat war der Augenarzt Karl Schneider, nach dem 1948 in Neunkirchen eine Straße benannt worden ist.17
Das Ende der Revolutionsbewegung an der Saar war bereits zwei Wochen nach ihrem Beginn abzusehen. Französische Truppen besetzten das Saargebiet und zeigten keinerlei Interesse an unklaren Verhältnissen. Jede Zusammenarbeit mit den Räten wurde abgelehnt und deren sofortige Auflösung angeordnet.18
Fußnoten:
 1. Vgl. RGBl. 1919, S. 769 ff., Versailler Vertrag, v.a. Artikel 45 und 49
 2. Vgl. Sander, Michael, Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, sowie Kühn, Hans-­Joachim, Zwischen zwei Weltkriegen. Völkerbundsverwaltung und Nationalsozialismus, beides erschienen in: Knauf, Rainer, u.a., Neunkircher Stadtbuch (Ottweiler Druckerei und Verlag GmbH), Ottweiler 2005 sowie Trinkaus, Fabian, Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen/Saar und Düdelingen/Luxembourg. 1880-1935/40. Ein historischer Vergleich (Kommission für Saarländische Landesgeschichte), Saarbrücken 2014
 3. Vgl. Walther, Markus, Querbeet durch die Geschichte Neunkirchens und seiner Umgebung. Kurze Ausflüge in die Geschichte Neunkirchens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts (Historischer Verein Stadt Neunkirchen e.V.), Neunkirchen 2005. Darin enthalten ist der Artikel Bombenangriffe auf Neunkirchen im 1. Weltkrieg aus französischer u. amerikanischer Darstellung sowie die Darstellung Neunkirchen – kurz nach dem 1. Weltkrieg. Einzelne Ereignisse in den Jahren 1918/19
 4. Vgl. Landesarchiv Saarbrücken, Best. LRA OTW
 5. Auszug aus dem Schreiben „Notlage der Gemeinden im Saarland“ vom 14. Juli 1920, verfasst von Bürgermeister Ludwig Hermann. In: StA Neunkirchen A II / 51, StA Saarbrücken, G 1285, StA Völklingen A 1160
 6. Tagebuch Rudolf Grenner, in: Labouvie, Eva (Hrsg), Saarländische Geschichte. Ein Quellenlesebuch. Blieskastel, 2001, S. 320
 7. Vgl. Walther, Bombenangriffe auf Neunkirchen im 1. Weltkrieg
 8. Saarbrücker Zeitung vom 14. November 1918
 9. U.a Neunkirchener Zeitung vom 25. November 1918
10. Vgl. Landesarchiv Saarbrücken, Best. LRA OTW 5: Schreiben des preußischen Ministers für Inneres und der Finanzen vom 11. November 1918
11. Vgl. Landesarchiv Saarbrücken, Best. LRA.OTW 5: Telegramm des Regierungspräsidenten Trier an das Landratsamt Ottweiler vom 15. November 1918, worin die Verwaltung zur Zusammenarbeit mit den Räten aufgefordert wird
12. Trinkaus, Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen/Saar und Düdelingen/Luxembourg, S. 470 f.
13. Kühn, Zwischen zwei Weltkriegen, S. 331
14. www.saarland-biografien.de/frontend/ php/ergebnis_detail.php?id=2510 (eingesehen am 09.02.2019)
15. Vgl. Die Fraktionen des Landesrates des Saargebietes, Der Geist des Saarstatuts, 1923. Schäfer wird darin als einer von vier Unterzeichnenden Fraktionsvorsitzenden genannt
16. Vgl. Schreiben des Beirksamtes St. Ingbert an die Regierungskommission vom 29.07.1921, in: Commission de Gouvernement de la Sarre, United Nations Archives Geneva, UNA Commission Files, C 306 Consultations et Assemblies populaires 1921
17. Schlicker, Armin, Straßenlexikon Neunkirchen, S. 233
18. Ebenau, Michael, Freiheit für das Volk,

Abbildungsverzeichnis:
• Abb. 1: Bibliothek allgemeinen und praktischen Wissens für Militäranwärter Band 1, 1905 (Deutsches Verlagshaus Bong & Co) Berlin 1905
• Abb. 2: Aust, Bruno, Das Werden des Saarlandes. 500 Jahre in Karten,
Saarbrücken 2008
• Abb. 3: Sachs, Hans Günther,
Viele Grüße aus Neunkirchen/Saar
• Abb. 4: Landesarchiv Saarbrücken,
Plakat 542
• Abb. 5: Landesarchiv Saarbrücken,
Plakatsammlung, in: Gerhard, Paul u.a., Saargeschichte im Plakat

Weitere interessante und wissenswerte Informationen über den Historischen Verein Stadt Neunkirchen e.V. und deren Vorträge erhalten Sie auch im Internet unter der folgenden Adresse: https://www.hvsn.de/.
Ende des 1. Teils
Weitere Fußnoten und Abbildungsverzeichnisse im nächsten Teil
Ein Bericht von Dominik Schmoll