Umbruchs- und Krisenjahre 1918 bis 1920
Zwischen Revolution, Wuchertum und Besatzung
4. und letzter Teil
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Abb. 18, 40 Jahre als Bürgermeister in Neunkirchen:
Hermann Ludwig
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Abb. 19, Das Stummdenkmal mit dem Eisenwerk im Hintergrund
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Abbildung 20, Das Eisenwerk mit
Hochofengruppe an der Saarbrücker Straße
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Abb. 21, Das Stumm’sche Herrenhaus an der Saarbrücker Straße
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Abbildung 22, Die Regierungskommission ab Sommer 1920:
Sitzend von links: Jakob Hector, Victor Rault und
Jacques Lambert.
Stehend von links: Léon Moltke-Huitfeld und Deans Waugh
Die französische Einflussnahme auf die Politik

Mit der Amtsübernahme Wirbels änderte sich die französische Saar-Politik. Hatte man zuvor versucht, die Saarländer von Frankreich zu überzeugen, wurde nun mit entschlossener Härte vorgegangen: Politiker, Bürger, Journalisten oder Beamte, die die Besatzungspolitik kritisierten, mussten mit Ausweisungen in das nichtbesetzte rechtsrheinische Deutschland rechnen. So erfolgte es mit den Landräten von Ottweiler, Saarbrücken und Saarlouis und ebenso wie bereits im April beim Saarbrücker Oberbürgermeister den Bürgermeistern von Saarlouis und St. Ingbert. Der Völklinger OB beging nach seiner Festnahme Freitod. Amtswechsel in 1919/1920 gab es bei den Landräten in Merzig, Homburg und St. Ingbert. Auch wurden durch Einflussnahme auf die saarländischen Parteien Machtkämpfe geschürt, besonders im Hinblick auf die Ernennung des saarländischen Mitglieds der Regierungskommission.

Der Blick auf Neunkirchen ist dabei besonders erwähnenswert: Denn der Bürgermeister der zweitgrößten saarländischen Stadt blieb unangetastet. Ob es daran lag, dass Ludwig zum Zeitpunkt der Besetzung bereits mehr als respektable 30 Jahre im Amt war, kann nur gemutmaßt werden. Auch eine zu enge Zusammenarbeit mit der neuen Macht kann man ihm wohl nicht anhängen, da ihm die Neunkircher sonst sicher nicht bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1926 – mit dann genau 40 Jahren als Bürgermeister - im Amt gelassen hätten. Im Juli 1920 verfasste er federführend für alle Bürgermeister im Land die an die Regierungskommission gerichtete Schrift „Notlage der saarländischen Gemeinden“.45

Das Neunkircher Eisenwerk
Wie überall an der Saar übten die Franzosen durch Einschränkungen im Lieferverkehr Druck auf die Industriellen aus. Für Neunkirchen galt dies insbesondere bei Erzen und Kohle. So schrieb die Saar- und Blies-Zeitung am 15. Mai 1919: „Niedergang der Industrie. Wegen andauernden Materialmangels sieht sich die Hütte zu größeren Arbeiterentlassungen veranlasst. Auf dem Nordwerk ist der Betrieb der dritten Schicht bis auf weiteres eingestellt (…).“46 So ergab sich auch in Neunkirchen ein tiefer Schnitt in der Stadtgeschichte: Die Familie Stumm verkaufte 60 % ihres Neunkircher Werks an den französischen Staat und verlagerte ihr operatives Geschäft an die Ruhr Dafür erhielten sie „108 Millionen Franken oder über eine halbe Milliarde Mark.“47 Ähnlich erging es der Familie mit Ihrem Werk in Homburg. Die lothringischen Werke wurden von Frankreich zwangsbewirtschaftet. Der größte Arbeitgeber im Ort hieß von nun an also „Neunkircher Eisenwerk AG vormals Gebrüder Stumm“.48 So konnte die Hütte in ihrem Jahresbericht von 1921/22 vermelden, dass das Werk „unter fast normalen Verhältnissen“ arbeitete und es bzgl. der Kohleversorgung „zu besonderen Klagen keine Veranlassung“ gab.49

Die Einsetzung der Regierungskommission
Laut Versailler Vertrag sollte eine fünfköpfige Regierungskommission (ein Franzose, ein Saarländer und drei weitere, die weder deutsch noch französischer Nationalität sein durften) im Auftrag des Völkerbundes das Saargebiet ab 1920 regieren.50 Da bei Gesetzesänderungen zwar die gewählten Gremien (d.h. bis zur Einsetzung des Landesrates im Jahre 1922 zunächst die Kreistage) „gehört“ werden mussten,51 aber ansonsten keine Mitbestimmung hatten, kann von demokratischen Verhältnissen keine Rede sein. Die Akten in den Archiven in Paris und Genf belegen, welch großen Einfluss Frankreich in der entscheidenden Phase im Januar 1920 auf die Auswahl der Kommission hatte. Zum Präsidenten wurde der französische und staatstreue Präfekt Victor Rault ernannt. Weitere Kommissionsmitglieder waren der Belgier Jaques Lambert, der aus dem Militär kam und zuvor in der vom Versailler Vertrag festgelegten Abgrenzungskommission für das Saargebiet tätig war, und der Däne Léon Albin Moltke-Huitfeld, der als frankophil galt und zuvor schon jahrelang in Paris gelebt hatte. Der vorherige Landrat von Saarlouis Alfred von Boch trat aus Protest auf die Reaktion beim Beamtenstreik 1920 von seinem Amt zurück, sodass der noch ein Jahr zuvor auf Empfehlung von General Andlauer zum Bürgermeister von Saarlouis gewählte Jacob Hector dieses Amt übernahm. Einzig der Kanadier Waugh galt bei den Saarländern als unbefangen und wurde geschätzt. Mit Einsetzung der Regierungskommission und Aufbau einer ersten saarländischen Zentralverwaltung in Saarbrücken wurden viele französische Beamte in einflussreiche Ämter befördert. Amtssprache war im Allgemeinen Französisch. Die Kommission, in die anfangs noch Hoffnungen gesetzt wurde, galt bei den Saarländern bald als Befehlsempfänger Frankreichs. Auch weiterhin wurden Menschen aus dem Land ausgewiesen. Entgegen dem Versailler Vertrag blieb das französische Militär noch jahrelang im Saargebiet stationiert. Erst mit dem Ausscheiden Raults im Jahre 1926 und den folgenden kanadischen und britischen Präsidenten sowie dem ab 1924 im Amt stehenden saarländischen Mitglied Bartholomäus Koßmann verbesserte sich das Verhältnis zwischen Kommission und Bevölkerung. Doch die größte Macht im Saargebiet war die Grubenverwaltung, die dem französischen Staat direkt unterstand und mit Abstand größter Arbeitgeber im Land blieb.

Ausblick auf die 1920er Jahre
Mit Beginn der Saargebietszeit hörten die zahlreichen Krisen im Land nicht auf. Die schrittweise Einführung der französischen Währung führte spätestens mit der Umstellung der Zahlungsweise der Bergarbeiter mit dieser Währung zu großen Ungerechtigkeiten, da daneben noch die schwache Mark bestand, mit der beispielsweise die Kommunalbeamten noch deutlich länger bezahlt wurden. Bürgermeister Ludwig schreibt 1920 an den Landrat in Ottweiler: „Die allgemeine wirtschaftliche Lage gilt als eine geradezu verzweifelte. Das verarmte Land wird fortgesetzt zu uferlos wachsenden Ausgaben getrieben, ohne dass ein Ende absehbar wäre, und das Volk tanzt und jubelt dem Abgrund entgegen. Und fehlt die rettende starke Hand.“
Doch für die Stadtgeschichte Neunkirchens hatte die Saargebietszeit auch positive Auswirkungen, denn ohne die Familie Stumm als jahrzehntelanger faktischer Herrscher des „größten Dorfs Preußens“, konnte ein lange überfälliger Verwaltungsakt vollzogen werden: Am 23. Dezember 1921 ordnete der Präsident der Regierungskommission Rault an: „Die Gemeinden Neunkirchen, Niederneunkirchen, Wellesweiler und Kohlhof werden (…) zu einer Gemeinde mit dem Namen „Neunkirchen“ vereinigt.“ Zusätzlich zu dieser am 1. April 1922 in Kraft zu tretenden Bestimmung wurde Neunkirchen die „Städteordnung“ verliehen.52

Fazit
Der Mangel an Lebensmitteln und Versorgungsgegenständen, die Teuerung und die hohe Sterblichkeit hörten nach dem Krieg nicht auf und sollten noch weit bis in die 1920er Jahre andauern. Die Neunkircher Bürgerinnen und Bürger litten dabei ähnlich wie die Menschen in allen anderen Städten an der Saar. Die neuen politischen Verhältnisse führten speziell in Neunkirchen zu einschneidenden Folgen: Dem Ende der „Regentschaft“ der Familie Stumm folgte schon die Verleihung der Stadtrechte, was im Jahr 2022 anlässlich des dann 100jährigen Jubiläums sicher gewürdigt wird.
Durch die „Herr-im-Haus“-Mentalität der Franzosen während der Besatzungs- und Saargebietszeit entwickelte sich eine große Ablehnung der Saarbevölkerung gegenüber der Regierungskommission und dem Völkerbund. Doch trugen die Ereignisse dazu bei, dass sich eine Schicksalsgemeinschaft und eine eigene Identität bildeten: Aus Preußen und Bayern wurden erstmals Saarländer.

Fußnoten:

  1. siehe Anmerkung 5
  2. Saar- und Blies-Zeitung vom 15.05.1919
  3. Ottweiler Kreisblatt vom 09.04.1920
  4. Vgl. Ebd.
  5. Neunkircher Eisenwerk. Jahresbericht 1921/22, Stadtarchiv Neunkirchen, Best. Depositium Saarstahl AG Neunkirchen Nr. 751 / 1 / 6 / 21 / 6
  6. Vgl. Versailler Vertrag, Anlage zu den Artikel 45 bis 50, § 17
  7. Vgl. Versailler Vertrag, Anlage zu den Artikel 45 bis 50, § 23
  8. Generalsekretariat der Regierungskommission, Amtsblatt der Regierungskommission des Saargebietes 1922, Nr. 3 Verordnung betr. Erhebung der Gemeinde Neunkirchen zur Stadt, S. 2

Abbildungsverzeichnis:
• Abb. 18: Knauf, Rainer, u.a., (Hrsg.) Neunkircher Stadtbuch (Kreisstadt Neunkirchen) Neunkirchen 2005, S. 324 f.
• Abb. 19: Fotosammlung HVSN
• Abb. 20: Fotosammlung HVSN
• Abb. 21: Fotosammlung HVSN
• Abb. 22: Landesarchiv Saarbrücken
Bestand NL. Buch 19
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Weitere interessante Informationen über den „Historischer Verein Stadt Neunkirchen“ e.V. erhalten Sie auch im Internet unter der folgenden ­Adresse www.hvsn.de.
Ende
Ein Bericht von Dominik Schmoll