Gunther von Hagens präsentiert Körperwelten der Tiere
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Plastinator Gunther von Hagens und
Kuratorin Dr. Angela Whalley mit dem weltgrößten Plastinat der Elefantenkuh Samba
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Oberbürgermeister Jürgen Fried (links)
im Gespräch mit Dr. Gunther von Hagens und
Dr. Angela Whalley
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Besonders eindrucksvoll
ist auch das Plastinat des Gorillas.
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Auch einen Kraken sieht man nicht alle Tage.
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Ein 2,50 Meter großer Braunbär
mit seinen mächtigen Tatzen
Eine echte Weltpremiere gibt es momentan im Neunkircher Zoo zu sehen: Dr. Gunther von Hagens’ „Körperwelten der Tiere“. Interessant und eindrucksvoll zeigt die Ausstellung Einblicke, die man so noch nicht gesehen hat. Nicht zuletzt ist Elefantenkuh Samba auf diese Weise wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt.
Dr. Gunther von Hagens lud zur Pressekonferenz in die eindrucksvolle, rein zu diesem Zweck im Neunkircher Zoo errichteten Halle mit den „Körperwelten der Tiere“ und natürlich folgten wir der Einladung – mit gemischten Gefühlen: neugierig aber auch skeptisch. Schließlich sorgen die Ausstellungen „Körperwelten“ des umstrittenen Plastinators regelmäßig für heiße Diskussionen und die Elefantenkuh Samba, die Viele von uns lange Jahre als einen der – sehr lebendigen – Besuchermagneten im Zoo kannten, nun entblößt und im Gerippe anschauen zu müssen, stimmte uns kritisch. Unsere Befürchtungen wurden beim Rundgang in der professionell gestalteten Ausstellung über Bord geworfen und wir können den Besuch der „Körperwelten der Tiere“ nur empfehlen – bevor sie demnächst wohl über längere Zeit in Amerika zu sehen ist.
Betritt man die Halle durch die Drehtür, sieht man als Erstes ein junges Schaf, bei dem vor allem Muskulatur und Darm offen gelegt sind. Bei der Ziege nebenan sieht man hingegen auch Teile des Skelettes und viele Blutgefäße. Ob die beiden Rentiere, die im schnellen Lauf dargestellt sind, nun Geschirr tragen müssen oder nicht, darüber kann man sich sicher streiten, aber Muskulatur und Knochen sind interessant anzuschauen. Ebenso verhält es sich mit dem „Fliegenden Yak“, dem ein zweiter, anders dargestellter Kopf auf den Schwanz gesetzt wurde und das seinen Namen nur deshalb erhielt, weil es durch die nach oben geklappte Leibeswand aussieht, als ob es fliegt. Hier kombinierte Dr. Gunther von Hagens die „anatomisch-wissenschaftliche Präsentation des Körperinneren“ mit der „künstlerischen Verfremdung in den fantastischen Bereich hinein“. Auch das Fohlen, dessen innere Organe separat dargestellt sind, ist ein lehrreiches Exponat. Der 2,50 Meter große und 275 Kilogramm schwere plastinierte Braunbär wurde 2009 in 6.300 Arbeitsstunden präpariert und beeindruckt nun die Besucher auch nach seinem Tod. Alle Tiere, die von Hagens plastiniert hat, sind übrigens eines natürlichen Todes gestorben. Auch einen Strauß ohne Federkleid zu sehen, ist interessant. Einen besonders mächtigen Eindruck macht dann bereits der Gorilla, 1,85 Meter groß und 200 Kilogramm schwer, bevor man dann zur Giraffe, dem bislang zweitgrößten Plastinat nach Samba, kommt. Ihr in vier Teile zerlegter Kopf zeigt unter anderem das dichte Arteriennetz unterhalb des Gehirns und man kann auch einen Blick auf das spektakuläre zehn Kilogramm schwere Herz werfen. Ganz am Ende der Ausstellung, die in Themen angeordnet ist, trifft man dann auf den plastinierten 3,50 Meter hohen und sechs Meter langen Körper von Samba, das größte Plastinat der Welt. Bis dahin hat kein Laie je die unter der zwei Zentimeter dicken Hautschicht verborgenen Muskelmassen und riesigen Organe gesehen. Über zweieinhalb Jahre arbeiteten von Hagens und seine Mitarbeiter im chinesischen Dalian insgesamt 64.000 Stunden an dem 3,2 Tonnen schweren Rüsseltier, das nach der Pressekonferenz enthüllt wurde.
Aber es gibt nicht nur große Tiere und spektakuläre Plastinate zu sehen – vom größten Exponat, der Elefantenkuh Samba, bis hin zum kleinsten, dem Herz einer Echse, sind alle Ausstellungsstücke hoch interessant. Zwischen den größeren bis großen Tieren sind viele Schaukästen aufgestellt, die zum Beispiel Skelette, Organe und Gefäße von Huhn, Frosch, Kaninchen, Schwein, Ratte oder Rentier zeigen. Auch Plastinate von einem Kraken, einem Kalamar oder einem Haifisch kann man besichtigen. Von „unserer“ Elefantenkuh Chiana sind ein Längsschnitt ihres Beines und der Querschnitt ihres Fußes zu sehen. Insgesamt sind mindestens 120 Exponate ausgestellt. Zu vielen Tieren gibt es große Fotos und ausführliche Beschreibungen bei den Objekten.
Zoodirektor Dr. Norbert Fritsch sprach als Gastgeber zuerst zu den zahlreichen Presseleuten und erklärte den Weg der Elefantenkühe zur Plastination. Wie wir bereits in unserer April-Ausgabe 2005, kurz nachdem Samba unvorhergesehen verstarb, berichteten, kam diese Lösung ganz knapp vor der Zerstückelung des Elefanten in metergroße Teile in der Tierkörperbeseitungsanstalt, die vom Zoodirektor selbst und seinem Mitarbeiter Thomas Frank ausgeführt werden sollte. „Die Plastination war die bessere Lösung für Samba und später auch für Chiana als die Entsorgung als Abfall“, erklärte Fritsch seine Entscheidung und begrüßte das „vollkommen neue Format der Ausstellung“ – nicht ohne sich bei dem Team zu bedanken, das bis in die späte Nacht und auch noch am Morgen der Eröffnung arbeitete. Oberbürgermeister Jürgen Fried dankte von Hagens mit seinem Team und der Kuratorin Dr. Angela Whalley und auch dem Zoodirektor für diese Weltpremiere im Neunkircher Zoo und legte kurz dar, welche große Bedeutung der Tierpark für die Stadt habe und dass Rat und Verwaltung dessen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten immer unterstützt und gefördert habe. Auch für Dr. Angela Whalley war dieser Morgen etwas Besonderes, obwohl sie schon seit 15 Jahren die Verantwortung für Ausstellungen trägt. Sie erklärte unter anderem, dass alleine die Fertigstellung von Sambas Körper 3,5 Millionen Euro kostete und dies nur möglich war, weil die bisherigen Ausstellungen so erfolgreich waren. Auch ist sie überzeugt, dass diese Präsentation ein großer Beitrag zum Tierschutz ist und gab zu diesem Anlass bekannt, dass aus Amerika bereits schon mehrere Angebote zu Ausstellungen vorliegen. Dr. Gunther von Hagens selbst unterstrich in seiner Rede unter anderem die neue Wertschätzung der Tiere und auf sein „Törö“ wurde das Plastinat Sambas enthüllt.
An der Stelle, an der nun das große Ausstellungszelt steht, soll ab 2011 die neue Raubtieranlage zu besichtigen sein. Der Eintritt zu den „Körperwelten der Tiere“ wird dabei helfen, die geplante Anlage zu finanzieren.

Die „Körperwelten der Tiere“ sind noch bis zum 2. Mai 2010 im Neunkircher Zoo täglich von 8.30 bis 18.00 Uhr (Kassenschluss 17.00 Uhr) zu sehen. Der Eintritt für Zoo und Körperwelten kostet für Erwachsene zehn Euro, für Kinder von drei bis 16 Jahren sieben Euro. Weitere Infos erhalten sie unter Telefon 06821-21853 oder im Internet unter www.zoo-neunkirchen.de.



Plastination
Die Plastination wurde 1977 von Dr. Gunther von Hagens, Mediziner und Wissenschaftler, erfunden. Das Verfahren ist eine revolutionäre Konservierungsmethode, die es möglich macht, den Verfall toter Körper zu stoppen und langfristig haltbare sowie geruchlose anatomische Präparate für die wissenschaftliche und medizinische Ausbildung herzustellen. Bei der Plastination werden einem Präparat sämtliche Körperflüssigkeiten und löslichen Fette entzogen und zunächst durch ein Lösungsmittel wie Azeton ersetzt. Im nächsten Schritt erfolgt die vakuum-forcierte Imprägnierung, bei der das Lösungsmittel durch reaktive Harze oder Elastomere ersetzt werden. Abschließend erfolgt die Aushärtung mit Licht, Wärme oder bestimmten Gasen. Weitere Informationen erhalten Sie im Internet unter www.koerperwelten.de.
ts/rw